12.02.2017, 14:46 Uhr

"Was überall möglich ist, muss erst Recht nicht durch's Naturschutzgebiet"

Nicole Schreyer und Philipp Larch sind die Betreuer des Naturschutzgebiets Kaisergebirge.

Die Schutzgebietsbetreuer Nicole Schreyer und Philipp Larch legen 2017 ihren Fokus auf Naturschutz und Neophyten "im Koasa".

BEZIRK (nos). "Gerade im Winter auf den Wegen zu bleiben ist wichtig, sonst verliertt das Wild seine Ruheräume. Die Tiere reagieren da sehr empflindlich, besonders an den Fütterungsstellen", apelliert Philipp Larch, der gemeinsam mit Grünen-Bundesrätin Nicole Schreyer hauptberuflich für die Betreuung des Naturschutzgebiets Kaisergebirge und einiger "Außenstellen" (Maistaller Lacke, Wörgler Filz, ...) zuständig ist. An sich funktioniere im Kaisergebirge die Besucherlenkung recht gut, so Larch. Das steile Gelände halte die Wanderer größtenteils auf den Wegen. Allerdings suchen manche auch neue Routen oder einsame Trampelpfade. Larch und Schreyer stellen fest, dass auch die geheimsten Geheimtipps mittlerweile immer stärker frequentiert werden. "Unser Hauptproblem sind die Internetforen, da verbreitet sich jeder Schleichweg und Geheimtipp, darauf sind aber viele dieser Wege nicht ausgerichtet", erklärt Schreyer.
Die alte Skipiste am Kaiserlift, die bei gutem Wetter gern von Skitourengehern genutzt wird, vertrage diesen Ansturm recht gut, so die Betreuer. Problematischer sind dort die Mountainbiker, die sich im Sommer die Abfahrt hinab trauen. "Wenn Mountainbiker über die ehemalige Piste runterfahren ist das aus Naturschutz-Sicht nicht optimal", meint Philipp Larch, "das ist mittlerweile wieder ein superschöner Kalkmagerrasen, dort wachsen Orchideen oder auch die Türkenbundlilie." Auch am nahen Elfenhain sorgen arglose Radfahrer für Furchen und Abbrüche am Weg – trotz Fahrverbot. "Was überall möglich ist, muss erst Recht nicht durch's Naturschutzgebiet gehen", stellt Schreyer fest. Eben das sei der Wert des Gebiets als Rückzugs- und Entschleunigungsraum.

Um diesen Wert stärker zu betonen, würden sich die Schutzgebietsbeauftragten einen passenden Rahmen wünschen. Um vor Ort über die Vielfalt von Flora und Fauna im Kaisergebirge informieren zu können, wäre ein Naturparkhaus an der Grenze zum Schutzgebiet "ein großer Wunsch", so Schreyer und Larch. Noch wichtiger wäre aber eine verbindliche Struktur, die die verschiedenen Akteure in und um den "Koasa" zusammenbringt. Acht Gemeinden in zwei Bezirken haben Anteil am Naturschutzgebiet, die rund 1.500 Grundparzellen gehören etwa 500 Eigentümern. Hinzu kommen Almgemeinschaften, Tourismusverbände, Hüttenwirte und viele mehr. Alle haben berechtigte Interessen, die es zu koordinieren gelte. "Wir können nur informieren und Bemerkungen abgeben", so Schreyer.

Wellness-Kur für die Stripsenalm

Das aufwändigste Projekt im Jahr 2017 wird für die Schutzgebietsbetreuer die Umweltbaustelle auf der Stripsenalm. Gemeinsam mit freiwilligen Helfern des Alpenvereins im Alter zwischen 16 und 30 Jahren wird dort tagelang Quartier am Stripsenjoch bezogen und der Almboden saniert. Neben den notwendigen Schwend-Arbeiten müssen auch einige Blaiken befestigt werden. "Das ist seit einem Lawinenabgang dort eigentlich seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht worden", weiß Larch. Von Schnee und Eis gepresste und gefrorene Grasbüschel reißen bei Rutschungen markante halbmondförmige Stücke aus dem Hang. Diese klaffenden "Wunden" machen den Hang weiter instabil und wachsen aufgrund der dünnen Humusschicht im Kaisergebirge nur schwer wieder zu. Mit Matten aus Kokosfaser und geprüft passenden Samen sollen die offenen Stellen wieder begrünt und damit befestigt werden. "Optimal dafür wäre, die Bergwiesensamen aus dem Heuboden am Hinterkaiserhof zu sammeln und auszusäen", meint Philip Larch.

Damit ließe sich auch eine Kontamination verhindern, die die Schutzgebietsbetreuer seit Jahren auf Trab hält: Neophyten wie dem Indischen Springkraut, der Kanadische Goldrute oder dem Japanischen Knöterich haben Schreyer und Larch den Kampf angesagt. "Die Erfolge sind sichtbar", freuen sich die Biologen. Dort, wo Erdbewegungen stattfinden, an Baustellen, beim Wegebau, setzen sich die renitenten Neuankömmlinge aber immer wieder erfolgreich fest. Darum setzen die Naturschützer auf Aktion und gehen jedes Jahr gemeinsam mit zahlreichen Freiwilligen in den "Koasa", um den Neophyten vor der Blüte- und Samenphase an den Leib zu rücken.

Die kommen auch bei der Aktion "Sauberes Kufstein" mit Schreyer und Larch zum Einsatz, wenn sie mit Müllsäcken bewaffnet die Wegränder nach Müll durchforsten. Durchaus erfreut konnten die Schutzgebietsbetreuer feststellen, dass Einheimische und Gäste auf den "Koasa" schauen: "Es gab auffällig wenig Müll einzusammeln, die Leute nehmen ihn offenbar auch wieder mit zurück ins Tal."

Natürlich haben die Biologen nicht nur die Pflanzenwelt im Schutzgebiet im Blick. Gelbbauchunken und Kammolche werden etwa laufend beobachtet. Hier bekommen Schreyer und Larch Unterstützung von unerwarteter Seite: "Wir haben eine sehr gute Kommunikation und Zusammenarbeit mit der Firma Gubert, auf deren Gelände die Biotope unserer Amphibien liegen", erklärt Schreyer. Die Mitarbeiter vor Ort halten sie über Veränderungen und Sichtungen auf dem Laufenden. "Uns wurde letztes Jahr gemeldet, dass dort eine Schildkröte ausgesetzt worden sein soll, aber bisher haben wir sie noch nicht gesehen", erzählt Larch. Auch Goldfische würden von arglosen Haltern immer wieder in die Natur "entlassen", was den Biotopen aber meist gar nicht gut bekomme. Erst im Vorjahr musste Larch gemeinsam mit Helfern und Keschern durch die Wörgler Filz waten, um dort ausgesetzte Goldfische einzufangen.

Neben den direkten Aufgaben im Schutzgebiet sind die Betreuer auch immer wieder in Schulen unterwegs, halten Vorträge, informieren, oder koordinieren spezielle Wandertage. "Auf Anfrage versuchen wir immer für Schulen da zu sein", meint Nicole Schreyer. Auch mit dem Verein "Natopia", der viele Schulen aus der Region in den "Koasa" führt, arbeiten die Schutzgebietsbetreuer oft zusammen.
Verstärkt gemeinsame Wege gehen die Naturschützer auch mit demn Tourismusverbänden. "Seit der TVB neu aufgestellt wurde, ist die Zusammenarbeit intensiver", erzählt Schreyer. Dort finden die Schutzgebietsbetreuer auch Platz für ihre monatlichen öffentlichen Sprechstunden. Im Info-Büro des "Kufsteinerlands" im "Kiss" informieren und beraten Schreyer und Larch einmal im Monat von 9 bis 11 Uhr, das nächste Mal am 23. Februar. Auch auf der "anderen Seite", in St. Johann, findet eine solche monatliche Sprechstunde statt.
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