Umweltbaustelle in "widrigsten Wetterverhältnissen"

Hangabbrüche, sogenannte "Blaiken" (im Bildhintergrund), wollen die Freiwilligen und Schutzgebietsbetreuer absichern.
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  • Hangabbrüche, sogenannte "Blaiken" (im Bildhintergrund), wollen die Freiwilligen und Schutzgebietsbetreuer absichern.
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KUFSTEIN (nos). Vom Wetter sind die zehn Teilnehmer und ihre Betreuer wahrlich nicht verwöhnt worden. Niedrige Temperaturen und teilweise Starkregen machten die Arbeiten an der "Umweltbaustelle Stripsenalm" im hinteren Kaisertal nicht sonderlich angenehm. Allerdings gilt natürlich auch hier das bekannte Alpinisten-Credo: "Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung!".

Insgesamt 40 Umweltbaustellen und Bergwaldprojekte betreuen Alpenverein (ÖAV) und Alpenvereinsjugend im heurigen Jahr österreichweit. Während die Teilnehmer an den Bergwaldprojekten keinen Altersbeschränkungen unterliegen, sind die Mitarbeiter an den Umweltbaustellen allesamt unter 30 Jahre alt. Diese Projekte, wie eben auch an der Stripsenalm, werden von der Jugendabteilung des ÖAV organisiert. Die Freiwilligen, die noch bis zum 29. Juli im Stripsenjochhaus untergebracht sind, stammen aus Großbritannien, Deutschland, dem Irak und Österreich, wobei hier die Wiener in der Überzahl sind. "Ich hätte eigentlich damit gerechnet, dass sich hier mehr Tiroler beteiligen", meinte die Schutzgebietsbetreuerin des Kaisertals, Biologin Nicole Schreyer. Interessenten gab es allerdings genügend, wie Schreyer weiter erklärte: "Es gab ein rechtes G'riss um die Plätze, etwa drei Wochen vor Projektbeginn waren wir ausgebucht."
Zehn Teilnehmer verbringen nun ihre Tage auf der Stripsenalm am östlichen Talschluss und die Nächte im nahen Stripsenjochhaus auf 1.577 m Höhe. Rund eine halbe Stunde Fußmarsch müssen die Freiwilligen und ihre Betreuer hinter sich bringen, um von der Alm zum Schutzhaus zu gelangen.

Gegen Verbuschung und Hangrutsch

Die vier eingeplanten Arbeitstage werden auf der Stripsenalm mit Schwenden und Blaikensanierung verbracht. Das Schwenden, also das Entfernen von Büschen, Sträuchern und Bäumchen vom Kalkmagerrasen, ist wichtig für den Erhalt der Kulturlandschaft Alm. Nur die Latschen dürfen wuchern, sie stehen unter Naturschutz.
Seit 40 Jahren, als die damalige Almhütte von einer Lawine zerstört wurde, wird die Stripsenalm nicht mehr bewirtschaftet. Die Grundmauern der Hütte sind noch heute erkennbar. "Der frühere Jäger hat hier jahrelang noch selbst gemäht, aber so etwas ist heute zeitlich nicht mehr möglich", erklärt Schreyer. Damit die Alm, die einzige unbewaldete Fläche im östlichen Talschluss unterhalb der Baumgrenze, weiterhin als Kalkmagerrasen erhalten bleibt, wird nun von den Freiwilligen gehandelt. "Würden wir hier nicht handeln, würde wieder Wald entstehen", so die Biologin. Zur Wahl stand, die Alm der Natur zu überlassen, oder sie instand zu setzen.

Förster Markus Oberbichler führt aus: "Der Grundgedanke kam von der Jagd, als Äsungsfläche für das Wild." Zudem sei die gepflegte Almfläche auch für Wanderer von Interesse, "damit sie auch eine Aussicht bekommen und nicht nur durch den Wald gehen müssen". Da das Kaisertal seit Jahrhunderten von menschlicher Bewirtschaftung geprägt ist, soll diese Kulturlandschaft weiter erhalten bleiben. "Im ganzen Kaisertal gibt es eigentlich keinen echten Urwald, das Gebiet ist beinah seit jeher vom Menschen geprägt", weiß Oberbichler. "Außerdem ist das die letzte Almfläche in diesem Bereich. Gäbe es dort im Umkreis weitere, bestoßene Almen, hätten wir uns nicht so entschieden", fügt Schreyer an.

Nicht nur als Futterstelle und Einstand für Wildtiere ist die Almfläche von Interesse. Der dortige Kalkmagerrasen ist ein artenreiches Biotop mit zahlreichen seltenen Pflanzen und Tieren. "Eine ganz tolle Artenvielfalt" kann Schreyer hier attestieren.
Da die Almwiese nun jahrelang nicht beweidet oder gemäht wurde, bildeten sich in den Steilhängen auch einige "Blaiken", also Bodenabbrüche und kleine Hangrutsche, da die Humusschicht auf dieser Seehöhe nur sehr dünn und labil ist, wie Schreyer erklärt. Diese offenen "Wunden" wollen die Freiwilligen mit Humusbildung und Aussaat zu schließen versuchen, sonst könnten sich diese vergrößern und zu weiteren Problemen führen.

Neben den vier Tagen Arbeitseinsatz ist auch ein Unterhaltungsprogramm für die Freiwilligen vorgesehen, die Exkursion mit Oberbichler fiel am Mittwoch allerdings im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser: Starkregen machte einen Strich durch die Rechnung. Vertreter von Bergrettung und Bergwacht informierten die interessierten Teilnehmer über ihre Arbeitsfelder und -weisen, und auch der Kameradschaftsaspekt kommt in dieser Woche nicht zu kurz. Mit den 10 Freiwilligen verbringen auch die beiden Schutzgebietsbetreuer Philipp Larch und Nicole Schreyer die Woche auf der "Strips".
Für die Mitarbeit an einer Umweltbaustelle sind körperliche Fitness und Trittsicherheit Voraussetzung, eine Mitgliedschaft im Alpenverein ist nicht nötig. 
Das Projekt hat ein Budget von geschätzt rund 4.000 Euro, das von den Stadtwerken, dem ÖAV und dem Land Tirol gestellt wird. So werden Übernachtung, Verpflegung und Material finanziert. Die Teilnehmer arbeiten unentgeltlich und erhalten dafür Kost und Logie – und ein einmaliges Naturerlebnis im hinteren Kaisertal.

Über die Stripsenalm

Seit den 1930-er Jahren verpachtet die Eigentümerin der Alm, die Stadtgemeinde Kufstein, das umliegende Jagdgebiet an die Industriellenfamilie Henkel, die seit 1939 auch weite Teile des Thierbergs ihr Eigen nennt, weiß Stadtwerke-GF Markus Atzl. Mittlerweile bewirtschaften die Kufsteiner Stadtwerke den Land- und Forstwirtschaftlichen Besitz der Stadt, dementsprechend ist Markus Oberbichler als Förster Angestellter der Stadtwerke. "Wir haben uns vorgenommen, hier nachhaltig zu bewirtschaften und nicht bloß Holz zu schlagen", erklärte Atzl.
Die Stripsenalm bemisst eine Fläche von rund 8,5 Hektar, von denen etwa fünf Hektar im Rahmen der Umweltbaustelle gepflegt werden.

Autor:

Sebastian Noggler aus Kufstein

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