Umfrage
Mehrheit sieht negative Entwicklung im heimischen Gesundheitssystem
- Die Vizepräsidentin der Kammer sowie Kurienobfrau der niedergelassenen Ärzte, Naghme Kamaleyan-Schmied, stellt ein ganzes Forderungspaket vor.
- Foto: Johannes Reiterits/MeinBezirk
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Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien präsentierte ihr jüngstes Gesundheitsbarometer von Meinungsforscher Peter Hajek. 70 Prozent sehen demnach eine negative Entwicklung im heimischen Gesundheitssystem, knapp zwei Drittel der 1.000 Befragten wünschen sich mehr Investitionen. Jetzt sei die neue Bundesregierung gefordert.
WIEN/ÖSTERREICH. Während sich der Bundesregierungs-Poker in Form von Koalitionsgesprächen langsam aber stetig voran zieht, bleibt auch die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien (ÄKW) nicht untätig. Dass die Ärzteschaft weitere Investitionen von der Politik fordert, das ist so weit nichts Neues und nichts Unbekanntes. Doch heuer, besonders passend zum Zeitpunkt, präsentiert man fast schon traditionell auch eine Umfrage des renommierten Meinungsforschers Peter Hajek.
Aus dem ganzen Land wurden dazu 1.000 Personen befragt, was laut Hajek repräsentativ für die österreichische Bevölkerung sei. Die Ergebnisse seien für die Kammer ein Warnsignal. Denn 70 Prozent würden die Entwicklung im Gesundheitssystem klar negativ sehen. 65 Prozent, also knapp zwei Drittel der Befragten, würden sich vom Staat höhere Investitionen in die Gesundheit wünschen.
Verglichen mit den Gesundheitsbarometern der letzten Jahre zeige sich für die ÄKW, dass die Schere zwischen Zufriedenen und Unzufriedenen seit Herbst 2021 immer weiter auseinandergehe. Gleichzeitig gebe es beim Investitionswunsch der Bundespolitik in die Gesundheit ebenso einen deutlichen Anstieg im Vergleich zu 2022. Der Wunsch nach mehr Geld für die Medizin übertrumpfe sogar Investitionswünsche in Soziales, die Pflege und die Bildung.
Fast die Hälfte geht zum Wahlarzt
Im Mittelwert würde die Gesundheitsversorgung von den Befragten nur noch als „mäßig“ beurteilt. Begründet wird dies mit verschiedenen Indikatoren, wie aus der Umfrage ersichtlich sei. Bereits mehr als ein Drittel (36 Prozent) beklage demnach, dass es bei den Kassenärzten nicht ausreichend Zeit gebe, um sich mit allen Anliegen auseinanderzusetzen. 47 Prozent hätten dazu auch im vergangenen Jahr eine Wahlärztin oder einen Wahlarzt aufgesucht. Immerhin zwei Drittel (65 Prozent) würden sich außerdem wünschen, Medikamente neben der Apotheke auch direkt beim Arzt zu bekommen.
- Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte Wien präsentierte den jüngsten Gesundheitsbarometer. Dazu wurden im September 1.000 Österreicherinnen und Österreicher befragt.
- Foto: Johannes Reiterits/MeinBezirk
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„Man fordert ganz eindeutig Investitionen, was nachvollziehbar ist. Durch den derzeitigen Kostendämpfungspfad sind wir in eine ordentliche Schieflage geraten“, so das Resümee von Kammerpräsident Johannes Steinhart bei der Präsentation der Umfrageergebnisse am Dienstag. Eine wichtige Rolle spiele aber auch die Wohnortnähe von Ärztinnen und Ärzten, was die Umfrage ebenso zeige. 38 Prozent, und damit die relative Mehrheit, würden eine Arztpraxis in 15 Minuten Fußweg-Entfernung noch akzeptieren. Eine klare Absage an sogenannte Ärztezentren, gerade im nicht urbanen Raum, so Steinhart.
Pandemie als "Brandbeschleuniger"
"Wir sehen in unserem Gesundheitsbarometer einen Weckruf an die Politik. Man muss anders denken, um eine wohnortnahe, zeitlich ausreichende medizinische Versorgung", so Steinhart. "Wir haben auch abgefragt, wo die Politik mehr Geld investieren soll. Das machen wir jedes Jahr. Der Wunsch für mehr Investitionen in das Gesundheitswesen ist nicht nur – wie letztes Jahr – wieder auf Platz 1, sondern sogar gestiegen, während andere Bereiche gesunken sind“, wertet Meinungsforscher Hajek die Daten genauer aus.
- Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien präsentierte ihr jüngstes Gesundheitsbarometer von Meinungsforscher Peter Hajek.
- Foto: Max Spitzauer/RMW
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Seit 2016 wird das Gesundheitsbarometer aufgestellt. Besonders auffällig sei, dass ungefähr sei Mitte der Pandemie hin, seit Juli 2021, die Menschen das Fortschreiten des Gesundheitssystems immer negativer wahrnehmen. „Die Pandemie war nicht der Auslöser. Die Pandemie war nur der Brandbeschleuniger, das ist mir ein Anliegen zu sagen. Bereits 2019 sprachen Befragte in sogenannten Fokusgruppen davon, dass es eine Klassenmedizin gäbe“, erklärt Hajek.
Weitere 1.000 Kassenarztstellen gefordert
52 Prozent der Befragten würden die Schuld an der derzeitigen Lage der Bundespolitik zuschreiben. Bei der Ärztekammer hat man daher ein Forderungspaket mit acht Punkten zusammengestellt, welches man der nächsten Bundesregierung übergeben möchte. Allen voran stehen wichtige Investitionen unter dem Motto „Weitsicht statt Rotstift“. Es benötige jedoch auch dringend mindestens 1.000 weitere Kassenarztstellen. Aber auch Angriffe auf Wahlärzte müssten aufhören, da diese derzeit eine wichtige Versorgungslücke schließen würden. Gleichzeitig müsste das Berufsbild der Medizinerinnen und Mediziner im Kassenarztsystem attraktiver werden.
- Kammerpräsident Johannes Steinhart (r.) sieht einen klaren Auftrag für eine neue Bundesregierung.
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Vizepräsidentin und Kurienobfrau der niedergelassenen Ärzte, Naghme Kamaleyan-Schmied, ergänzt dazu: „Die Arbeit eines Arztes wird immer mehr zu einer Fließbandmedizin. Wir sehen hier einen klaren Wunsch und Auftrag der Bevölkerung an die Politik, in das System zu investieren". Dass noch zu Beginn der Pandemie 52 Prozent – im deutlichen Unterschied zu jetzt – meinten, das Gesundheitssystem bewege sich in die richtige Richtung, liege auf der Hand. Denn damals wurden Gelder großzügig zur Verfügung gestellt, ein Signal für die Richtung, die jetzt eingeschlagen werden sollte. „Ich fordere endlich einen Schulterschluss, damit wichtige Reformen umgesetzt werden."
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