22.11.2017, 22:11 Uhr

„Tür öffnen" als Chefsache – OÖ will enger mit „Autoland“ Baden-Württemberg kooperieren

Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP, re.) beim Termin bei Daimler in Stuttgart. (Foto: Land OÖ/Stinglmayr)
OÖ/BADEN-WÜRTTEMBERG. „Der Verbrennungsmotor ist gelaufen. Es geht nur mehr darum, welche Form des Elektromotors sich durchsetzen wird. Entweder die Batterie oder die Brennstoffzelle". So die kecke Meinung von Max Hosfeldt, Technologie-Chef der "Arena 2036" in Stuttgart.
Die Arena ist eine Forschungseinrichtung, die sich mit der Zukunft der Mobilität beschäftigt. Das Land Baden-Württemberg, Daimler, Bosch, die Fraunhofer Gesellschaft, die Uni Stuttgart – insgesamt knapp 30 Organisationen und Firmen, darunter zahlreiche KMUs, betreiben in der Stuttgarter Vorstadt eine „Spielwiese der Automobilzukunft“.

Dort werden Konzepte und Ideen getestet, die in den nächsten fünf bis zehn Jahren Eingang in unseren Alltag finden sollen. Beispiel Daimler: Ein kleines Team des Autobauers testet in der Arena derzeit eine Kombination aus 3D-Brille und Handschuh, der es in der Virtuellen Realität möglich macht Objekte zu greifen – und zu fühlen. Eingesetzt wird diese Technik bereits beim Bau neuer Auto-Prototypen und, sobald Qualität und Haptik Daimler-Niveau entsprechen, in den Autohäusern des Mercedes-Produzenten.

Mehr Kooperation zwischen OÖ und Baden-Württemberg

Die Arena ist also ein Ansatz, wie das Autoland Baden-Württemberg die Zukunft sieht. Interessant ist dies nicht nur für die Autonation Deutschland, sondern ebenso für das Auto-Zuliefererland Oberösterreich, meint Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) im Rahmen eines Delegationsbesuchs in Stuttgart. Seit Jahren pflegt die oberösterreichische Landesregierung enge Kontakte mit dem Land Baden-Württemberg. Und diese sollen, speziell im Automotive-Bereich, noch intensiver werden. „Wir haben vereinbart, dass wir über unsere Standortagenturen und die "E-Mobil", eine Plattform des Landes Baden-Württemberg, die sich mit dem Thema Antriebstechnik beschäftigt, noch enger zusammenarbeiten“, so die Baden-Württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU).

Stelzer-Politik: "Bildung zu den Ländern"

Landeshauptmann Stelzer ergänzt: „Wenn das kleine Oberösterreich und das große Baden Württemberg noch enger zusammenarbeiten, kann das nur gut für beide Partner sein“. Nachsatz: "Wir blicken in vielen Bereichen neidvoll auf Baden-Württemberg – etwa im Bereich Bildung und Hochschulbildung. Einer starken Region hilft es sehr, wenn die Kompetenzen für diese Bereiche vor Ort sind“, sagt der oberösterreichische Landeshauptmann. Stelzer regt also an, diese Kompetenzen in Österreich vom Bund in Richtung Länder zu verlagern. Natürlich müsste dann auch die Finanzierung von Wien in die Landeshauptstädte wandern, meint der Landeshauptmann im Rahmen seines Stuttgart-Besuchs.



Virtuelle Realität und Datenbrillen

Ebenso futuristisch wie in der "Arena 2036" geht es im Virtual Dimension Center (VDC), im Stuttgarter Vorort Fellbach zu. Der mittlerweile 90 Mitglieder starke VDC beschäftigt sich mit virtueller Realität. Anwendungen mit Datenbrillen finden zunehmend in Industriebetrieben (siehe Daimler, oben) Verwendung. Aber ebenso Handelsketten oder Modefirmen wie Hugo Boss setzen – etwa bei der Kollektionserstellung – mittlerweile auf virtuelle Realität. „Wir schätzen aber, dass Augmented Reality (AR) ein größeres Thema sein wird, da es unzählige Anwendungsmöglichkeiten für Unternehmen gibt“, sagt Christoph Runde, Geschäftsführer des VDC. Ein AR-System projiziert mittels einer Brille computergenerierte Inhalte in das Sichtfeld eines Benutzers und lässt virtuelle und reale Welt quasi miteinander verschmelzen.

Aus europäischer Sicht gilt jedoch als problematisch, dass alle großen Treiber bei Datenbrillen und Virtual Reality-Systemen nicht in der EU, sondern in den USA und Asien sitzen. Die Daten-Riesen Google, Microsoft, Facebook, Apple und Amazon stehen Samsung, Weibo und Co. gegenüber. Europäische Konkurrenz: Fehlanzeige.

Artificial Intelligence im Cyber Valley

Intensive Anstrengungen, um dieser amerikanischen Übermacht Paroli zu bieten, unternimmt das Land Baden Württemberg im „Cyber Valley“ – ein Zusammenschluss der Universitäten Stuttgart und Tübingen sowie des Max Planck-Instituts. Nimmt man die drei Institute zusammen, gibt es dort 55 Professuren für „Computer-Wissenschaften“. Die amerikanischen Top-Unis, wie das MIT in Massachusetts, haben zwar mehr als 80 Professuren und noch die Nase vorne – aber Europa holt auf. „Die Universitäten müssen die Zeichen der Zeit erkennen. Artificial Intelligence wird uns alle mitreißen – die Maschine ist in vielen Bereichen schon besser als der Mensch“, sagt Uni Tübingen-Rektor Bernd Engler. Als Beispiel nennt er, dass Computerprogramme bei der Hautkrebsdiagnose schon öfter richtig liegen als ein Facharzt – zumindest statistisch gesehen.

Landeshauptmann als Türöffner – Daimler bei "DigiTrans" mit ins Boot holen

Apropos Statistik: In Oberösterreich ist die Automobilzuliefer-Industrie einer der wichtigsten Arbeitgeber. Stelzers-Delegationsbesuch bei Daimler und der Landesregierung in Baden-Württemberg ist somit auch Türöffner für die heimische Wirtschaft. „Wir versuchen, in Baden Württenberg einen Fuß in die Tür zu bekommen“, bestätigt der oberösterreichische Landeshauptmann. Denn bei aller Wertschätzung für Digitalisierung, virtueller Realität und künstlicher Intelligenz – am Schluss ist es oft der persönliche Zugang zu den großen Industriebetrieben, der über Wohl oder Weh beim Geschäftsabschluss entscheidet.

"Es geht konkret um zwei Ansätze: Erstens um unser Projekt DigiTrans im Ennshafen. Dieses beschäftigt sich mit autonomen Fahren für Nutzfahrzeuge. Wir haben da bereits ein großes OÖ-Konsortium geformt. Es würde sich also anbieten, 'Daimler Nutzfahrzeuge' mit ins Boot zu holen", sagt Werner Pamminger, Geschäftsführer der oberösterreichischen Standortagentur Business Upper Austria.

Die zweite Stoßrichtung betrifft die sogenannten "Lieferanten-Innovationstage", bei denen Zulieferer aus Oberösterreich mit großen Industrie- und Autofirmen zusammengespannt werden. So soll das heimische Know-How bereits in den Entwicklungsprozess eines neuen Produkts – beispielsweise eines Autos – eingespeist werden.
Auch in diesem Bereich hofft man nun bei Daimler einen Zugang gefunden zu haben – und oberösterreichischen Automobilzulieferern in Zukunft die "Rutsche" zum bekannten Autobauer legen zu können. "Ein Termin mit dem Landeshauptmann kann helfen, die richtigen Ansprechpersonen bei großen Unternehmen zu identifizieren, die sich mit unseren Themen auseinandersetzen. Nicht jede Tür ist die richtige, aber wir arbeiten daran, uns auf verschiedenen Ebenen Gehör zu verschaffen", sagt BizUp-Chef Pamminger.
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