Coole Maschen -
Emanzipation andersrum oder neue männliche Kreativität?
- Bild 1. 'Zwei 'Handarbeiter' - strickender Nil, häkelnder Julian
- Foto: Julian
- hochgeladen von Cristina Silvano
Coole Maschen, oder, wie man sagen könnte, Emanzipation andersrum, lassen die beiden Herren hier vom Faden. Der eine (be-) strickend, der andere (um-)häkelnd. Garn, Strick- und Häkelnadel haben für Nil und Julian einen Reiz, der es mit social medias, Smartphone und KI , somit dem von Stanislaw Lem prophezeiten, quasi antihaptischen Planiversum durchaus aufzunehmen vermag.
Wie sind die beiden auf diese Fäden zu Geweben wirkenden Techniken gekommen, deren Ursprünge bis ins alte Ägypten, und die Knoten als deren Grundelemente sogar bis in die Zeit der Entstehung des Lebens zurückreichen?
Nil und Julian sind als Studenten der Philosophie eng mit der Geisteswissenschaft verbunden, wobei sich Nil nicht nur angesichts geistiger sondern auch materieller Aspekte durchaus als Pragmatiker erweist: „Die Finger sind beschäftigt, aber der Kopf ist frei. Und warum soll ich für etwas Gestricktes, nur weil es ein Designerlabel hat, einen unverschämten Preis zahlen, wenn ich es mir genauso gut selber machen kann?“ Sturmhauben haben es ihm angetan - gerade arbeitet er an einer in Grau und Rot, die wohl bald fertig sein wird. Sein besonderes Wunschobjekt ist noch deutlich ausgefallener. Er zeigt das Foto einer solchen Sturmhaube, welche bis zum unteren Halsende reicht, nur das Gesicht freilässt und über der Stirn mit zwei langen gebogenen Hörnern imponiert. Der auch theaterbegeisterte Nil sieht in der martialischen Kopfbedeckung aber keineswegs ein textiles Bühnenrequisit, sondern ein durchaus straßentaugliches Kleidungsstück.
Doch es hat, wie sich herausstellt, eine Nil unbekannte Vergangenheit, zu welcher seine Form den Schlüssel darstellt: In dieser nahezu identisch, doch aus Metallblech statt Gestrick wurden ebenso wie die Haube gehörnte Helme um etwa 1200 v.u.Z. erstmals auf der iberischen Halbinsel gefertigt und während der folgenden Jahrhunderte unter anderem nach Sardinien und Skandinavien ausgeführt, wo sie bald zu den typischen Helmen der Wikinger wurden und lange als von diesen erfunden galten (Bild 2-4).
Und wie so oft, fand das kriegerische Attribut in Abwandlungen auch Eingang in die Modewelt -erstaunlicherweise in die vornehmlich weibliche. Vorläufer sind der etruskische Tutulus und der Tantur bei syrischen und libanesischen Frauen, eine kegelförmige Kopfbedeckung. Auch die palästinänsische und südjemenitische Tracht kannte Spitzhüte für Frauen. Die Kreuzfahrer brachten diese Kopfbedeckungen mit nach Europa. Welchen Gefallen Damen am Hörnertragen fanden, zeigen diverse mittelalterliche Darstellungen. Königin Isabeau soll bei ihrer Hochzeit mit Karl VI. von Frankreich einen aus Silber gefertigten Tantur getragen haben, der hanîn genannt wurde. Von hier verbreitete er sich in die Niederlande, nach Italien und Deutschland. Bereits die Markgräfin Mathilde von Canossa ist in einer zeitgenössischen Buchmalerei aus dem 12. Jahrhundert mit einem hohen, kegelförmigen Hut wie einem Hennin zu sehen.
Der sich daraus sprachlich und modisch entwickelnde 2hörnige oder Doppelhennin war ein mit feinem Stoff überzogenes Gestell aus Pappe, Messingdraht oder Fischbein, welches mit einem perlenbesetzten oder gestickten Rand aus Samt oder Tuch, - farbig oder gemustert - versehen war. Bedeckt was das Gestell entweder von einem Schleier oder mit gesteiftem, in tiefe Falten gelegtem Leinen, der vorne nur bis auf die Stirn, hinten aber tief herabfiel. Er wurde weit nach hinten gesetzt, so dass möglichst nichts vom Haar sichtbar blieb, welches darunter als Schnecke oder aufgebundener Zopf über je einem Ohr steckte. Fehlte es an eigenem Haar, so behalfen sich die Damen mit fremdem, was jedoch kirchlichen Predigern wegen des möglichen Sündenstandes einer allenfalls verstorbenen Spenderin ein Dorn im Auge war. Unten schloss der Hennin mit einer gestickten Borte ab, über die ab etwa 1460 ein breiter dunkler Samtstreifen gelegt wurde.
In Frankreich, allem aber in Burgund und Flandern kam der Hennin um 1385 in Mode, Wie viele Modeerscheinungen nahm die an sich schon sperrige Kopfbedeckung im Laufe der Zeit durchaus abenteuerliche Formen an. Spitzenhauben von Edelfrauen brachten es bis zu einem Meter Höhe, während sie bei Bürgersfrauen nicht über 60 Zentimeter hinausgehen durften. Erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts verloren die Hörnerhauben ihren Reiz. Allerdings finden sich immer noch Nachfolger des Hennin in ländlichen Trachten der Normandie..
Doch was bewegt Menschen überhaupt dazu, echte oder nachgeahmte Anteile animalischer Körper in ihre Kleidung zu integrieren? Vermutet das von den tierlichen Vorfahren geerbte Bedürfnis, potentiellen Konkurrent*Innen zu imponieren - auch wenn die hierzu genutzten Attribute nicht die eigenen sind...
Nils gehörnte Strickfavoriten sind allerdings rein textiler Natur und enthalten (hoffentlich) nur unblutig gewonnenes und nachwachsendes Tierhaar in der Wolle (Bild 5-7)
Das Stricken hat Nil übrigens weder in der Schule noch von Mama gelernt, sondern es sich nach Anleitungen selbst beigebracht. Im Augenblick hält er noch bei Glatt und Verkehrt, doch komplexere Maschen und Muster werden nicht ausgeschlossen.
Und wie kam Julian zum Häkeln? Die Neigung für alle Arten künstlerischer und textiler Handarbeit so wie der Hang zu tiefgründigem Denken scheint ihm bereits in die Wiege gelegt worden zu sein. „Ich habe meine Großmutter gebeten, mir Nähen beizubringen“ erzählt er „und mich schon immer für verschiedene Gestaltungstechniken interessiert.“ Eine Zeitlang gehören Knüpfarbeiten zu seinen bevorzugten Kreationen. Von da ist es nur ein kleiner Schritt zum Häkeln, das er sich nach Onlineanleitung selbst beibringt. Wobei sich auch der Philosoph in Julian zu Wort meldet: „Häkeln ist eine kontemplative Tätigkeit - ein Faden, eine Hand, eine Nadel“. Bevorzugt gestaltet er mit den grundlegenden Elementen der jeweiligen Techniken, beim Häkeln also mit Luftmaschen, festen Maschen und Stäbchen. Zu komplizierte Variationen erscheinen ihm als Verfremdung
Julians Ansage lässt eine Assoziation zu den beiden von uns wahrgenommenen Zeitqualitäten - mono- und polychron - aufkommen. Monochrones Zeitempfinden, also das eines linearen Verlaufes zwischen Ereignisbeginn und -ende, ortet man eher in weitgehend ökonomisch geprägten Industriegesellschaften. Die Wahrnehmung von Zeit als polychronem, also ähnlich einem Flussdelta in einer Zeiteinheit mehrstrangig ablaufenden Geschehen wird vor allem, indigenen, naturverbundenen, so wie künstlerisch und sozial orientierten Gesellschaften zugeschrieben.
Die auf gleicher Ebene mehrmaschige Strickreihe als Symbol polychroner und die sich einfädig entwickelnde Häkelei als solches monochroner Zeitqualität anzusehen, erscheint logisch. Jedoch nur auf den ersten Blick. Denn Julians Häkelei birgt eine andere Art von Komplexität: Sie enthält geteilte ebenso wie vielfältige Maschen, besser bekannt als halbe, 2- und 3fache Stäbchen. Zu Filethäkelei oder gar Irischer Häkelspitze kombiniert, zeigt auch sie eine gleichzeitige Vielfältigkeit, die der im Gestrickten in nichts nachsteht .
Sind indes Häkeln, Stricken und andere Handarbeitstechniken tatsächlich typisch weibliche Tätigkeiten? Ein Blick in vergangene Epochen enthüllt ein wesentlich differenzierteres Bild. Was den individuellen und familiären Bedarf betrifft, wurde dieser bis ins 20ste Jhdt. wohl weitgehend durch Frauen gedeckt. Auf der rechten Seite des Buxtehuder Altars zeigt ein um 1400 entstandenes Bild die Muttergottes beim Stricken (Bild 8). In gewerblicher Textilarbeit wie z.B. Stoff- und Gobelinweberei, Stricken, Sticken oder Kleidungsherstellung waren jedoch seit dem frühen Mittelalter zum größten Teil Männer tätig - was eine stille Mithilfe weiblicher Familienmitglieder nicht ausschloss
Die erste Erwähnung gewerblichen Strickens datiert aus dem Jahr 1268 in Paris. Weiters werden als Gilde die Pariser Stricker 1366, 1380 und 1467 angeführt. Strickergilden sind weiters aus Tournai/Doornik in den damaligen Burgundischen Niederlanden (1429) und Barcelona (1496) Strickern bekannt. Im Jahr 1600 erstmals finden Deutschland erstmals die Nürnberger Hosen- und Strumpfstricker. urkundliche Erwähnung. Letztendlich sind es die Pariser Handstricker, welche das Handstricken zu einem anerkannten Handwerk befördern und zu einer der sechs wichtigsten Handwerkergilden aufsteigen, Professionelle Stricker hatten sechs Jahre zu lernen, davon drei auf Wanderschaft. Danach mussten innerhalb von drei Monaten drei Meisterstücke angefertigt werden: ein Wollhemd, verzierte Strümpfe und ein Teppich. Auch bis ins 19. Jahrhundert hinein war es noch normal, dass vor allem Männer strickten, wie unter anderem das Bild einer strickenden Schildwache belegt (Bild 9-11) .
Die erste Strickmaschine für die Herstellung von Strümpfen (Strumpfmaschine) wurde 1589 von William Lee (1563-1614), einem englischen Geistlichen, erfunden, der damit seine Frau entlasten wollte Königin Elisabeth I. verweigerte ihm das Patent, weil dadurch viele Handstrickerinnen und Handstricker arbeitslos werden würden. Er zog nach Frankreich, wo er die Unterstützung von König Heinrich IV. erhielt und sein Patent bekam.
Um etliche Jahrhunderte jünger schien bis jetzt auf den ersten Blick das Häkeln zu sein. Erste Anleitungen erschienen erst ab etwa 1800. Das Wort häkeln selbst ist jedöch bereits seit Ende des 17.Jhdts. bekannt und bedeutet in etwa: „mit dem Haken fassen“. An Komplexität lässt diese Technik mit Filet- und Tunesischem Häkeln, Brügger und Irischer Häkelspitze kaum etwas zu wünschen übrig. Auch die behauptete Unmöglichkeit, eine Häkelmaschine herzustellen, wurde 2024 von Forschenden der Hochschule Bielefeld widerlegt. Bedeutungsvoller noch erscheint ein Fund, den Archäologen bei Ausgrabungen in Ägypten gemacht haben: Das gefundene Gewebe, bei dem der Faden mit seiner ganzen Länge durch die Maschen gezogen worden war, zeigt eine feste Struktur und dürfte eine Kombination von Häkeln und Weben sein. Man vermutet, dass dieser Vorläufer des Häkelns eher dazu diente, Fangnetze für die Jagd als Textilien herzustellen. Das könnte wiederum erklären, warum die Methode auf mehreren Kontinenten parallel angewendet wurde.
Was Häkeln, Stricken und einige andere Techniken textiler Handarbeit vereint, ist ein Element, mit dem Julian bereits durch seine Knüpfarbeiten vertraut ist, und welches bei indigenen Kulturen Südamerikas vermutet schon in vorchristlicher Zeit Bestandteil eines komplexen, schriftanalogen Systems wurde - der Knoten.
Als solcher gilt jegliche Verwicklung oder Verschlingung von biegsamen Fasern, Fäden, Schnüren, Bändern, Textilien, Schnüren, Ketten und Tauwerk. Je nach Art des Zustandekommens bezeichnet man Knotenarten als geknüpft, geschlungen, geknotet oder, wenn es um solche in der Seefahrt geht, geschlagen. Die Namen von Knoten verweisen auf deren Windungsart und Verwendungsbereiche. Praktische Zwecke erfüllen Knoten z.B. in Werkzeugherstellung, Sport Sport (Klettern) oder Schifffahrt. Auch das in die in dieser noch gebräuchliche Geschwindigkeits- und Längenbezeichnung ‚Knoten’ bezieht ihren Namen aus Verknüpfungen, die in die Leine des Logscheits gemacht werden, um bestimmte Abstände zu markieren. Die Abstände betragen idealerweise Bruchteile einer Seemeile. Die Zahl der Knoten, die in einer bestimmten Zeit zurückgelegt werden, ergibt die sogenannte Fahrt durchs Wasser (FdW).. Die Wissenschaft wiederum erforscht an Hand von Knotenstrukturen Makromoleküle wie zum Beispiel Proteine und DNA. In Rechtsprechung und Heraldik hat der Knoten, abgesehen von der Todesfunktion des Henkerknotens vor allem symbolixch-ideologische Bedeutung (Bild 12-15) .
Dass homo sapiens Verknüpfungen und Knoten bereits seit der Steinzeit nutzt, ist bekannt. Weniger, dass unsere Spezies damit nicht die erste ist: Gorillas, andere Affen und Vögel verknoten bereits seit vormenschlicher Zeit Grashalne beim Nestbau.
Mittlerweile haben sich Nil und Julian auch der vom jeweils anderen praktizierten Handarbeitstechnik zugewandt. Nil häkelt bereits rote Hörner für seine gestrickte graue Sturmhaube, „weil das Gehäkelte standfester ist“ während Julian mit zunehmendem Interesse Nils Strickwerk studiert.
Und wo man die beiden fingerfertigen Herren außer an der Universität antreffen kann? Unter anderem als geschätzte Service-Mitarbeiter im legendären Santo Spirito, dem Wiener In-Lokal für die Kombination von Gaumenfreuden mit barocker und Renaissance-Tafelmusikmusik in Wien 1, Kumpfgasse 7, wo sie auch in Pausen gerne an ihren Maschenkunstwerken arbeiten – die wohl mehr als nur ein Hobby zu nennen sind.
Link einfügen
Video einbetten
Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.
Karte einbetten
Social-Media Link einfügen
Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.
Code einbetten
Beitrag oder Bildergalerie einbetten
Foto des Tages einbetten
Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten
Du möchtest selbst beitragen?
Melde dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.
Hier gehts zu den aktuellen
Du möchtest kommentieren?
Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.