30.03.2017, 14:08 Uhr

Kinderbetreuung ist im Bezirk beinah reine Frauensache

Projektleiter Bernhard Weicht vom Institut für Soziologie an der Universität Innsbruck präsentierte die Kinderbetreuungsstudie in Kufstein.

"Leader"-Region "KUUSK" und Arbeiterkammer präsentierten Studie der Uni Innsbruck zur Betreuungssituation von Kindern im Alter von bis zu 10 Jahren in Kufstein, der Unteren Schranne und im Kaiserwinkl.

BEZIRK (nos). Projektleiter Bernhard Weicht und Jutta Torggler vom Institut für Soziologie an der Universität Innsbruck präsentierten am 19. März in der Arbeiterkammer in Kufstein die Ergebnisse ihrer Studie zur Kinderbetreuung in der "Leader"-Region "Kufstein und Umgebung, Untere Schranne und Kaiserwinkl" (KUUSK). Die Resultate wurden mit Spannung erwartet, das wurde bereits an der Liste der Ehrengäste ersichtlich: Tirols AK-Präsident Erwin Zangerl, TGKK-Obmann Werner Salzburger, LR Beate Palfrader, LA Bettina Ellinger (alle VP), Bundesrätin Nicole Schreyer (Grüne, GR in Erl), Bgm Martin Krumschnabel (Parteifreie, Kufstein), Bgm Andreas Ehrenstrasser (GFL, Langkampfen), Vizebgm. Hubert Leitner (VP, Ebbs), Hans-Jörg Steinlechner (AMS), Georg Ritzer (AK), KUUSK-GF Melanie Steinbacher sowie zahlreiche Pädagoginnen und Interessierte aus den Bezirken Kitzbühel und Kufstein fanden sich zu Präsentation und Diskussion in der Festungsstadt ein.

"Ich bin sehr froh darüber, dass Kufstein diese Initiative setzt", meinte Erwin Zangerl zu Beginn des Abends und verwies in Sachen Kinderbetreuung auch auf die arbeitspolitischen Rahmenbedingungen: "bei einem 12-Stunden-Arbeitstag hätten wir große Probleme mit der Betreuungsinfrastruktur!" Ihm und der Tiroler AK gehe es darum "positive Lösungsansätze zu finden" und die Bereiche Betreuung, Bildung und Ausbildung "enkelfit" zu gestalten.
Kufsteins Bürgermeister Martin Krumschnabel stellte fest: "Als Stadt ist uns die Kinderbetreuung absolute Priorität." Als Obmann des "Leader"-Vereins KUUSK war für ihn klar, dass die Situation in der Region untersucht werden soll, auch weil Kinderbetreuung ein Grund für Landflucht und Zuzug in urbane Zentren gilt. "Wir wollen die Gemeinden ja nicht leersaugen", meinte Krumschnabel, "im Gegenteil! Wir wollen, dass das auch in der Region funktioniert."

Das Soziologen-Team unter Leiter Bernhard Weicht nahm für die Studie eine Reihe von Einzelinterviews mit Eltern aus der Region vor, in denen persönliche Erfahrungen und Meinungen abgefragt wurden. Anhand dieser Ergebnisse wurde ein Fragebogen erstellt und versandt. "Wir haben eine sehr erfreuliche Rücklaufquote der Fragebögen", meinte Weicht. Insgesamt 818 kamen ausgefüllt retour, für die statistische Auswertung ein sehr verlässlicher Grad. Dabei kam aber auch der "enttäuschendste Moment" der Studie zum Vorschein: Nur acht Prozent der Fragebögen wurden von Vätern ausgefüllt.

Wer mehr verdient bleibt im Job

"Wir haben anhand der Daten gesehen, dass die Einstellungen in der Region eher traditionell sind, es gibt aber auch starke Abweichungen zwischen Einstellung und gelebter Praxis", erläuterte Jutta Torggler. Arbeitsstunden
Die Analyse zeigte, dass zu überwiegenden Teilen in Partnerschaften die Männer vollbeschäftigt sind – 94 Prozent arbeiten zwischen 31 und über 40 Stunden pro Woche und sind damit meist die Hauptverdiener. Der überwiegende Teil der Mütter ist höchstens teilzeitbeschäftigt, sie übernehmen in überwältigender Mehrheit die Kindererziehung und -betreuung. "Und da wird natürlich oft die Entscheidung getroffen, dass jener Partner, der mehr verdient, auch im Arbeitsmarkt bleibt, während der andere in Karenz geht", so Torggler. Ob Väter in Karenz gehen, ist also vor allem eine wirtschaftliche Entscheidung, die sich Familien überhaupt erst leisten können müssen.
Aufholbedarf gibt es in Sachen Kinderbetreuung besonders zu Randzeiten, wie die Soziologen feststellten. Außerhalb der Stadt Kufstein sind die Betreuungszeiten eingeschränkter, besonders im ländlichen Raum springt oft die Familie, besonders die Großeltern, bei der Betreuung ein. Dort übernehmen Großeltern durchschnittlich sogar mehr Betreuungsaufgaben als Väter. Einzelne Branchen treffen die eingeschränkten Betreuungszeiten – in vielen Gemeinden maximal bis zum frühen Nachmittag – besonders hart, etwa den Einzelhandel oder den Tourismus, wo klassische 9-17 Uhr Jobs eine Ausnahme darstellen. Nur eine Einrichtung in der Stadt Kufstein biete überhaupt eine Betreuung bis in den Abend hinein an, so die Autoren. Nächte müssen privat geregelt werden, was besonders Schichtarbeiterinnen betrifft, Wochenenden ebenso.

"Da werden wir Druck machen" – Ohne Betreuung Fördergelder retour?

"Die Situation hat sich stark verbessert, aber wir sind noch lange nicht am Ende der Fahnenstange", meinte die zuständige Landesrätin Beate Palfrader, "Krippen und Tagesmütter sind ein ganz wichtiger Bereich der Betreuung." Zur Nachmittagsbetreuung merkte Palfrader an, dass von 800 Kindergärten in Tirol rund die Hälfte aus nur einer Gruppe bestünden. Um in solchen Gemeinden effektive Betreuungsangebote zu schaffen, müssten Kooperationen gebildet werden, Gemeindeübergreifende Projekte bekommen vom Land Tirol zusätzliche Förderungen. "Die Bereitschaft ist bei manchen Gemeinden enden wollend, da werden wir Druck machen", kündigte Palfrader zudem an. Dann könnte das Land Tirol Fördergelder zurück verlangen oder gar nicht erst bewilligen, immerhin haben die Gemeinden den Versorgungsauftrag in Sachen Kinderbetreuung. "Das ist ein Muss, niemand will damit das Elternhaus ersetzen!", so Palfrader. Erwerbstätige Mütter kleiner Kinder seien auch weiterhin in der Gesellschaft schlecht angesehen. Der Begriff "Rabenmutter" werde zwar seltener in den Mund genommen, "aber denken tun's noch genug", meint die Landesrätin.

"Planbarkeit fehlt"

Langkampfens Bürgermeister Andreas Ehrenstrasser stellte die Planungsunsicherheit für Gemeinden in den Raum: "Wir wissen am ersten Schultag im Herbst noch gar nicht, ob mit den Anmeldungen eine Nachmittagsbetreuung zustande kommt, da können wir nicht planen!" Er meinte zudem, die Republik mache "leistungshemmende Politik", der steigende Individualismus der Bürger mache durch zu große Wahlfreiheit Planungen der Gemeinden beinah unmöglich.

Die Schulleiterin der VS Kufstein-Zell, GR Birgit Obermüller (Parteifreie), stößt sich
"an den gesetzlichen Rahmenbedingungen". Die Aufsichtspflicht der Lehrer, An- und Abmeldungen von Schülern und viele weitere Faktoren beeinflussen die Mach- und Planbarkeit von Betreuungseinrichtungen. Sie bat Landesrätin Palfrader "die Vorgaben an die Realität" anzupassen. Zudem sei das "Freizeitpersonal aus dem Bildungspool großteils noch nicht passend ausgebildet". Sinnvoll wäre überdies, so Obermüller, die Nachmittagsbetreuung von den Schulen "nach draußen zu verschieben, damit die Kinder diese Freizeit auch als Freizeit wahrnehmen".

Versicherungszeiten und Pension

Margit Exenberger ist beim AMS Kufstein speziell für die Anliegen von Frauen zuständig und kennt die Situation im Bezirk. "Wir stellen das auch beim AMS fest: Die Frauen erwähnen, dass sie Betreuungsaufgaben haben, die Männer nur dann, wenn in der Familie etwas Außergewöhnliches vorfällt." Etwa die Hälfte der in Kufstein beim AMS vorgemerkten Frauen sucht eine Teilzeit-Stelle, bevorzugt von 8 bis 12 Uhr, während die Unternehmer "komplett andere Wünsche" hätten. "Das AMS ist verpflichtet, solche Wünsche zu berücksichtigen", erklärte Exenberger. Sie ist, ebenso wie die Studienautoren, davon überzeugt, dass bei entsprechenden Betreuungsangeboten auch die Job-Wahl der Mütter eine Andere wäre. "Viele Frauen entscheiden momentan aufgrund der Gegebenheiten und denken selten an die langfristigen Folgen, etwa an die Pensionszeiten", weiß Exenberger.

Das Fazit

Die Studienautoren stellten als Fazit fest, dass die Region KUUSK einerseits über ein vergleichsweise gutes Netz an Kinderbetreuungseinrichtungen verfügt, allerdings gibt es außerhalb der Stadt Kufstein wenige Ganztags- oder Nachmittagsvarianten. In bevölkerungsreicheren Gemeinden ist das öffentliche Betreuungsnetz dichter, in Landgemeinden springen die Großeltern öfter ein – sogar öfter und länger als die Väter. Je höher Bildungs- und Einkommensgrad der Eltern, desto eher gehen auch Väter in Karenz oder beteiligen sich stärker an der Kinderbetreuung. Auch die Wahrnehmung der Wichtigkeit männlicher Bezugspersonen in der Kindererziehung steigt mit zunehmendem Bildungsgrad.
Zum überwiegenden Teil sind es die Väter, die als Vollzeitbeschäftigte für das Haupteinkommen in der Familie sorgen, die meisten Mütter sind maximal Zuverdienerinnen. Ihnen werden später wichtige Versicherungszeiten für den Pensionsanspruch fehlen, warnen AMS und AK.

Die Studie der Uni Innsbruck im Auftrag der "Leader"-Region KUUSK und der AK Tirol finden Sie hier zum Nachlesen. In der Region "Kufstein und Umgebung, Untere Schranne und Kaiserwinkl" liegen die Gemeinden Kufstein, Ebbs, Erl, Niederndorf, Niederndorferberg, Schwendt, Rettenschöss, Kössen, Walchsee, Langkampfen, Thiersee und Schwoich. An der Studie nahmen beinah alle Gemeinden teil: Schwoich wollte nicht mitmachen und die Gemeinde Erl verbot ihren Betreuungseinrichtungen die Teilnahme gleich komplett.

Überblick über Betreuungseinrichtungen (nach Angaben der Gemeinden)

Ebbs
  • Private Kinderkrippe „Ebbser Stebbst'l“: Mo-Do 7.00 bis 17.00 Uhr, Fr 7.00 bis 14.00 Uhr

  • Gemeindekindergarten: Mo-Fr von 7.00 bis 13.00 Uhr, Di und Do auch nachmittags bis 17.00 VS Ebbs, schulische Nachmittagsbetreuung bis 16.30 Uhr


Erl
  • Private Kinderkrippe „Mäusevilla“: Mo-Do 7.00 bis 17.00 Uhr, Fr 07.00 bis 13.30 Uhr

  • Gemeindekindergarten: Mo-Fr 7.00 bis 13.00 Uhr

  • VS Erl


Kufstein
  • Private Kinderkrippe, Hort und EKiZ Schubi-du; Private Kinderkrippe Kinderstube Sonnenschein; Private Kinderkrippe Kinderburg; Private Kinderkrippe Verein Waldorf; Private Kinderkrippe Festungszwerge; Private Kinderkrippe Hand in Hand;

  • Städt. Kindergarten Stadt: Mo-Fr 6:45 Uhr bis 13:00 Uhr. Mi zusätzlich 14:00 Uhr bis 16:30 Uhr. Mittagstisch 6:45 Uhr bis 14:00 Uhr. Ganztagesgruppe (durchgehend mit Mittagstisch) Mo-Do 6.45 Uhr bis 17.30 Uhr und Fr 6.45 Uhr bis 16.00 Uhr.

  • Städt. Kindergarten Sparchen: siehe Kindergarten Stadt.

  • Städt. Kindergarten Zell: Mo-Fr 6.45 Uhr bis 13.00 Uhr, mit Mittagstisch: 6.45 Uhr bis 14.00 Uhr. Mi zusätzlich 14.00 Uhr bis 16.30 Uhr.

  • Städt. Kindergarten M. Hörfarter Endach: siehe Kindergarten Stadt.

  • Städt. Kindergarten Arkadenplatz: Montag bis Freitag: siehe Kindergarten Stadt.

  • Privatkindergarten Waldorf; Privatkindergarten Schubi-du; Privatkindergarten Kinderburg Endach; Privater Kindergarten Festungszwerge; Kinderstube Sonnenschein;

  • VS Kufstein-Stadt, schulische Nachmittagsbetreuung bis 16.15 Uhr

  • VS Kufstein-Zell, schulische Nachmittagsbetreuung bis 16.15 Uhr

  • VS Kufstein-Sparchen, schulische Nachmittagsbetreuung bis 16.15 Uhr


Kössen
  • Kinderkrippe Kössen „Regenbogenzwerge“

  • Kinderkrippe Kössen „Sonnenhaus“

  • Gemeindekindergarten Kössen: Mo-Fr 7.00 bis 17-00 Uhr

  • VS Kössen


Langkampfen
  • Gemeindekindergarten Oberlangkampfen: Mo-Fr 7.00 bis 13.00 Uhr

  • Gemeindekindergarten Unterlangkampfen: Mo-Do 7.00 bis 17.00 Uhr und Fr 7.00 bis 13.00 Uhr

  • Kindergarten Langkampfen/Schaftenau „Sandoz Kids“

  • Kindergruppe „Kleine Farm“: Mo-Do 7.00 bis 17.00 Uhr und Fr 7.00 bis 13.00 Uhr

  • Spielgruppe: Eltern-Kind-Begegnung Langkampfen

  • VS Unterlangkampfen

  • VS Oberlangkampfen

  • Schulische Nachmittagsbetreuung an der NMS Langkampfen bis 16.45 Uhr möglich


Niederndorf
  • Private Kinderkrippe „Stebbstl“: Mo-Do 7.00 bis 17.00 Uhr, Fr bis 14.00 Uhr

  • Gemeindekindergarten: Mo-Fr 7.00 bis 16.30 Uhr

  • VS Niederndorf, schulische Nachmittagsbetreuung bis 16.30 Uhr


Niederndorferberg

  • Gemeindekindergarten: Mo-Fr 7.00 bis 13.00 Uhr

  • VS Niederndorferberg


Rettenschöss
  • Gemeindekindergarten: Mo-Fr 7.10 bis 13.10 Uhr

  • VS Rettenschöss


Schwendt
  • Kinderkrippe „Schwendter Krabbelmäuse“: Mo-Fr 9.00 bis 12.00 Uhr, nachmittags auf Anfrage

  • Gemeindekindergarten: Mo-Fr 9.00 bis 12.00 Uhr, nachmittags auf Anfrage

  • VS Schwendt


Schwoich
  • Gemeindekinderkrippe Raupelinchen: Mo-Fr 7.00 bis 14.00 Uhr

  • Gemeindekindergarten: Mo-Fr 7.00 bis 13.00 Uhr, bei Bedarf Mittagstisch bis 14.00 Uhr

  • VS Schwoich


Thiersee
  • Private Kinderkrippe „Tip Tap“: Mo-Fr 7.00 bis 14.00 Uhr

  • Gemeindekindergarten Vorderthiersee: Mo-Fr 7.00 bis 13.00 Uhr

  • Gemeindekindergarten Hinterthiersee: Mo-Fr 7.00 bis 13.00 Uhr

  • Kindergarten „Landl“: Mo-Fr 7.00 bis 13.00 Uhr

  • VS Vorderthiersee, schulische Nachmittagsbetreuung Di-Do bis 16.00 Uhr

  • VS Hinterthiersee


Walchsee
  • Private Kinderkrippe „Seezwerge“: Mo-Fr 7.00 bis 17.00 Uhr

  • Gemeindekindergarten: Mo-Fr 6.45 bis 13.00 Uhr, Mi 13.00 bis 17.00 Uhr

  • VS Walchsee, schulische Nachmittagsbetreuung bis 16.30 Uhr
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