05.10.2017, 08:40 Uhr

Der Nazi Coup in Gaspoltshofen

(Foto: Copyright 1941, Timely Comics)

GASPOLTSHOFEN. Als im Juli 1934 SS-Männer das Kanzleramt in Wien stürmen, Bundeskanzler Dollfuß ermorden und versuchen die Macht in nationalsozialistische Hände zu reißen, erhebt sich auch in dem, tief in der Provinz gelegenen Örtchen Gaspoltshofen, ein Haufen jugendlicher Nazi-Rebellen, um die Macht im Dorf zu übernehmen. Nationalsozialistischer Dilettantismus - ein tragisch-komisches Polizeiprotokoll kläglichen Scheiterns.


„Grünfront“ und Turner auf zum Sägewerk!

Wie durch die Erhebungen sichergestellt werden konnte, kam schon am 26.7.1934 um ca. 20 Uhr ein Motorradfahrer aus Neumarkt a/H. nach Gaspoltshofen und hatte mit dem Haupträdelsführer Rupert St. eine Unterredung. Dieser Motorradfahrer dürfte zweifellos derjenige gewesen sein, der wie St. angab, die Weisungen für den geplanten Umsturz gebracht hat. Von Rupert St. wurde auch daraufhin sofort die Bereitschaft bei seinen Gesinnungsgenossen anbefohlen und angeordnet, daß sich die Gesinnungsgenossen am 26.7.1934 um 11 Uhr beim Sägewerk des Maurer- und Zimmermeisters Johann K. […] einzufinden haben. Die Parteigenossen, Mitglieder der „Grünfront“ (Wehrformation des Landbundes) und des deutschvölkischen Turnvereines verständigten sich auch tatsächlich untereinander. Zwischen 22 und 23 Uhr kamen die Vorgenannten auch tatsächlich bei der […] Säge zusammen.

Den Nazis alle Macht im Staate

Dort selbst ergriff Rupert St. das Wort und erklärte sich als ihr Führer und Kommandant der ganzen Aktion. Er bedeutete ihnen, daß heute um 23 Uhr in ganz Österreich losgeschlagen und die Macht im Staate von den Nationalsozialisten ergriffen wird. Es gebe kein Zurück mehr, jeder müße mittun und wer sich weigert oder sich entferne wird erschossen werden. Zuvor hatte er schon eine Gruppe von ca. 10 Mann mit Gewehren bewaffnet um seinen Befehlen den entsprechenden Nachdruck zu verleihen und jeder die Aussichtslosigkeit einer eventuellen Weigerung zu dieser Aktion schon im Vorhinein einsehen müße. […]

Über das Nichtvorhandensein der gesuchten Waffen entstand eine Empörung

Da sie aber zu wenig Waffen hatten und beim Sägewerk Waffen vergraben gewesen sein sollten, wurde nach diesen Waffen gegraben. Es wurden aber weder Waffen noch Munition gefunden. Über das Nichtvorhandensein der gesuchten Waffen entstand eine Empörung und äußerte sich Max K. und auch noch andere Teilnehmer, daß der gewesene Landbundsekretär Franz L. aus Gaspoltshofen, die 3500 S[chilling], die er seinerzeit von den Landbundmitgliedern zum Ankaufe von Waffen erhielt, für sich verbracht haben müße und keine Waffen angekauft hat. […]

Einmarsch der Rebellen in Gaspoltshofen

Nachdem noch weitere Weisungen ausgegeben worden waren, erfolgte um ca. 24 Uhr der Abmarsch der angesammelten Aufrührer in den Ort Gaspoltshofen. Eine Gruppe unter Kommando des gewesenen Obmannes der Ortsgruppe des N.S.D.A.P. Gaspoltshofen, namens Anton F. […] besetzte das Postamt und forderte den dienstverrichtenden Amtsverwalter Josef H. auf, den Fernsprechdienst nur nach ihren Weisungen zu verrichten.

Bitte läuten: Umsturz ist!

Eine zweite bewaffnete Gruppe unter dem Kommando des Rupert St. begab sich zu dem Gendarmerieposten. Sie läuteten an der Glocke stürmisch an und verlangten, von dem im Krankenstande befindlichen Postenkommandanten Bez. Insp. Franz S., die Haustüre zu öffnen und zu kommen, weil ein Toter draußen liege. Als sich Bez. Insp. S. aus dem Fenster neigte und ca. 15 bis 18 bewaffnete Männer bei der Kaserne stehen sah, antwortete er, daß er unter keinen Umständen die Haustüre öffne und ging wieder in seine Wohnung um sich anzukleiden. Unterdessen liefen aber einige Männer zum Schlosser D. Als S. die Hose angezogen hatte, hörte er, daß die ganze Menge schon im Hause sei und in den 1. Stock komme. Sie schlugen mit Gewalt an die Wohnungstüre und verlangten Einlass.

Bez. Insp. S. öffnete aber nicht. Als aber zugleich im Vorhause ein scharfer Schuß fiel, öffnete S. seine Wohnungstüre und fragte, was den eigentlich sei. Rupert St. antwortete, daß die Regierungsgewalt in ihren Händen sei und sie den Auftrag haben, die Sicherheitsorgane zu entwaffnen; S. soll sofort die Postenkanzlei aufsperren. S. verweigerte dies mit der Begründung, daß die beiden Gendarmen im Außendienste stehen und den Kanzleischlüssel bei sich hätten, er deshalb nicht öffnen könne. Auf das hin öffnete L. mit einem Nachschlüssel die Kanzlei. Rupert St. nahm aus dem Waffenkasten 3 Gendarmeriestutzen samt Bajonette, 160 Stück scharfe Patronen dazu, 48 Stück Pistolenpatronen, 1 beschlagnahmtes Jagdgewehr und einen Revolver sowie 5 Patronentaschen. Sodann, nachdem die Waffen verteilt waren, riß St. die Telefonleitung herunter, so daß die Verbindung unterbrochen war. St. erklärte auch noch dem Bezirksinspektor S., daß die Nationalsozialisten die Regierung übernommen haben und in ganz Österreich Umsturz sei. […]

Der Gattin des Gendarmen befiehlt man nichts

Zu gleicher Zeit ging eine Gruppe zur Wohnung des Ray. Insp. Sch. und verlangten von der Gattin des Gendarmen, das Haus zu öffnen, weil sie ihren Mann suchen. Als Frau Sch. aber nicht öffnete und ihnen erklärte, daß ihr Gatte nicht zu Hause sei, verlangten sie die Ablieferung der Waffen, die ihr Gatte zu Hause habe. Als ihnen Maria Sch. sagte, daß ihr Gatte auch keine Waffen zu Hause habe, verließen sie schließlich wieder das Haus Sch. […]

„Hände hoch!“ - Haus schießt Baum

Sodann ging eine Gruppe zum Vizebürgermeister Karl S. […] und verlangten, daß er herunterkommen soll. Dem S. kam es aber, da er bewaffnete Männer stehen sah, bedenklich vor und alarmierte seine Hausbewohner. Der Bruder der Vizebürgermeister, namens Alois S. ging schließlich hinunter und öffnete die Haustüre. Vor der Haustüre standen 2 Männer, die mit vorgehaltenen Gewehren „Hände hoch“ riefen. Alois S. schlug aber die Haustüre zu und lief ins Haus. Die Täter drangen aber nicht nach, sondern hielten das Haus besetzt. Als sie jedoch einsehen mußten, daß weder die verlangten Waffen abgeliefert werden, noch der Hausbesitzer selbst kommt, verließen sie schließlich das Haus. Den Schuß, den Karl S. gegen einen Baum, woselbst er einen der Aufständischen vermutete abgab, wurde wieder mit einem Schuß gegen das Haus S. beantwortet.

Dem Ersuchen auf Hausarrest wird entsprochen

Ebenfalls zur gleichen Zeit ging wieder eine Gruppe der Aufrührer zum Gemeindeamte und forderten von dem dort wohnenden Gemeindewachmanne Josef D., daß er sich freiwillig ergeben, seine Waffen abliefern und den Gemeindearrest aufsperren soll, weil die Nationalsozialisten die Regierung übernommen hätten und in ganz Österreich der Umsturz sei. Doppler, der die Übermacht sah und erkennen mußte, daß ein Widerstand zwecklos wäre, öffnete auch dann die Haustüre und die Arreste. Die Aufrührer wollten auch den D. sofort in den Gemeindearrest einsperren. Erst über dessen Ersuchen, daß sie ihn ja auch in seine Wohnung einsperren können, nahmen sie davon Abstand. Sie gingen dann in die Privatwohnung des D., nahmen ihm seine Dienstpistole ab und versperrten die Wohnungstüre. Den Schlüssel nahmen sie mit. Zwischen 2 Uhr und halb 3 Uhr früh wurde auf einmal die Wohnungstüre bei D. wieder aufgesperrt und die Türe offen gelassen. Somit war D. wieder frei.

Dann doch lieber heim zu Mama

Eine Gruppe, unter Kommando St., […] verlangten vom Bäckermeister Johann A. die Herausgabe seiner Waffen. St. hielt dem A. zur Bekräftigung seiner Forderung, seine Pistole vor, die übrigen waren ebenfalls bewaffnet. Da A. eine größere Gewaltanwendung fürchtete, folgte er sein Jagdgewehr mit 2 Schrottpatronen aus. Nach ca. ¼ Stunde hörte A. von seinem Neffen Anton M. seinen Namen rufen. Er öffnete die Haustüre und M. übergab ihm sein Gewehr samt Patronen. A. frug seinen Neffen, ob er sich „gedrückt“ hat, was dieser bejahte […]. M. ging nach Hause.

… der zum Zeichen seiner Kommandowürde den gestohlenen Säbel trug

Vermutlich wieder zur gleichen Zeit ging wieder eine Gruppe zum Gastwirte Erasmus S. in Gaspoltshofen […] und forderten von ihm, daß er aufmachen und seine Waffen abliefern müsse, weil die Regierung gestürzt und die ganze Macht in den Händen der Nationalsozialisten sei. Auf die Antwort, daß S. nicht aufmachen und auch seine Waffen nicht abgeben werde, sagte einer der Täter […], daß sie dann einbrechen müssen. Sie versuchten aber nicht einzubrechen, sondern entfernten sich wieder.

Zwei Knechte unter einer Tuchent

Beim Gastwirte Anton B., in Gaspoltshofen […], öffneten die Rebellen gewaltsam das Hoftor und kamen in die Schlafkammer der Knechte Rudolf D. und Josef G. Die 2 Knechte wurden von Rudolf D. und Franz K. aufgefordert, sofort mitzukommen. Da aber die Knechte nicht wollten, riß ihnen K. die Tuchente herunter. Da die Eindringlinge bewaffnet waren und daher die Knechte Furcht vor dem Erschießen hatten, gingen sie schließlich mit auf die Strasse. Unterdessen kamen aber die Gendarmen nach Hause, die den Rebellen wichtiger schienen, als die 2 Knechte. Deshalb ließen sie die Knechte allein und liefen gegen die Kaserne. Die beiden Knechte benützten nun diese Gelegenheit um wieder in ihre Schlafkammer zu gehen. Diesen Moment aber kam Paul L. und setzte ihnen den Revolver an, falls sie nach Hause gehen sollten. Die beiden Knechte sagten daß ihnen vom K. mitgeteilte Losungswort „77“, weshalb sie auch vom Paul L. sofort wieder freigelassen wurden. Die Knechte gingen dann in ihre Kammer und kamen nicht mehr heraus. Das Losungswort „77“ bedeutete nämlich die Zugehörigkeit zu den Hochverrätern.

Die Gendarmen waren per Fahrrad

Um ca. 0 Uhr 40 kamen die im Außendienste gestandenen Gendarmen, Rev. Insp. Ludwig M. und Ray. Insp. Josef Sch. nach Gaspoltshofen. Die Gendarmen waren per Fahrrad.

Als sie bei der Kaserne angelangt waren, wurde ihnen „Halt! Hände hoch! Waffen ablegen!“ zugerufen. Zugleich kamen aber von allen Seiten ca. 10 bewaffnete Männer, deren Zahl sich aber bald auf rund 20 erhöhte. Die Rebellen […] verlangten immer wieder die Ablieferung der Dienstpistolen; Gewalt getrauten sie sich aber nicht anzuwenden. Ray. Insp. Sch. verlangte den Kommandanten der Aufrührer, damit mit ihm gesprochen werden kann. Unterdessen kam auch St., mit dem in Verhandlungen eingegangen wurde. Er sagte immer wieder, daß in ganz Österreich die Aktion um 23 Uhr begonnen habe und die Regierungsgewalt bereits in den Händen der Nationalsozialisten sei. Er habe Befehl, die Sicherheitsorgane zu entwaffnen und will auch diesen Befehl durchführen.

Das mannhafte Auftreten der Gendarmen dürfte ihnen den Mut genommen haben

Schließlich einigte man sich, daß auf dem Posten die Verhandlungen weitergeführt werden. St. gab seinen Leuten noch einige Befehle, worauf sich dann die Leute in der Richtung gegen Jeding entfernten, er selbst ging aber mit den beiden Gendarmen auf den Gendarmerieposten. Die Verhandlungen mit St. kamen schließlich zu dem Resultat, daß die Gendarmen auf dem Posten bleiben müssen; St. wird zu seinen Leuten gehen und dann wieder zurückkommen. Er kam aber nicht mehr.

Die Kaserne blieb aber außen von den Aufrührern besetzt, so daß die Gendarmen die Kaserne nicht verlassen konnten. Da auch das Telefon beschädigt war, war auch eine Verständigung mit Nachbarposten etc. unmöglich. Während der ganzen Zeit blieb auch das Postamt besetzt, so daß auch von der Post aus nicht telefoniert werden konnte. Als dann um 2 Uhr 30 bemerkt wurde, daß die Post frei sei, versuchte Ray. Insp. Sch. durch das Postamt Verbindung zu bekommen, was ihm auch gelang. Er sprach mit dem Posten Lambach. Auch waren die Rebellen bereits verschwunden.

"Der Hund schießt immer herunter!"

Während der Verhandlungen zwischen den Gendarmen und St. in der hiesigen Postenkanzlei ging ein Teil der Aufrührer […]zum Produktenhändler Ferdinand F. . L. läutete an der Glocke und verlangte, daß sofort geöffnet werden müsse. Da sich aber bei F. niemand meldete, wurde immer ungestümer Lärm gemacht und endlich gegen das Haus F. geschossen. Auf das hin sprang F. aus dem Bette und feuerte 3 Schüsse zum Finster hinaus gegen die Belagerer. Diese erwiderten das Feuer mit mehreren Schüssen, so daß das Haus F. im ganzen 19 Geschoßeinschläge aufweist. Auch durch das Fenster wurde in das Schlafzimmer geschossen; verletzt jedoch niemand. Als F. sah, daß er der Übermacht weichen müsse, gab er schließlich sein Jagdgewehr heraus. […]

„…und dadurch wieder Ruhe eintrat“

Die Hochverräter dürften von jemanden Nachricht erhalten haben, daß in den umliegenden Orten Ruhe ist und die Aktion nicht gelungen sei, weshalb sie sich dann schließlich zerstreuten und dadurch wieder Ruhe eintrat.
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