Neue Zettelwirtschaft in den Geschäften

So viele Bons lassen die Kunden in Sandra Burckhardts Trafik in Ollersdorf in drei Stunden zurück.
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  • So viele Bons lassen die Kunden in Sandra Burckhardts Trafik in Ollersdorf in drei Stunden zurück.
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Die Kalkulation eines niederösterreichischen Trafikanten hat auf Facebook für Aufsehen gesorgt. Mehr als 24 Kilometer wird die Papierschlange lang sein, die er heuer in seinem Geschäft produzieren wird. Denn so wie alle Geschäfte muss er seit Jahresbeginn allen Kunden einen Beleg für ihren Einkauf ausdrucken, und sei er auch noch so gering - eine Begleiterscheinung der neuen Registrierkassenpflicht.

Kunden verweigern Mitnahme

Die Ollersdorfer Trafikantin Sandra Burckhardt kann ein ähnliches Lied singen. "Ich schätze, mehr als 90 % der Kunden nehmen den Beleg nicht mit, weil sie überhaupt kein Verständnis für diese Regelung haben. Im Endeffekt bleiben wir auf einem Müllberg und auf den Mehrkosten sitzen, die wir nicht auf die Preise umlegen können", ärgert sich Burckhardt.

In ihrer Trafik werden zwar viele Artikel wie Zeitungen oder Zigaretten verkauft, aber in geringer Menge. Pro Woche braucht Burckhardt daher eine ganze Bon-Rolle. Fürs erste hat sie einmal 250 Rollen bestellt. Die sind obendrein aus Thermopapier, das die giftige Substanz Bisphenol A enthalten. "Vom Umweltschutz ganz zu schweigen", fügt Burckhardt hinzu.

Ein Kassa-System für jedes Auto

Auch auf die Bocksdorfer Bäckermeisterin Klaudia Pichler-Schmaldienst kommt ein erheblicher Mehraufwand zu. Sie braucht eine Registrierkassa nicht nur für ihr Geschäft, sondern auch für die drei Autos, mit denen ihre Mitarbeiter Brot, Gebäck und Lebensmittel ausliefern.

"Pro Wagen brauchen wir ein Tablet, einen Drucker, eine Halterung und einen Akku, damit den Geräten bei Hitze und Kälte während der Tour der Strom nicht ausgeht", schildert Pichler-Schmaldienst. Insgesamt wird sie rund 6.500 Euro investieren müssen, "die ich nicht einfach auf die Waren umlegen kann".

Zettelpflicht in den Schulpausen

Wie sich die Belegerteilungspflicht im Alltag auswirkt, wenn sie in den Schulpausen ihre Jausen verkauft, muss sich erst weisen. "In einer Schule sind in 20 Minuten oft hunderte Kleinartikel zu verkaufen. Da müsste ich einen zweiten Mitarbeiter mitnehmen, und das rechnet sich dann nicht mehr", fürchtet Pichler-Schmaldienst.

Leidet Nahversorgung?

Sie und ihre Mitarbeiter liefern in 23 Ortschaften aus. Von Branchenkollegen weiß Pichler-Schmaldienst, dass diese nun einzelne Touren auflassen werden. "Was das für die Nahversorgung in Orten ohne Geschäft heißt, kann man sich denken."

Mehr Aufwand, längere Wartezeiten

Auch Karl Jany, der in Deutsch Kaltenbrunn ein Traditionsgasthaus führt, unterliegt der neuen Belegerteilungspflicht. "Sie ist mit einem Zeitaufwand verbunden, was bei starkem Betrieb zu längeren Wartezeiten führt", so Janys erste Erfahrungen.

"Eigentlich würde eine zusätzliche Person im Service notwendig sein. Das geht aber bei gleich bleibenden Preisen nicht. Für mich, der 2018 gedenkt, den Betrieb zu schließen, bedeutet das bis dorthin einen deutlich größeren Arbeitsaufwand", sagt Jany.

"Realitätsfremd und praxisfern"

Auf jährlich 57 Millionen Meter schätzt der niederösterreichische Trafikant den Papiermüll, der allein in seiner Branche österreichweit zusätzlich anfallen wird. "Oft ist das Gesetz realitätsfremd und praxisfern", pflichtet Pichler-Schmaldienst bei. Ihr Fazit: "Hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen."

Rechtliche Basis

Seit Einführung der Registrierkassen-Pflicht muss Kunden für jeden Kauf ein Beleg ausgehändigt werden, der bis vor die Ladentür mitgenommen muss. Zudem haben Kunden im Fall einer Kontrolle eine Mitwirkungspflicht. Sanktionen für Kunden, die die Rechnung verweigern, gibt es aber keine.

Autor:

Martin Wurglits aus Güssing

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