"Ich war immer zufrieden"

Mutter und Tochter: Bibiana Tilke (103) und Monika Hinteregger (72)
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RADWEG (chl). Am 17. November wird sie 103 Jahre alt: "Ich war wohl dabei, aber die Uhrzeit weiß ich nicht mehr", scherzt Bibiana Tilke, geborene Strießnig. "Es hat sich so viel ereignet, was mehr oder weniger wert gewesen wäre sich zu merken, aber meine Erinnerung lässt nach", meint sie selbstkritisch. An den ersten Weltkrieg hat sie als 1915 Geborene verständlicherweise keine persönlichen Erinnerungen mehr. Die Schule hat Bibiana in St. Ulrich besucht, "beim alten Lehrer Pflegerl, der hat immer auf der Zunge herumgebissen, daran kann ich mich noch genau erinnern".

Selbstversorger

Die Eltern hatten ein kleines Haus in Reggen bei St. Ulrich, mit einem kleinen Garten, einer Kuh, einer Ziege – das Notwendigste. "Du hast immer Geißmilch getrunken und deswegen, sagst du immer, bist du groß und stark geworden", ergänzt die 72-jährige Tochter Monika Hinteregger. "Wenn ich durstig war, habe ich eine Pitschn Milch getrunken, und die hat mich gestärkt." Alles in allem hatte man auf diese Weise mehr zu essen als die Menschen in den Städten, die ausschließlich auf Lebensmittelkarten angewiesen waren.

Fernweh

Wenn Bibiana beim Fenster hinaussah, hatte sie die Gerlitzen im Blick: "Da wollte ich immer wissen, wie es wohl hinter den Bergen aussieht." Mit 15 Jahren hat sie dann doch die andere Richtung gewählt und ging nach Wien arbeiten. "In einem Eissalon habe ich als Bedienerin ausgeholfen." Einen fixen Job erhielt sie bei einem Zahnarzt: "Bei Dr. Morgenstern musste ich auf den Sohn aufpassen, das waren ganz liebe Menschen. Aber dann war der Umbruch und die Nazis sind gekommen." Eines Tages hat es auch die Familie von Dr. Morgenstern erwischt: "Sie mussten die Straße waschen, das war fürchterlich, und dann haben die Nazis auch noch den Dreck auf die Familie geschüttet. Ich sag' ihnen was: Als sie heimgekommen sind, habe ich geweint – meine Arbeitgeber waren von oben bis unten beschmutzt. Das war wirklich sehr gemein, denn Juden sind auch Menschen und sehr anständige noch dazu. Die einen sind Tschechen, die anderen Italiener oder Inder, es kann doch keiner etwas dafür, wo er geboren worden ist."

Zurück in Kärnten

In Wien hat Tilke ihre erste große Liebe kennengelernt, der allerdings davon nichts wissen wollte, als sie schwanger wurde" "Ich war verzweifelt, aber meine Mutter hat gesagt, komm nach Hause, wir bringen das Kind schon weiter." Zurück in Kärnten, kam 1941 Walter zur Welt.
Als der zweite große Krieg vorbei war, war die Erleichterung unbeschreiblich: "Alle Glocken in St. Ulrich haben geläutet, wir haben Freudentränen geweint, haben uns umarmt. Das weiß ich heute noch, als wäre es gestern gewesen."
Nur wenig später hat sie ihren Walter, einen Sudetendeutschen, kennengelernt, der zuletzt im Lager Waiern untergebracht war. "Von der Fürsorge habe ich ein Pepita-Kostüm bekommen, das war dann mein Hochzeitsgewand", erzählt Tilke. In Radweg hat man schließlich Haus gebaut, dem erstgeborenen Walter folgten Monika, Günther, Brigitte, Helmut und Elfriede.

Bescheiden, aber glücklich

Die Not und der Hunger waren auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch lange die Begleiter der Menschen. Doch Tilke hat ihre Familie mit der eigenen kleinen Landwirtschaft über die Runden gebracht. "Keines meiner Kinder hat je hungern müssen. Wenn ich ein Hendl abgestochen habe, hätte ich es eigentlich melden müssen, das habe ich allerdings nie gemacht, sonst hätten sie es mir weggenommen. Ich habe auch keine Eier abgegeben, wir haben ja selbst genug gebraucht", verrät sie einen kleinen Trick.
"Auch wenn es nicht leicht war, waren wir glückliche Kinder", sagt Tochter Monika über ihre Kindheit. "Ich habe Erdäpfel und Tschurtschn gesetzt und den Garten bepflanzt, mich um den Haushalt und die Kinder gekümmert. Alle sind brave und anständige Kinder gewesen und aus allen ist was geworden", hat Bibiana Tilke Großes geleistet. "Ich war immer zufrieden mit dem Wenigen, das wir hatten. Und ich bin heute noch zufrieden."

Mehr zum Thema: www.meinbezirk.at/100Jahre

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