15.06.2016, 08:46 Uhr

Wenn die Unruhe im Kind überhand nimmt

Buben sind im Schnitt drei Mal öfter von einem Aufmerksamkeitsdefizit betroffen als Mädchen. (Foto: Bilderbox)

Was tun, wenn das Kind nicht zur Ruhe kommen kann? Dr. Streit gibt Rat, wie mit sehr aktiven Kindern umzugehen ist.

Ihr Kind ist unruhig, zappelig und träumt sich durch den Tag? Das heißt noch lange nicht, dass es auch hyperaktiv sein muss, meint der Psychologe Dr. Streit. Kinder sind grundsätzlich einfach aktiv, und wollen so die Welt entdecken. Im Laufe der Entwicklung sollte dies aber konzentrierter und besonnener funktionieren.

Energie bündeln
Ein heranwachsendes Kind schafft es bald, Reize auszublenden und seine geistige Energie auf einen bestimmten Punkt zu bündeln. Diese Konzentrationsfähigkeit muss jedoch erst erlernt werden. Hier sind die Eltern gefragt, die klare Strukturen zur Verfügung stellen müssen. Dabei ist es für die Entwicklung des Kindes hilfreich, wenn die Eltern selbst ruhig bleiben können und statt zu diskutieren, einfach einmal „Nein“ sagen. Das unterstützt die Fähigkeit von Kindern, sich konzentriert einer Sache zu widmen.

ADHS oder nicht?
Wenn Kinder dennoch unruhig bleiben und herumzappeln, kann möglicherweise von einer Hyperaktivität gesprochen werden. Dies betrifft etwa ein bis drei Prozent aller Kinder, wobei es mehr hyperaktive Buben als Mädchen gibt. Die Diagnose ADHS sollte aber mit Vorsicht und nur nach einer längeren Beobachtung und in intensiver Zusammenarbeit mit Fachleuten, Eltern und anderen wichtigen Betreuungspersonen vergeben werden.
Denn der Stempel ADHS wird viel zu schnell aufgedrückt.

Der Einsatz von Medikamenten
Wenn aber tatsächlich ein Fall von schwerer Hyperaktivtiät vorliegt, dann sollte auch der Einsatz von Medikamenten überlegt werden. Medikamente können die Symptome lediglich lindern, aber nicht die Ursachen beheben. Das Entscheidende passiert durch Ihre Erziehung. Diese Tipps können helfen, um Ruhe in Ihrem Kind zu fördern:
1. Klare Strukturen setzen. Schaffen Sie eindeutige Regeln im familiären Rahmen.
2. Rückhalt geben. Zeigen Sie Ihrem unruhigen Kind, dass es immer einen klaren Platz bei Ihnen hat – egal, was passiert.
3. Nehmen Sie Ihr Kind an. Nehmen Sie Ihr Kind an und begegnen Sie ihm, so wie es ist, anstatt herumzunörgeln.
4. Fördern Sie Ihr Kind. Unterstützen Sie die Leidenschaft Ihres Kindes. Wenn es etwa beim Lego- bauen zur Ruhe kommt, dann kommt es dabei in den Flow und entwickelt die Aufmerksamkeit wie von selbst.
5. Loben Sie Ihr Kind. Sagen Sie Ihrem Kind mindestens einmal am Tag, dass es etwas außergewöhnlich gut kann, worauf Sie stolz sind.
6. Sorgen Sie für Schlaf. Ausreichender Schlaf ist das Grundelixier von guter Konzentration.
7. Seien Sie viel draußen. Beim Sport erlernen Kinder spielerisch, sich zu konzentrieren.
8. Fördern Sie Künste. Wenn möglich, fördern Sie Ihr Kind, wenn es ein Musikinsturment erlernen will.
9. Holen Sie sich Hilfe. Bauen Sie ein „Wir“ auf, das Regeln vorgibt, den Weg weist und manchmal auch Nein sagt.
10. Positives beachten. Letztendlich ist es wichtig, sich auf die Zukunft des Kindes zu konzentrieren, anstatt ängstlich auf die Symptome zu starren. Hyperaktivität ist kein schwerer Schicksalsschlag, der nicht behoben werden kann. Bleiben Sie zuversichtlich, dann bemerken Sie auch die kleinen Erfolge der Veränderung.

Dr. Philip Streit ist klinischer Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut, sowie Lebens- und Sozialberater.
Seit 1994 leitet er das „Institut für Kind, Jugend und Familie“ in Graz, das größte Familientherapiezentrum der Steiermark.
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