Schulleitung Lavantinum St. Andrä:
"Wir müssen den Mut haben, Schule völlig neu zu denken"
- Bernhard Kaiser, Schulleiter des Lavantinums in St. Andrä, fordert einen grundlegenden Wandel im österreichischen Schulsystem. Im Mittelpunkt stehen für ihn Individualisierung, soziale Kompetenzen und ein zeitgemäßer Umgang mit Wissen und künstlicher Intelligenz.
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Bernhard Kaiser, Schulleiter des Lavantinums in St. Andrä, hält das österreichische Schulsystem für nicht mehr zeitgemäß. Er fordert einen grundlegenden Systemwechsel – weg von reiner Wissensvermittlung, starren Fächergrenzen und klassischen Prüfungsformen. Schule müsse Kinder stärker auf das Leben vorbereiten.
ST. ANDRÄ. Wie muss Schule aussehen, damit Kinder auf eine Zukunft vorbereitet werden, die sich laufend verändert? Bernhard Kaiser plädiert für einen grundlegenden Wandel. Im Interview der Woche spricht er mit MeinBezirk über die Grenzen des bestehenden Systems, den Einsatz von künstlicher Intelligenz, Individualisierung und die Frage, welche Fähigkeiten Kinder tatsächlich für ihr späteres Leben brauchen.
MeinBezirk: Herr Kaiser, ist unser Schulsystem noch zeitgemäß?
Kaiser: Nein, absolut nicht. Unser Schulsystem bräuchte dringend eine Reform, die von Grund auf alles umgestaltet. Wir müssen aus dem Zeitalter der ständigen Novellierungen heraus und den Mut haben, uns zu fragen: Was würden wir machen, wenn wir Schule völlig neu erfinden könnten?
Wir schleppen sehr viele Altlasten mit. Die Grundzüge des Schulsystems gehen bis Maria Theresia zurück. Die Leistungsbeurteilungsverordnung stammt beispielsweise aus dem Jahr 1974. Sie wurde zwar mehrfach angepasst, aber der Grundcharakter ist geblieben und passt nicht mehr zur heutigen Zeit. Wenn man immer nur an einzelnen Stellen herumschraubt, entsteht irgendwann ein System, bei dem niemand mehr weiß, was eigentlich die Leitlinie ist. Wir müssten den Mut haben, wirklich neu anzufangen.
Was müsste sich als Erstes ändern?
Zunächst müssten wir uns überlegen, welche Inhalte überhaupt vermittelt werden sollen. Noch immer geht es sehr stark um Wissen. Zwar sind Kompetenzen im Lehrplan formuliert, in der schulischen Praxis steht aber vielerorts weiterhin die Vermittlung und Reproduktion von Wissen stark im Vordergrund.
Wir müssten auch hinterfragen, warum es die bestehenden Fächer überhaupt gibt und ob ihre Inhalte noch zeitgemäß sind. Heute fehlt vielfach der alltagstaugliche Bezug. Kinder lernen Dinge für die Schule, von denen sie später vielleicht kaum etwas brauchen. Im Informationszeitalter und mit künstlicher Intelligenz geht es aber weniger darum, möglichst viel Wissen anzuhäufen. Es geht vielmehr darum, mit Wissen und Werkzeugen wie KI richtig umgehen zu können.
Welche Fähigkeiten werden Kinder in zehn Jahren brauchen, die heute zu wenig vermittelt werden?
So ziemlich alles, was mit menschlichem Umgang zu tun hat: soziale Kompetenzen, Selbsteinschätzung, der Umgang mit anderen, Teamfähigkeit und Leadership-Skills. Unser Schulsystem bildet nach wie vor Einzelkämpfer aus, weil wir auch Einzelbeurteilungen haben.
In den vergangenen Jahren ist viel an Menschlichkeit verloren gegangen. Man könnte auch von Hausverstand sprechen. Diese Dinge wurden früher stärker über das Elternhaus vermittelt. Heute soll die Schule vieles davon ausgleichen, allerdings fehlen uns dafür Zeit und Werkzeuge. Dafür könnte man Ressourcen schaffen und gleichzeitig Inhalte reduzieren, die im digitalen Zeitalter in Sekunden abrufbar sind.
Welche Rolle spielen dabei die Eltern?
Der Beitrag des Elternhauses hat sich verändert. Die Schule muss immer stärker in erzieherische Bereiche eingreifen. Ihre Aufgabe ist längst nicht mehr nur Wissensvermittlung, sondern auch, Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten.
Gleichzeitig wird den Eltern vom Bildungssystem zu wenig Unterstützung angeboten. Viele versuchen, ihre Kinder mit Methoden zu unterstützen, die sie selbst aus ihrer Schulzeit kennen. Diese funktionieren heute teilweise nicht mehr. Es liegt also nicht unbedingt daran, dass Eltern nicht wollen. Oft sagt ihnen einfach niemand, wie sie ihre Kinder sinnvoll unterstützen können.
Eltern müssten stärker ins Bildungssystem eingebunden werden, statt ihnen nur Verantwortung zu übertragen. Denkbar wären etwa Elternabende zu Themen wie unterschiedlichen Lerntypen, digitaler Kompetenz oder dem Umgang mit sensiblen Bereichen. Auch beim Thema Medien reicht es nicht, Kindern einfach Verbote vorzusetzen. Kinder müssen lernen, mit modernen Medien umzugehen – gezielt und mit entsprechenden Schutzmaßnahmen.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz in der Schule?
Als Erstes müssten die Lehrkräfte entsprechend ausgebildet werden. Bei den bestehenden Lehrkräften braucht es ebenfalls Weiterbildung und zwar nicht nur ein oder zwei Stunden. Das Mindset muss sich verändern. Die Scheu vor KI muss fallen. Sie ist ein praktisches Werkzeug und kann eine enorme Arbeitserleichterung sein. Man muss aber wissen, wie man damit umgeht.
Auch in der Lehramtsausbildung braucht es einen Paradigmenwechsel. Es braucht mehr Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern, mehr Praxis, mehr Erfahrung und das alles noch früher und dauerhafter im Studium.
Wir sollten uns fragen, ob wir in der Schule tatsächlich hauptsächlich mit Wissensvermittlung beschäftigt sind. Ich sehe unsere Aufgabe vielmehr darin, Kinder auf ihrem individuellen Bildungsweg zu begleiten. Wir sind Coaches, leiten an und geben ihnen Werkzeuge für die Zukunft.
Ist ein solches System für jedes Kind geeignet?
Das geht sehr weit auseinander. Deshalb braucht es eine gute Differenzierung. Nicht jedes Kind kann dieselben Aufgaben auf dieselbe Weise bearbeiten. Wir arbeiten beispielsweise mit einer Dreifachdifferenzierung: Für Kinder, die mit der Standardmethodik Schwierigkeiten haben, gibt es einen anderen Zugang, während leistungsstärkere Kinder komplexere Aufgabenstellungen bekommen.
Unser Entwicklungspfad geht in Richtung Individualisierung. Am Ende sollten Kinder möglichst unterschiedliche Lernaufgaben zu unterschiedlichen Zeitpunkten entsprechend ihren Bedürfnissen bearbeiten können. Entscheidend dafür ist der Betreuungsschlüssel: Je kleiner die Klasse, desto besser.
Was wäre die eine Maßnahme, die das Schulsystem sofort verbessern würde?
Die Gruppengröße. Bei 16 Kindern pro Lehrkraft muss definitiv Schluss sein.
Kinder können vielleicht Aufgaben erledigen, ohne dass eine Lehrkraft ständig danebensteht. Das bedeutet aber noch nicht, dass sie den Überblick behalten oder sich auf die wichtigen Aufgaben konzentrieren können. Auch solche Fähigkeiten müssen trainiert werden – sie stehen allerdings in keinem Lehrplan.
Sie kritisieren auch standardisierte Testungen. Warum?
In der Lehramtsausbildung wird uns sehr plakativ vermittelt, dass Individualisierung notwendig ist. Gleichzeitig werden jedoch standardisierte Leistungsüberprüfungen, wie das Tool "iKMPLUS", eingeführt. Wir wissen als Lehrer, wo die Stärken und Schwächen unserer Kinder liegen. Wir sind täglich mit ihnen in Kontakt und begleiten sie über Jahre. Ich sehe deshalb den qualitativen Vorteil nicht, wenn ein standardisierter Test einem Kind zusätzlich zeigt, dass es eine Leistung scheinbar nicht schafft. Wenn solche Testungen allerdings genutzt werden, um Ressourcen bereitzustellen, kann ich den Sinn nachvollziehen.
Auch Schularbeiten stellen Sie infrage. Warum?
Im klassischen Schulsystem werden Kinder ständig beurteilt. Es bräuchte aber eine klare Fehlerkultur. Lern- und Prüfungszeit müssen stärker differenziert werden, sodass Kinder wissen, wann sie in einem sicheren Raum lernen und dabei Fehler machen können. In einem Unternehmen kommt auch nicht der Chef in der Früh herein und kündigt einen Test über Stahlverarbeitung an. Es wird laufend gearbeitet, Leistungen werden im Prozess erbracht und Entwicklung findet ständig statt.
Natürlich muss man überprüfen, welche Kompetenzen Kinder haben. Aber wenn sie diese am Ende des Tages beherrschen, muss nicht jeder Entwicklungsschritt auf dem Weg dorthin negativ bewertet werden. Ein Kind kann sich im Laufe des Schuljahres stark entwickeln und trotzdem schlechte Beurteilungen gesammelt haben, weil es zu einem früheren Zeitpunkt etwas noch nicht konnte.
Warum fällt es so schwer, das System grundlegend zu verändern?
Wir trauen uns nicht, das Bildungssystem wirklich neu zu denken. Dabei gibt es Möglichkeiten. Man kann beispielsweise den Regelunterricht so oft wie möglich zugunsten eines Projektunterrichts aufbrechen. Dafür braucht es aber Mut. Eine wirkliche Reform beginnt vielleicht dort, wo wir alle bereit sind, eigene Interessen und bisherige Standpunkte hinter die Frage zu stellen: Was brauchen unsere Kinder für ihre Zukunft?
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