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Karin Exenberger: Das Lernen lieben lernen

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Mag. Karin Exenberger leitet das BAT-Institut in Baden - und hilft Kindern von 8 - 18 mit Rechtschreibproblemen .

BEZIRKSBLÄTTER: Im Lauf der Jahre betrachtet: Welche Fähigkeiten verstärken sich bei den Kindern, welche lassen Ihrer Einschätzung zufolge nach? (Auch im Hinblick auf Digitalität, Selbstbewusstsein, Konzentration, Beweglichkeit etc)
KARIN EXENBERGER: Zugenommen hat: Die mündliche Ausdrucksfähigkeit und –willigkeit hat sich verbessert. Waren Kinder früher eher nur bruchstückhaft und nur über Katastrophen informiert, zeigen sie jetzt ein größeres Allgemeininteresse. Lesen zum Vergnügen erlebt einen Aufschwung durch Smartphone & Co; Harry Potter war natürlich auch ein wichtiger Faktor. Die Belastbarkeit im Alltag ist größer geworden: lange Schultage, unregelmäßige Mahlzeiten, dazu Sport- und Musiktermine. Bewusstsein für die Wichtigkeit guter Noten ist bei SchülerInnen eher gewachsen.Abgenommen hat: Die Beweglichkeit ganz sicher, v. a. die Freude an Bewegung. Das Wir-Bewusstsein leidet bereits in der Volksschule. Die Akzeptanz von Autorität ist in der VS ebenfalls weiter im Sinken begriffen.
Konzentration ist eigenes Kapitel. Hier hat sich nicht so viel geändert.

Kommt man zu Ihnen ins BAT-Institut, wenn es schon fast 5 nach 12 ist? Dh schon Schulversagen vorliegt?
Ja, diesen Eindruck kann man durchaus gewinnen. Meist haben es die Eltern davor mit naheliegenden Maßnahmen versucht, wie verstärktem Üben zuhause oder mit kundigen Personen im persönlichen Umfeld. Ein anderes Bild zeigt sich bei Geschwisterkindern ehemaliger SchülerInnen: Hier wissen die Eltern, dass frühes Handeln der Familie größere nervliche Belastung erspart. Mit Schulversagen im eigentlichen Sinn bin ich aber selten konfrontiert. So weit sollten wir es erst gar nicht kommen lassen. Wenn ein Kind auf allen Gebieten versagt und nicht nur in ein, zwei Fächern, ist die Gefahr der totalen Schulverweigerung real. In der Pubertät v. a. kann dies psychiatrische Hilfe erforderlich machen.

Crashkurs oder kontinuierliche Begleitung? Was hilft besser und warum?
Ich würde es lieber Intensivtraining als Crashkurs nennen. Diese Art der Hilfe verspricht die besten Erfolge: Alle stellen über einige Monate die Behebung des Problems LRS (Lese-Rechtschreibschwäche) in den Mittelpunkt und ordnen diesem Ziel andere Bedürfnisse unter. Dann kann man mit zwei Trainingsterminen pro Woche und regelmäßigem Elterncoaching in relativ kurzer Zeit weit kommen. Die Therapie einer LRS ist keine einfache Aufgabe, viele Lernschritte sind nachzuholen, Automatisierung ist zu erreichen. In den ersten Jahren hatten wir diese Möglichkeit, weil die Kinder kürzer Schule hatten und die Mütter organisatorisch nicht so stark gefordert waren. Nun müssen wir meist mit einem Termin pro Woche das Auslangen finden. Die große LOS-Studie im Jahr 2006 hat gezeigt, dass die Intensität der Förderung eine starke Auswirkung auf die Fortschritte hat.

Welche Testmöglichkeiten gibt es, um Fähigkeiten/schwächen von Kindern frühzeitig zu erkennen?
Es kommen laufend neue normierte Tests für die Lernstandskontrolle in verschiedensten Teilbereichen des Schreibens, Lesens und Rechnens auf den Markt. Wir haben die größte Erfahrung mit der Hamburger Schreib- bzw. Leseprobe (HSP und HLP). Beim Rechnen ist es der Eggenberger Rechentest, jeweils natürlich abgestuft nach dem jeweiligen Alter des Kindes. Die Testung basaler Fertigkeiten (auditive, visuelle Wahrnehmung, Serialität, etc.) halte ich übrigens für überbewertet, weil wenig aussagekräftig für die Problemlösung. Aber selbstverständlich sollten Hör- und Sehleistungen im üblichen medizinischen Sinn laufend kontrolliert werden.

Welche Rolle spielt beim schulischen Erfolg der Ehrgeiz der Eltern?
Ehrgeiz hat für mich zwei Gesichter: Er kann zerstörend wirken, wenn Eltern etwas von ihrem Kind verlangen, das dieses niemals zuwege bringen kann. Umgekehrt gibt es auch mangelnden Ehrgeiz in Form von Desinteresse an den Lernanstrengungen und Ergebnissen.
Aber eigentlich gehört der Ehrgeiz in die Hände des Kindes. Ganz ohne Ehrgeiz werden sich keine Flowerlebnisse beim Lernen einstellen, weil keine guten Ergebnisse angestrebt werden und das Mindestmaß an Aufwand als ausreichend angesehen wird.

Welche Fähigkeiten / Charaktereigenschaften soll ein/e PädagogIn im BAT-Institut haben?
Das ist aus meiner Erfahrung rasch zu beantworten: Sicherheit im Fach, mit Mut zur Selbstreflexion; Klarheit in der Struktur des Unterrichts; Loyalität gegenüber der Methode; heiteres Wesen; Freude an Gruppendynamik; sehr viel Verständnis für schwierige Begleitumstände (Zappeligkeit, Vergesslichkeit, etc.); Lust am Austausch im Team.

Was sollte Ihrer Meinung nach das Ziel jeder schulischen Ausbildung sein?
Vorausschicken möchte ich, dass ich hier nicht als Ratgeberin in Richtung Schulpolitik auftreten kann. Mein Credo lautet jedoch: Die Ausbildung soll mir zeigen, dass Lernen etwas ganz Schönes ist. Dafür brauche ich einerseits eine gute Basis in den Kernkompetenzen, aber auch viele gelungene Lernerfahrungen, damit ich mich nicht mit dem erworbenen Wissen für alle Zeiten zufrieden gebe. Auch Misserfolge und mühsame Phasen gehören zu den Lernerfahrungen dazu. Um nicht daran zu zerbrechen, muss die Persönlichkeitsentwicklung im sensiblen Kindes- und Jugendalter durch umsichtige Erwachsene gelenkt werden.

Zur Person

Mag. Karin Exenberger ist ausgebildete Übersetzerin für Französisch und Spanisch. 2005 eröffnete sie am Kaiser Franz Josefs-Ring als Franchise-Nehmerin einen LOS-Bildungsstandort in Baden. Ab 2014 machte sie sich in der Wassergasse 16 mit dem BAT-Institut selbständig. BAT steht für Bildung durch anwendungsorientiertes Training. Ihr Fokus liegt auf Unterstützung bei Lese- und Rechtschreibschwäche (RLS). Ihre derzeit jüngsten Schulkinder sind aus der dritten Klasse Volksschule, die ältesten im 6. Gymnasium.

Wordrap mit Mag. Karin Exenberger

Welches Buch liegt auf Ihrem Nachtkästchen? "Ein Jahrhundertdenker", ein Buch über Karl Popper.
Der nächste Urlaub führt...? ...in die Bretagne, mit Zelt und Mann.
Was möchten Sie noch lernen? Alles. Die Welt verstehen. Ist studiere derzeit auch Master Indogermanistik, im Anschluss an mein früheres Magister-Studium.
Welche drei Eigenschaften beschreiben Sie? Lebhaft, einfühlsam, begeisterungsfähig
Was proben Sie mit dem Cello? Schostakowitsch, Symphonie für Varieté-Orchester. Ich spiele im Orchester für engagierte Amateure. Konzert am 31. Jänner im Konzerthaus Wien, Mozartsaal.

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