Theaterforum Humiste Premiere u. Standing Ovations
All das Schöne: die Auflistung eines Lebens im großen Monolog
- Souveräne One-Man-Show mit Hartwig Ladner in „All das Schöne“: Er breitet in der Stadtbühne Imst ein tief erspürtes Leben in Erinnerungen, Brüchen und glücklichen Augenblicken aus.
- hochgeladen von Alexandra Rangger
IMST(alra). Das Theaterforum HUMISTE bringt aktuell Duncan Macmillan und Jonny Donahoes „All das Schöne“ auf die Bühne – Hartwig Ladner erzählt unter der Regie von Andreas Flür von einem Leben, das früh mit Depression und Suizid konfrontiert wird und sich dennoch nicht auf diese Erfahrung reduzieren lässt. Die Erkrankung der Mutter prägt die Biografie des Erzählers tief und begleitet ihn durch Kindheit und Erwachsenwerden. Zugleich entsteht mit der Zeit eine andere Perspektive auf das eigene Dasein – auf Menschen, Musik, Liebe und Erinnerung und auf jene Erfahrungen, die wertvoll sind. Aus der Aufmerksamkeit für Details – für all das Schöne – erwächst Hoffnung und eine besondere Weise, die Welt wahrzunehmen. Die Premiere des feinsinnig inszenierten Stückes wurde am 3. Oktober vor vollem Haus in der Stadtbühne Imst gefeiert. Für Hartwig Ladner hieß es 80 Minuten Höchstleistung im großen und vielschichtigen Monolog. Mehrfach gab es Szenenapplaus – und am Ende Standing Ovations.
Am Anfang steht die Liste eines siebenjährigen Jungen. Die Mutter liegt nach einem Suizidversuch im Krankenhaus, der Vater erstarrt in Hilflosigkeit und das Kind beginnt, Dinge aufzuschreiben: von „1. Eiscreme“ bis „4. Die Farbe Gelb“ und mehr – einfache, aber schöne Dinge, von denen das Kind glaubt, dass sie die Mutter erreichen könnten. In dieser kindlichen Logik liegt zugleich etwas Bewegendes und etwas, dessen Tragweite sich erst später zeigt. Ein kleiner Junge sammelt Gründe, die für das Leben sprechen, in der Hoffnung, damit Halt zu geben oder vielmehr zu halten. Die Liste wächst mit ihrem Verfasser. Was zunächst für die Mutter gedacht ist, wird zu einem Gedächtnis des eigenen Lebens. Das Schöne hebt das Schwere, das in Wellen heranrollt, nicht auf. Aber es muss sich ihm auch nicht unterordnen. Hartwig Ladner spielt den Stoff des britischen Autors mit eindrücklicher Präsenz und feinem Gespür für die wechselnden Tonlagen: berührend, ohne sentimentale Überlagerung, und mit einer Leichtigkeit, die der Schwere der Themen nicht ausweicht, sondern sie als authentischen Teil derselben Geschichte mitträgt.
Raum für Erinnerung
Die offene Form der Inszenierung ist bereits in Macmillans Text angelegt. Regisseur Andreas Flür gibt ihr eine spannende räumliche Präsenz. Eine klassische Trennung zwischen Bühne und Auditorium gibt es nicht – es entsteht innovativer Spielraum und Dynamik. Ladner bewegt sich darin, spricht Zuschauer*innen direkt an und bittet sie für kurze Zeit, in seine Geschichte einzutreten. Wenn der Schauspieler zwischen Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter wechselt, entsteht nicht der Eindruck eines Rückblicks auf abgeschlossene Abschnitte. Er löst Momente aus dem Erzählstrang und gibt ihnen im interaktiven Spiel ihren ursprünglichen Augenblick zurück – aus der erinnerten Situation wird Wahrhaftigkeit, aus der Erzählung Dialog. Vergangenes wird unmittelbar – zeitlich, körperlich und im Gegenüber. Regie und Darsteller machen daraus keinen Effekt, sondern eine weitere Ebene der Nähe, die das Publikum intensiv an der Zeitreise durch das Leben teilnehmen lässt. Positionen und Emotionen werden neu vermessen – ebenso wie die hohe Souveränität Ladners im Umgang mit spontanen Reaktionen.
Wertvolle Zwischentöne
Hartwig Ladner trägt den Abend mit Konzentration, Timing und Gefühl. Seine Figur durchläuft Jahrzehnte, doch die verschiedenen Lebensalter werden nicht durch aufgesetzte Markierungen voneinander getrennt. Ladner verändert Stimme, Tempo, Haltung, Mimik und Bewegung und lässt dabei erkennen, wie sich ein Mensch in sich selbst und im Verhältnis zu seiner Umgebung formt, wächst, neu orientiert, zwischendurch auch scheitert und sich beinahe verliert – ohne das Geschehene einfach hinter sich zu lassen, aber auch ohne den Blick für das Kommende zu verlieren. Die Erfahrung der Kindheit bleibt im Erwachsenen ebenso präsent wie das Wissen, dass die Liste, so überzeugend und leidenschaftlich das Schöne auch erspürt und zusammengefügt wurde, für die Mutter nicht alles bewirken konnte. Für ihn selbst aber hat sie vieles erst möglich gemacht.
Dazwischen liegt kein geradliniger Weg in die Traurigkeit. Dazwischen liegt vielmehr das Leben – in all seinen Farben, die sich immer wieder zu neuen Stimmungen mischen. Es wird innig und wild getanzt, gelacht, sich verliebt, Musik gehört. Die Figur bleibt widersprüchlich – und entzieht sich gerade dadurch einer eindeutigen Festlegung auf ihre Verletzung.
„Glücklichsein hat mir Angst gemacht“ ist einer jener Sätze, in denen diese Spannung hervortritt. Glück und Traurigkeit stehen hier nicht gegeneinander, das eine trägt das Wissen um die Möglichkeit des anderen bereits in sich. Wer früh erfahren hat, wie verletzlich das Leben eines geliebten Menschen sein kann, trägt diese Erfahrung auch in die eigenen glücklichen Augenblicke hinein – so auch der Protagonist im Stück.
Besonderes bewahren
Die stärksten Momente entstehen häufig aus Fragmenten, die sich subtil aus der Erzählung heben: ein Klavier in der Küche, ein Plattencover. Musik taucht immer wieder auf – als Stimmung, als Erinnerung und als unmittelbarer Zugang zu Menschen und Ereignissen. Im Arbeitszimmer hört der Vater je nach Stimmung unterschiedliche Stücke, der Sohn lernt, daran abzulesen, ob er eintreten kann oder besser draußen bleibt. Ray Charles’ „Drowning in My Own Tears“ gehört zu den frühen Erinnerungen an die Mutter – singend am Klavier, in der Küche, in den 80er Jahren. Später wird Musik selbst zu einem Speicher von Zeit. In Stimmen und Texten bleiben tiefe Eindrücke erhalten, die sich anders kaum greifen lassen.
Die Liste selbst folgt keiner geraden Linie. Sie verschwindet über längere Zeit aus dem Leben des Erzählers, gerät in Vergessenheit, taucht wieder auf und gewinnt dabei immer wieder eine andere Bedeutung. Vom kindlichen Versuch zur Sammlung von Spuren, ohne den Lebensweg lückenlos festhalten zu wollen. Die Liste ist keine Chronik. Sie ordnet das Leben nicht, sondern hält fest, was sonst verloren gehen könnte. Und: sie erinnert an das Schöne, gibt Hoffnung, wenn alles andere dunkel wird. Mit dem Leben des Erzählers verändert sich auch, was auf dieser Liste Platz findet. Sie erweitert sich um Erfahrungen von Verliebtheit, Glück und Ehe – und ebenso um Konflikte und schmerzliche Veränderungen und Abschiede.
Verantwortung und ihre Grenzen
Aus der Geschichte der Mutter ergibt sich eine Frage, die weit über die Familie hinausweist: Was bedeutet es, sich für einen anderen Menschen verantwortlich zu fühlen? Was bedeutet es im Stück für das Kind, den Teenager, den Studenten, den erwachsenen Mann – in seiner Rolle als Sohn, später als Ehemann? Man kann aufmerksam sein, Warnzeichen wahrnehmen, Hilfe anbieten, zuhören, bleiben. Man kann bedingungslos lieben. Zugleich bleibt etwas im Inneren des anderen, das sich auch durch größte Nähe nicht vollständig erreichen oder beeinflussen lässt. Darum kreisen die Gedanken des Erzählers: Was hätte er selbst tun können? Was hätte er anders machen können? Das Stück gibt wie das Leben selbst darauf keine eindeutige Antwort. Vielleicht darf das ständige Erweitern der Liste als seine Weise verstanden werden, den offenen Fragen und dem Zweifel immer wieder das Schöne entgegenzuhalten.
Was sich abzeichnet, ist die Spannung zwischen Fürsorge und dem Wunsch, einen anderen Menschen schützen zu können. Akzeptanz meint dabei weder Zustimmung noch Gleichgültigkeit, sondern kann bedeuten, die Eigenständigkeit des anderen anzuerkennen und zu achten – auch dort, wo das schmerzlich schwerfällt. Der siebenjährige Erzähler kennt diese Spannung noch nicht. Er glaubt beharrlich an die Wirksamkeit seiner Liste. Mit zunehmendem Alter verändert sich sein Blick darauf: Was als kindlicher Glaube an die Wirksamkeit von Nähe beginnt, prägt später sein Verhältnis zu Verantwortung, Nähe und Selbstbestimmung. Aus dem Wunsch, für die Mutter etwas bewirken zu können, wird die Erfahrung, dass ihr Leben nicht in seiner Hand liegt.
Behutsam in Sprache und Spiel
Auch im Umgang mit dem Suizid findet das Stück eine eigene, differenzierte Form. In der Auseinandersetzung mit Goethes „Leiden des jungen Werthers“ wird die Verantwortung von Literatur und Medien für die Darstellung von Suizid und deren Wirkung selbst zum Gegenstand des Stücks. Macmillians Blick gilt dabei weniger dem Tod als Endpunkt als den Menschen, die mit seinen Folgen weiterleben – mit Schuld, Liebe, Wut, Erinnerung und der Möglichkeit von Versöhnung: mit dem Leben, mit anderen, mit sich selbst.
Das Schöne zu sammeln, mittlerweile nahezu ein Lebenswerk des Protagonisten, wird dabei nicht zum Trostprogramm. Am Ende des Stücks ist die Liste enorm gewachsen. Immer wieder werden Nummern ergänzt – laut und leise. Sie hat die Vergangenheit nicht verändert. Aber sie hält fest, was im Erzählen eines Lebens hinter seinen großen Einschnitten verschwinden könnte: ein Lied, ein Buch, eine Farbe, eine Umarmung, ein Gespräch, ... keine Antworten, keine Lösungen – sondern Dinge, die erfahren, erinnert und in ihrer jeweiligen Bedeutung aufgenommen werden. Sie müssen nichts heilen. Ihr Wert bleibt bestehen, auch dort, wo das Schmerzliche nicht weicht.
Duncan Macmillan schreibt daraus keine Anleitung zum Glücklichsein. Andreas Flür inszeniert keinen Sieg über die Traurigkeit. Hartwig Ladner spielt keinen Menschen, der am Anfang nur das Schwere und am Ende nur das Schöne sieht. Er spielt einen Menschen, der sein Leben aufnimmt: mit seinen Brüchen, seinen Widersprüchen, seinen Verlusten und seinen Momenten des Glücks – und der auch in seine Tiefen hineinspürt.
Das Premierenpublikum lässt sich berühren, ist begeistert – zwischen Lachen und Nachdenklichkeit – und vielleicht auch angeregt, selbst eine Liste zu beginnen und da und dort genauer hinzusehen – auf das Leben.
Denn da ist ja immer noch…
all das Schöne.
SPIELTERMINE:
PREMIERE: Sa 3. Oktober 2026, 20:00 Uhr
Weitere Spieltermine:
9. / 11. / 16. / 23. / 25. / 29. / 31. Oktober
Matinee: So 18. Oktober, 10:00 Uhr
an Sonn- und Feiertagen: Beginn 18:00 Uhr
alle anderen Tage: Beginn 20:00 Uhr
www.humiste.theater
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