Menschen im Gespräch
Grundeinkommen würde "die größte Not lindern"

Friedrich Schneider ist emeritierter Volkswirt an der JKU.
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Ein umwandelndes Grundeinkommen ohne Gegenleistung soll den Weg aus der Wirtschaftskrise weisen. Ökonom Friedrich Schneider forscht zum Thema und plädiert im StadtRundschau-Gespräch für ein Feldexperiment mit 8.000 LinzerInnen.

LINZ. Ein Grundeinkommen ohne Gegenleistung soll den Weg aus der Wirtschaftskrise weisen. Ökonom Friedrich Schneider forscht zum Thema und plädiert für ein großes Feldexperiment in Linz.

Herr Schneider, Sie plädieren dafür, sich ein bedingungsloses Grundeinkommen ohne Scheuklappen anzusehen? Warum gibt es so viel Skepsis beim Thema?
Friedrich Schneider: Weil es ein revolutionärer neuer Vorschlag ist, mit dem man sich erst einmal auseinandersetzen muss. Das kann ich gut verstehen. Bedingungsloses Grundeinkommen heißt, jeder kriegt 1.000 Euro im Monat auf die Hand. In unserer Art zu denken, ist so etwas nicht vorgesehen – das muss doch an Bedingungen geknüpft sein. Aber schon heute bekommen auch Millionäre Familienbeihilfe – das hinterfragt niemand.

Helikoptergeld in den USA

Es ist auch nicht so, dass ein Grundeinkommen so utopisch ist, dass es nicht passieren würde. US-Präsident Donald Trump hat das mit Zustimmung der Demokraten auch gemacht: Alle Familien die weniger als 60.000 Euro im Jahr verdienen, haben "Helikoptergeld" erhalten. Das war jetzt nicht so treffsicher, das Geld haben auch Menschen erhalte, die eine nur eine Zeit lang in den USA gelebt haben – aber es ist geschehen.

Kann sich Österreich so ein Grundeinkommen überhaupt leisten?
Wenn ich jedem 1.000 Euro gebe und die Leute investieren nicht, dann haben Sie recht, dann ist das ein milliardenschwerer zusätzlicher Wirtschaftstransfer. Das könnte die Inflation antreiben.

Wie stellen Sie sich die Einführung eines Grundeinkommens vor?
Erst einmal würde ich eine bedingungslose Grundsicherung einführen. Jeder, der unter 1.000 Euro im Monat fällt, sollte das aufgefüllt bekommen. Wer in der Corona-Krise sein Geschäft verloren hat, könnte wenigstens weiter seine Miete zahlen. Kleingewerbliche Betriebe wären aufgefangen und die ärgste Not wäre gelindert. Das wäre eine wesentlich effizientere Maßnahme als jetzt mit den vielen Töpfen. Das würde auch nicht mehr kosten, als die vielen Milliarden Euro, die wir für die Corona-Bewältigung ausgeben.

"Wenn zwei Drittel das Geld wieder investieren, dann würde das einen Boost für die Wirtschaft geben."

Sie haben selbst einen Test in Deutschland mit 100 Teilnehmenden begleitet.
Das Experiment in Deutschland hat gezeigt, dass ungefähr ein Drittel der Empfänger in ein eigenes Geschäft, in Ausbildung, et cetera investieren. Ein Drittel legt das Geld im Haushalt zusammen und schaut wie es besser vorankommt. Ein weiteres Drittel konsumiert das Geld nur. Wenn zwei Drittel das Geld wieder investieren, dann würde das einen Boost für die Wirtschaft geben und zu mehr Wachstum führen.

Experiment mit bis zu 1.000 Linzern

Es braucht noch mehr wissenschaftliche Daten. Wie könnte so ein Feldexperiment in Linz aussehen?
Es bräuchte ein Experiment mit 8.000 Menschen in Österreich, das drei Jahre lang läuft – vom Maurer bis zum Steuerberater – quer durch alle Bevölkerungsschichten. In Linz könnte man 500 bis 1.000 Leute auswählen. Das Experiment würde 20 bis 25 Millionen Euro kosten – das müsste der Bund finanzieren.

Sind Grundeinkommen und die Forderung nach Leistung ein Widerspruch?
Es wird immer Leute geben, die das Geld einfach konsumieren, die gibt es auch heute schon. Mit einer Grundsicherung als Anfang wäre in der jetzigen Situation sehr vielen Menschen sehr rasch geholfen. Handelstreibende, Unternehmen, die jetzt vor dem Ruin stehen, stürzen nicht mehr ins Bodenlose. Dass die Leute zum Teil hochkreativ sind, das sieht man in der Krise. Die Menschen haben die tollsten Ideen, nähen Masken, die man mit Teewasser bei 60 Grad desinfizieren kann. Die Restaurants haben geschlossen, dafür sind Dutzende Radkuriere unterwegs. Wenn ich weiß, dass meine Miete bezahlt ist, dann habe ich auch die Muse über solche Dinge nachzudenken.

Zur Sache

Der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens kommt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten. In den 1960er-Jahren schlug Milton Friedman ein sogenanntes Helikoptergeld vor. Im Gedankenexperiment erhalten alle Bürger einen einmaligen Geldbetrag. Die Auszahlung ist an keine Bedingungen geknüpft. Unter gewissen Voraussetzungen kurbelt die Geldausschüttung den Konsum, und bestenfalls auch die Eigeninitiative an – so die Annahme.

Ökonom Friedrich Schneider setzt sich mit dem Verein Generation Grundeinkommen für eine schrittweise Einführung ein. Das sogenannte umwandelnde Grundeinkommen würde vom Gehalt abgezogen oder aufgerechnet. Daraufhin verhandeln die Arbeitnehmer ihre Gehälter nach. Diese sanfte Einführung soll die Inflationsgefahr mindern.

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