"Gaffer-Problem": Aufklärung vor Strafen

Das "Gaffer-Problem" hat zwei Seiten: Schaulustige stehen den Einsatzkräften im Weg oder veröffentlichen moralisch bedenkliche Bilder und Videos im Netz
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KÄRNTEN. Die Sensationslust der Menschen steigt augenscheinlich. Das führt mitunter auch dazu, dass Retter bei ihrer Arbeit behindert werden oder tragische Fotos eines Unfalls in sozialen Netzwerken landen. Gerade am Osterwochenende ärgerte sich die Polizei über filmende Gaffer nach einem tragischen Skiunfall am Nassfeld.
Innenminister Herbert Kickl heizte kürzlich die Diskussion darüber an, ob man Strafen bei "Unfall-Voyeurismus" einführen sollte. 

"Moralisch bedenklich"

Doch warum halten viele bei einem Unfall einfach die Kamera drauf statt zu helfen? Laut Psychologin Petra Müller-Hasch (Interview siehe unten) haben grenzüberschreitende Ereignisse auf uns Menschen schon immer eine besondere Anziehungskraft ausgeübt. "Es liegt in der Natur des Menschen, Neues und Ungewöhnliches zu erkunden." Das Smartphone-Zeitalter verschlimmere allerdings die Situation für die Einsatzkräfte. Außerdem: "Das mittels Smartphone gefilmte Material dann so schnell wie möglich auf Facebook oder Youtube zu stellen, ist im Sinne des Opferschutzes moralisch bedenklich." Abriegelung und Zurückdrängen der "Beobachter" werden mitunter notwendig.

Polizei: Wegweisungen kommen vor

Die Kärntner Einsatzkräfte kennen das Problem mit Schaulustigen. "Wir haben bei vielen Einsätzen auf den Straßen schon negative Erfahrungen damit gemacht", bestätigt Chefinspektor Horst Binder von der Landesverkehrsabteilung. "Mit Smartphones werden Fotos gemacht, manche Leute stehen im Weg. Wir mussten auch schon Wegweisungen aus dem Einsatzraum der Einsatzkräfte vornehmen." Das Problem der Polizei: Beamte sind selbst mit Unfall-Aufnahme oder Verkehrsregelung beschäftigt. Es bleibt zu wenig Zeit, um sich auch noch um das "Gaffer-Problem" zu kümmern. 

Feuerwehr: Kameraden werden geschult

Auch bei der Feuerwehr ist die Sensationslust mancher Passanten ein laufendes Thema. "Besonders problematisch ist die Zeit bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte. Das Foto mit dem Smartphone kommt manchmal vor der Hilfeleistung. Es entstehen auch moralisch fragwürdige Fotos. Hier ist Menschenwürde ein großes Thema", so Landesfeuerwehrkommandant Rudolf Robin.  
Die Feuerwehr schult ihre Kameraden im Bereich Zivilcourage und dahingehend, welche Fotos von Einsätzen veröffentlicht werden dürfen und welche nicht.

Sichtschutz mehr nachgefragt

Immer öfter kommt auch Sichtschutz zum Einsatz, um in Ruhe arbeiten zu können. Josef Schönlieb von "Feuerwehr Technik Süd", einem Fachhandel für die Wehren, und selbst Feuerwehrmann bestätigt, dass immer mehr Sichtschutz-Equipment nachgefragt wird. Robin: "Vor allem Wehren, die viel mit Verkehrsunfällen zu tun haben, haben Abschotungen mit." 

Rotes Kreuz: "Privatsphäre respektieren!"

Für Rotkreuz-Präsident Peter Ambrozy ist es grundsätzlich gut, "wenn Menschen hinschauen, wenn etwas passiert". Der nächste Schritt wäre dann die Hilfeleistung oder das Weitergehen, wenn schon Hilfe da ist. "Die Anzahl der Schaulustigen", so Ambrozy, "hat sich nicht wesentlich verändert." Neuer sind die Smartphones. "Wir appellieren dringend daran, die Privatsphäre von unseren Patienten zu respektieren!"
Sichtschutzwände sind für das Rotes Kreuz keine Option - Sanitäter rücken dafür in zu geringer Mannstärke aus.

Aufklärung ist wesentlich

In Deutschland wurden bereits härtere Strafen für Gaffer eingeführt, was auch in Österreich diskutiert wird. Ambrozy meint, man komme hier mit Aufklärung weiter als mit Strafen. Das sieht auch Robin so: "Abstrafen ist schwer exekutierbar, die Polizei hat auch andere Aufgaben. Wir versuchen es über Bewusstseinsbildung: Wie würde sich ein ,Gaffer' fühlen, wenn er selbst der Betroffene wäre?" 
Auch für Binder sind Strafen der letzte Schritt, wenn der Appell an die Vernunft nichts mehr bringt. "Es geht oft um Minuten, dass man schwer Verletzte ins Krankenhaus bringt. Das muss in die Köpfe! In diese Richtung gehören von allen Institutionen Kampagnen in Richtung Aufklärung und Sensibilisierung gemacht. Das Thema ist wichtig."
Müller-Hasch rät dazu, bei Aufklärung Mitgefühl mit dem Opfer zu erzeugen: "Also eine Aufklärung auf emotionaler, nicht rationaler Ebene." 

Sichtschutzwand der FF Hermagor

Expertin zum "Unfall Voyeurismus"

Psychotherapeutin und Psychologin Petra Müller-Hasch aus Klagenfurt im WOCHE-Interview zum Thema.

WOCHE: Ist die Schaulust bei Unfällen normal?
PETRA MÜLLER-HASCH:
Die Schaulust beinhaltet schon das Wort Lust und kennzeichnet damit das Lusterleben beim Zuschauen. Denn gerade grenzüberschreitende Ereignisse haben auf den Menschen immer schon eine besondere Anziehungskraft ausgeübt, wie man zum Beispiel auch an den mittelalterlichen Hexenprozessen sehen kann. Damit verbunden ist auch ein Thrill-Erleben, die Lust am wohltuenden Schaudern, die Angstlust. Die in der Natur des Menschen liegende Neugier veranlasst ihn, sich neuen, unbekannten und unvertrauten Reizen zuzuwenden und wie in der Erotik liegt die Lust am Reiz des Fremden, dem Schaulustigen ist es oft schwer oder gar nicht möglich, den Blick abzuwenden. Und gibt es auch graduelle Unterschiede im Neugier-Verhalten, die von der Person oder von der Intensität des Reizes abhängig sind, es liegt trotzdem in der Natur des Menschen, Neues und Ungewöhnliches zu erkunden.

Trägt das Zeitalter des Smartphones dazu bei, dass sich die Problematik für Einsatzkräfte verschlimmert?
Ja. In dem Versuch, die gesehenen und stattfindenden Unfälle und Katastrophen, also Grenzüberschreitungen, die nicht alltäglich sind, mittels Smartphone festzuhalten, wird die Situation für die Einsatzkräfte natürlich verschlimmert. Der bestmögliche Winkel der Beobachtung wird gesucht. Das lässt den Vergleich mit dem Voyeurismus zu, das Beobachten mittels Fernglas, Webcams bis hin zu versteckten Mikrophonen. Das mittels Smartphone gefilmte Material dann so schnell wie möglich auf Facebook oder Youtube zu stellen, ist natürlich im Sinne des Opferschutzes ethisch bedenklich. 

Wie sollen Einsatzkräfte bei aufdringlichen Gaffern reagieren?
Es gibt bereits Initiativen, mit den Schaulustigen umzugehen, aber wie bei allen primären Befriedigungen - und dazu zählt die Schaulust - ist es schwierig, Möglichkeiten des Umgangs vor Ort zu finden. In Deutschland wurde ein Polizeihund eingesetzt, um die Menschenmenge so weit zurückzudrängen, damit die Einsatzkräfte helfen konnten. Abriegeln und zurückdrängen der Beobachter wird - wenn notwendig - ein Mittel der Wahl sein.

Halten Sie Strafen für sinnvoll oder eher Aufklärung?
Bei den Schaulustigen fehlt die Empathie, das Mitgefühl mit den Opfern. Diejenigen, die Empathie empfinden, sagen: "Bitte fahren/gehen wir weiter, ich kann das nicht anschauen, nicht zuschauen." In diesem Fall ist das Mitgefühl mit dem Opfer gegeben, die Identifikation mit den Betroffenen. Deshalb ist es notwendig, eine Aufklärung und Sensibilisierung nicht moralischer Art durchzuführen, sondern Mitgefühl mit dem Opfer zu erzeugen. Also eine Aufklärung in emotionaler, nicht rationaler Ebene. Die Verletzung der Privatsphäre durch die Aufnahmen stellt ohnehin einen strafrechtlichen Tatbestand dar, schützt aber nicht vor der Bloßstellung. Natürlich haben die Medien auch die Möglichkeit, den sozialen Druck auf die Schaulustigen zu erhöhen, denn die darauffolgende soziale Ächtung macht Angst. 

Das "Gaffer-Problem" hat zwei Seiten: Schaulustige stehen den Einsatzkräften im Weg oder veröffentlichen moralisch bedenkliche Bilder und Videos im Netz
Die Klagenfurter Psychologin Petra Müller-Hasch
Autor:

Vanessa Pichler aus Klagenfurt

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