„Wahlen in Kärnten könnten Anfang eines Neubeginns für Österreich sein“

In der österreichischen Politik jagt ein Korruptionsfall den nächsten, sodass sich Frank Stronach nun wirklich bemüßigt fühlt, eine Partei zu gründen. Wo sehen sie die Grünen in dieser politischen Situation?
Ich bin überzeugt, dass es in der Bundespolitik, in der Bundesregierung, zu einem politischen Neubeginn kommen muss. Wir haben zwei alte Modelle in der Vergangenheit erlebt: Das eine erleben wir zur Zeit, das ist die große Koalition, das heißt Stagnation, weil man seit langem nicht mehr miteinander kann und wenn zwei an einem Strang ziehen, aber in die entgegengesetzte Richtung, dann entsteht Stillstand mit großem Kraftaufwand und das ist derzeit die Politik der Bundesregierung. Und vorher haben wir Schwarz-Blau erlebt, und das beschäftigt jetzt die Gerichte, die Staatsanwaltschaft und die Untersuchungsausschüsse und hat einen Filz gebracht, der eigentlich ungeheuerlich ist. Und aus meiner Sicht ist Grün die Hoffnung für einen politischen Neubeginn auf Bundesebene. Das ist auch unser Wahlziel, so stark zu werden 2013, dass es mit uns eine Mehrheitsoption mit einer der beiden derzeitigen Regierungsparteien gibt. Blau und Orange sind zwei Seiten derselben Medaille und für uns überhaupt kein Thema. Die Protestparteien, ob Piraten oder Stronach, sind reine Protestparteien, der Wähler kann damit zwar einen Denkzettel geben, aber er verändert nichts vom grundsätzlichen Kurs. Und aus meiner Sicht braucht es den Neubeginn, damit die großen Reformen, die Österreich braucht, endlich angegangen werden – vom Bildungsbereich bis zur Energiepolitik, da ist so viel zu tun und wir verlieren immer mehr an Standortqualität und an Lebensqualität, was ja damit verbunden ist. Und das wird sich in den nächsten Jahren noch zuspitzen, weil die Krise ja alles andere als ausgestanden ist.

Gibt es bei einer Regierungsbeteiligung auf Bundesebene Präferenzen für Schwarz oder Rot?
Für uns wird entscheidend sein, so groß zu werden, dass sich mit uns etwas verändern lässt und dann wird entscheidend sein, in welcher Konstellation kann man grüne Werte und Inhalte umsetzen, einen Neubeginn wird es sicher nicht geben mit einer SPÖ, die business as usual betreibt und einer ÖVP, die den bisherigen Kurs fortsetzen will. Aber klar ist derzeit auch, die Bundes-ÖVP ist in einem verheerenden Zustand und deshalb ist die Option mit der SPÖ derzeit wahrscheinlicher.

Was wären denn grüne Werte, die die Grünen platzieren wollen – inzwischen wollen sich ja alle Parteien mit Umweltschutz, Nachhaltigkeit, „grüner“ Energie etc. positionieren.
Der erste große Anspruch für die Zeit nach 2013 und für den Neubeginn der Bundespolitik ist ganz sicher: Wir wollen eine Antikorruptionsgesetzgebung in Österreich, wie sie es kein zweites Mal gibt. Das braucht Österreich offensichtlich und es muss aus dieser Serie der Verfilzung von Lobbyisten, Teilen der Wirtschaft und Politik ganz saubere Konsequenzen geben.
Eine zweite Reformebene wird die Demokratisierung sein, für die wir stehen, das heißt für mich nicht nur Ausbau der direkten Demokratie sondern ein Tür öffnen für Menschen, die sich engagieren wollen, eine Mitmach-Demokratie. Bruno Kreisky hat es das Durchfluten aller Lebensbereiche mit Demokratie genannt. Wir versuchen, das in Oberösterreich ganz stark im Bereich der Energiewende, im Bereich der Agenda 21 zu platzieren, den Aufruf: Bringt Euch ein!
Und ein dritter Bereich wird natürlich die Bildungsreform, wo sich ÖVP und SPÖ seit beinahe ewigen Zeiten blockieren. Und der vierte Bereich ist die Energiewende auch auf Bundesebene, die auf Bundesebene bisher auf vielen Plakaten zu finden ist, aber nicht in der Realpolitik. Berlakovic bremst bei der Umsetzung, wo es nur geht oder kann sich offensichtlich nicht durchsetzen.

Aus manchen Industrieunternehmen hört man: Der Anschober schafft Jobs, wir schaffen Arbeitsplätze. Die green jobs würden eher im Niedriglohnbereich geschaffen, während die Industrie gut bezahlte Arbeitsplätze biete.
Grüne Jobs haben aus meiner Sicht nicht nur die Aufgabe, dass sie im Umweltbereich zu einer Verbesserung führen, sondern müssen auch in der Arbeitsqualität passen. Das hat mit der Arbeitssituation im Betrieb zu tun aber natürlich auch mit der Einkommenssituation. Ich wehre mich sehr dagegen, dass man da auseinanderzuklauben versucht von Seiten einiger Teile der Industrie. Die neuen grünen Jobs sind ja auch oft industrielle Arbeitsplätze. Wir brauchen eine Standortstrategie und die leben wir ja auch in Oberösterreich, wo wir versuchen, die traditionellen starken Industriesäulen zu bewahren, in schwierigen Zeiten auch Rahmenbedingungen zu geben, die ihnen das Überleben ermöglichen, soweit wir das auf Landesebene können. Und gleichzeitig aber das Neue zu fördern, und das hat stark mit dem Aufbauen von Heimmärkten zu tun. Für mich ist das schönste Beispiel jenes der Biomasseheizkessel. Die Energiewende ist die Grundvoraussetzung für den starken Heimmarkt und dann wollen wir die Unternehmen im Export begleiten und unterstützen. Bei Biomassewärmeerzeugung sind wir weltweit die Nummer eins und gleichzeitig hat das dazu geführt, dass unsere Firmen Weltmarktführer in diesem Bereich sind. Das Schaffen grüner Jobs, da ist die Grundvoraussetzung die Energiewende, die man selbst leben muss.

Sie haben die Bildung als zentralen Punkt eines grünen Regierungsprogramms angesprochen. Wie sieht die konkrete Position der Grünen aus?
Viele Pädagogen, Eltern und Schülern sind sehr resignativ, was die Zukunft der Schule in Österreich betrifft und es müsste wieder so etwas wie eine Aufbruchsstimmung, ein Durchlüften geben, eine Perspektive, wo Altes auch in Frage gestellt werden kann.
Zweitens: Ich bin zutiefst überzeugt, dieses Auseinanderdividieren der Kinder mit zehn Jahren - ich habe selbst gemerkt, wie schwierig das für Volksschullehrerinnen und -lehrer ist - ist viel, viel zu früh. Also eine gemeinsame Schule aber in dieser Schule eine größtmögliche Differenzierung nach Talenten, Interessen etc. Das ist möglich, eine dynamische, bewegliche Schule, die sich stark am Kind orientiert und den Glauben daran hat, dass sich in der Schule was Positives bewegt. Ich bin überzeugt, wenn man den Deckel runtergibt und so eine große Reformdynamik zulässt, dass sich dann sehr sehr viele frustrierte Pädagogen wieder einbringen werden.

Also Gesamtschule bis 15 Jahren - sollte man die Gymnasien aufgeben und alles in einer Gesamtschule zusammenfassen?
Ich glaube, dass es Übergangsregelungen wird geben müssen, das ist keine Frage, das geht schon aus baulichen Gründen nicht von heute auf morgen, aber die mittelfristige Zukunftsperspektive sollte eine gemeinsame Schule sein. Aber in dieser Schule dann eine umfassende Differenzierung. Ich erinnere mich an meine Schulzeit. Ich war ein absoluter Banause in Mathematik, katastrophal. Also da hätte ich Intensivstbetreuung gebraucht. Aber ich hatte dafür in anderen Bereichen absolute Stärken und die habe ich, so hoffe ich, halbwegs bewahrt. Ein Kind in dieser Doppelsituation ist die Normalität. Notwendig wäre, dass man die Stärken in Richtung bester Leistung entwickelt und die Schwächen auf einem Niveau abfängt, das kindgerecht ist. Die Differenzierung ist entscheidend, dazu braucht es wahrscheinlich mehr Lehrer und mehr Flexibilität und Dynamik. Ich bin überzeugt, dass sich in den nächsten Jahren im Bildungsbereich eine ziemliche Revolution abzeichnen wird, nämlich in dem Sinn, dass wir nicht mit 15, 18 oder 24 ausgelernt haben werden. Das Leben wird immer komplexer, das begleitende Ausbildungsangebot immer wichtiger, weil unsere Stärke muss und wird ja immer stärker die Qualifikation sein.

Rund zehn Prozent der Jugendlichen steigen ja aus dem Bildungsweg aus – Landeshauptmann Pühringer hat deshalb eine Ausbildungspflicht im Sinn.
Mit einer Ausbildungspflicht alleine werden wir das Problem nicht lösen sondern es wird sehr viel in Zukunft damit zu tun haben, wie spannend und motivierend Schule ist. Ist Schule etwas, wo man Lust und Freude empfindet. Ich würde den Jugendlichen lieber ein Ausbildungsrecht geben.
Und wichtig ist: Diejenigen, die ausgestiegen sind oder ausgestiegen wurden, dass die den Weg zurück in die Gesellschaft wieder finden und da ist es wichtig, dass wir sichergestellt haben, dass es diese zweite Chance für die Ausbildung gibt, für den Abschluss. Das kann bei manchen ein, bei manchen drei Jahre dauern. Aber wichtig ist, dass die Tür offen ist.

Offen wäre durch die Korruptionsthematik für viele Politikanalysten die Tür für die Grünen in punkto Regierungsbeteiligung. Sind die Grünen so weit?
Wir beweisen das in Oberösterreich jeden Tag seit ziemlich exakt neun Jahren.

Ich meinte es eher auf Bundesebene.
Was die Grünen auf Oberösterreich-Ebene können, das würden sie auch auf Bundesebene schaffen, da bin ich mir sicher, wenn das Paket und das Programm passen. Mit uns wird es eine Regierung nur dann geben, wenn auch die inhaltliche Stoßrichtung eines Regierungsübereinkommens passt.

Was wären Bereiche, die für die Grünen interessant wären?
Für die Grünen wäre ganz sicher der Umweltbereich interessant, ich halte nur das Ressort unter den jetzigen Umständen für völlig veraltet. Also dieses Zusammenspannen von Umwelt und Landwirtschaft. Da gibt es extreme Gegensätze und gleichzeitig ist die Tradition gewesen, dass es in Wirklichkeit von einem Landwirtschaftsvertreter geführt wird, der Umwelt mitmacht. Ich wäre für ein starkes Umweltressort, dem auch die gesamten Energieagenden beigestellt werden. So wie wir das in Oberösterreich im Großen und Ganzen haben, damit ein starkes umwelt- und energiepolitisches Steuerungsressort da ist. Sicher für uns sehr spannend das Bildungsressort, sicher auch andere Bereiche. Aber jetzt geht’s nicht um Namen und Ressorts, sondern darum, dass die Hoffnung für einen Neubeginn Grün ist und das wir die nächsten Wahlen so gewinnen, dass wir mehrheitsfähig sind. Dazu brauchen wir 15 plus X Prozent und das würde bedeuten, dass wir uns um über 50 Prozent steigern müssen und das ist ein Quantensprung.

Gelingt dieser Quantensprung mit der momentanen Spitzenkandidatin?
Die Eva Glawischnig ist aus meiner Sicht eine tolle Politikerin, hat meine absolute Unterstützung, wir arbeiten hervorragend und sehr, sehr intensiv zusammen und sie ist glaube ich in der österreichischen Innenpolitik eine tolle Besetzung, ja.

Werden Sie 2015 in Oberösterreich wieder antreten?
Ich versuche die nächsten drei Jahre nach bestem Wissen und Gewissen weiter grüne Politik zu machen und dann werden wir uns als Grüne zusammensetzen und entscheiden. Ich kann auf jeden Fall sagen: Mir macht die Arbeit in Oberösterreich in der Funktion unglaublich viel Freude. Ich verwende dieses Wort selten, aber ich liebe diese Arbeit. Wirklich, das ist so. Es ist ein großer Bereich einerseits, aber andererseits so nahe an den Bürgern, dass man mit ihnen zusammenarbeiten kann und es keine theoretische Arbeit vom Schreibtisch aus ist. Ich merke bei jeder Entscheidung die Auswirkung vor Ort. Dadurch ist es möglich, die Türen aufzumachen. Wir haben in Oberösterreich mittlerweile 25.000 Menschen, die beim einen oder anderen Projekt aktiv sind, vor allem bei den Energiespargemeinden und den Agenda-Gemeinden. Und das ist die größte Freude, zu merken, dass da ein Aufbruch da ist, dass es keine einsame Politik ist und dass wir wirklich was weiterbringen. Wenn ich zum Beispiel nach Spanien eingeladen werde, wie jetzt, um im November eine Vortragsreihe über die Energiewende, die Chancen und über grüne Jobs zu machen, wenn wir von der UNO als einer der besten Standorte gelistet werden, was die Energiewende betrifft, wenn ich merke, dass wir beigezogen werden bei einer französischen Regierungsbildung: „Wie geht das mit der Energiewende und was wären erste Top-Projekte, die man umsetzen kann?“ Dann kann man da wirklich stolz sein und sagen: Wir haben was weitergebracht in diesem Bereich, das motiviert.

Das wäre für ganz Österreich auch interessant, schließen Sie es aus, auf Bundesebene tätig zu werden?
Wir wären völlig verrückt, wenn wir jetzt Personaldiskussionen auf Bundesebene ein Jahr vor der nächsten Wahl führen würden. Mir macht die Arbeit in Oberösterreich unheimlich Spaß, aber ich bin nicht der Typus wie der Herr Zilk, der zum Notar geht.
(Anmerkung der Redaktion: Der ehemalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk hatte 1988 Spekulationen über eine mögliche Kandidatur als Bundespräsident beendet, indem er von einem Notar beglaubigen ließ, er wolle nichts werden außer dem, was er ist.)

Können Sie dann sichergehen, dass Sie bis 2015 in Oberösterreich bleiben?Sicherheiten gibt es im Leben wenige, das hängt mit der Gesundheit zusammen, mit allem möglichen …

... mit Angeboten aus der Bundespolitik …
Mir liegen keine Angebote aus der Bundespolitik vor und ich brauche gar nicht darüber nachdenken, weil ich an einem Wechsel gar keine Lust und gar kein Interesse von mir aus habe, weil ich diese Arbeit hier extrem gerne mache.

Wie sieht diese Arbeit hier in Oberösterreich aus – wie gut funktioniert die Arbeit zwischen Schwarz und Grün, wie sieht es aus mit dem koalitionären Frieden?
Regieren muss auch gelernt sein. Bei neuen verantwortungsvollen Tätigkeiten muss man Schritt für Schritt lernen. Wir haben jetzt Erfahrung, Routine, Netzwerke, Kooperationspartner. Es hat sich auch, was mir sehr wichtig ist, das Klima im Umgang mit der SPÖ sehr stark seit dem Abgang von Erich Haider verbessert, eigentlich dramatisch verbessert, muss man besser sagen, das ist gut für die Landespolitik. Und im Umgang mit der ÖVP gibt es sicher mehr Konflikte, als man öffentlich merkt, aber das ist unsere Kultur, dass wir diese Konflikte nicht öffentlich zur Schau stellen, sondern dass wir andere Lösungen erarbeiten und ich glaube, das ist eine neue politische Kultur, die viele als Wohltat empfinden. Und wir gehen dann an die Öffentlichkeit, wenn wir eine Lösung haben. Und in einigen wenigen Fällen kommen wir auf keinen schwarz-grünen Zweig, etwa beim Westring, aber dann muss man auch dazu stehen. Ich bin überzeugt, dass es in Zeiten des Sparens das Verständnis der Bevölkerung immer geringer wird, Unsummen für dieses Projekt auszugeben. Man muss sich vorstellen, das ist teurer als das gesamte Hochwasserschutzprogramm in Oberösterreich, die über 500 Projekte. Aber wir sind sehr gut, was das Schaffen von Lösungen betrifft. Da braucht es Zeit und da braucht es einen Grundrespekt, und den haben wir vor einander.

Vielen an der grünen Basis war und ist die Differenzierung von der ÖVP zu gering. Ist das der Preis für eine Regierungsfähigkeit – auch auf Bundesebene?
Der Schritt von der Oppositions- zur Regierungspartei war natürlich auch für uns ein Kulturbruch, noch dazu mit einer Partei, die damals von Wolfgang Schüssel geleitet wurde. Aber gleichzeitig mit einem Landeshauptmann, der sich immer gegen Schwarz-Blau ausgesprochen hat. Und das war für viele Grüne ein Kulturschock und da hat es auch zu Beginn etliche gegeben, die gezweifelt haben. Mittlerweile wird das Regierungsprojekt praktisch von niemandem bei den Grünen mehr in Frage gestellt. Es kommen viele Vorschläge von der Basis, viel Kreativität, aber es ist inzwischen ein sehr sehr solidarisches Projekt, wo wir wissen, wir können uns auf einander verlassen.
Man muss sehr klar sagen: Die Grünen sind über das Niveau einer Protestpartei weit hinausgegangen. Am Anfang waren wir ein Widerstandsprojekt gegen bestimmte Projekte wie Hainburg oder Zwentendorf. Dann kamen wir in die Fragestellung: Wie sieht das Gegenkonzept aus? Und wir sind eine Konzeptpartei geworden. Das war die zweite Phase der Parteientwicklung. Und jetzt sind wir in der dritten Phase, der Phase der Gestaltungspartei: In Oberösterreich, Wien, Innsbruck, Salzburg und Bregenz. Und diese dritte Phase ist etwas ganz anderes. Eine reine Protestpartei stellt das Angebot: Wählt mich und das ist ein Denkzettel für die anderen. Aber damit verändert man Null, überhaupt nichts. Wobei mir die Piraten sympatischer als Herr Stronach sind, der glaubt, er kann die Welt mit Geld kaufen, das funktioniert weder im Fußball noch beim Reiten noch in der Politik, das waren ja bisher seine großen Investitionen.
Damit wird sich aber an der Ausrichtung der Politik nichts ändern. Das ist ja das Absurde an Stronach: Sein Rezept ist, das zu stärken, was uns in die Krise gebracht hat, nämlich die Allmacht bestimmter Wirtschaftsteile und das Zurückdrängen von Politik. Wir sagen, es braucht wieder ein verantwortungsvolles Gestalten durch Politik, denn Politik hat ja die Verantwortung, für das Staatswohl zu sein, für das Wohl des einzelnen, dafür, dass es möglichst gutes Leben für viele Menschen gibt. Das kann man nur, wenn Politik Kraft und Macht hat. Und Stronach will genau das Gegenteil. Aber diese Kraft- und Machtlosigkeit hat uns ja die Finanzkrise heraufbeschworen, indem Finanzinstrumente nicht mehr kontrolliert und alles aus der Hand gegeben wurde. Das bitte ich alle, denen wir momentan politisch etwas zu wenig Revoluzzer sind, zu bedenken. Es geht um eine politische Richtungsentscheidung.

Der Schritt von der Protest- zur Gestaltungspartei, zur Partei mit Regierungsverantwortung ruft ja auch dunkle Kräfte auf den Plan, die diese Gestaltungskraft für sich nutzen wollen. Hat es schon einmal ein unmoralische Angebot an Sie gegeben, wurden Sie schon persönlich mit Korruptionsangeboten konfrontiert?
Die Herren, die jetzt im Untersuchungsausschuss auf der Bank der Befragten sitzen, die waren noch nie bei mir.

Es dürfte noch ein paar mehr geben, die noch nicht auf der Anklagebank sitzen …
Mir selbst ist so etwas noch nie passiert und ich habe deswegen, als Gabi Moser mir die Substanz der Vorwürfe erzählt hat, gesagt: Ich kann mir das nicht vorstellen, dass Politik sich so entwickelt und so daneben ist. Und jetzt merke ich jede Woche, dass das Realität oder sogar schlimmer ist, als sie mir erzählt hat, Und deswegen glaube ich, dass es diesen Neubeginn braucht und damit eine neue treibende Kraft, die in diesem Schlamassel nicht drin ist.

Man stumpft ja fast schon ab, wenn man etwa täglich hört, was sich in Kärnten tut …
Das eine ist die Korruptionsebene. Das andere ist, dass ein Land im gewissen Sinn am Spiel steht. Wenn man sich die Wirtschaftssituation, die Budgetsituation und die Verschuldungssituation ansieht, dann vergleicht mit manchen Ländern im Euroraum …

… dann ist Kärnten das Griechenland Österreichs …
… dann können und werden wir da ein akutes Problem kriegen, wir alle. Ich bin der Meinung, dass es auch Parteien braucht, die Klartext reden, das ist möglicherweise der Grund gewesen, dass die Grünen nicht so reüssiert haben. Grad in diesen Zeiten eines Neubeginns braucht es Ehrlichkeit und da wird manches Unpopuläre dabei sein, was es zu tun gilt. Ich steh dazu, ich würde ein Auseinanderbrechen des Euroraums verheerend finden. Oft wissen wir nicht, was wir Positives an der EU haben, bei aller Kritik und ich würde sie liebend gerne in vielen Bereichen weiterentwickeln und korrigieren. Mein Ziel wäre ein wirklich starkes Europa der Regionen, wo einerseits Kommissionsmitglieder von den Bürgern gewählt werden und andererseits aber die Bedeutung der Regionen zunehmen muss. Klassisches Beispiel ist die Gentechnologie: Wen bitte geht es in Brüssel etwas an, ob wir gentechnisch manipuliertes Saatgut verwenden und wie wir unsere Ernährung darstellen und voranbringen wollen?
Es braucht etwas wie aus der Krise heraus einen Sprung in Richtung ein neues, starkes Europa mit einer Demokratisierung und Aufwertung der Regionen. Vielfalt innerhalb eines starken Europas.

Ist Kärnten jetzt ein Hoffnungsland für die Grünen?
Wenn es in Kärnten eine Hoffnung gibt, dann ist die Farbe grün.
Eine breite Bevölkerungsschicht merkt jetzt: Ohne die Grünen und ohne Ralf Holub wären die Skandale nie aufgedeckt worden. Es wäre weiter der Mantel der Verfilzung über dem Land gelegen. Die nächsten Wahlen – und die FPK kann die Wahlen nicht ewig verhindern, ich gehe davon aus, dass es noch heuer in Kärnten Wahlen gibt - könnten der Anfang eines Neubeginns in Österreich sein. Da ist ein ganz starkes grünes Ergebnis die Voraussetzung. Man muss sich vorstellen, die Grünen haben bei den letzten Landtagswahlen den Einzug in den Landtag nur ganz ganz knapp geschafft. Wenn die 2000 Stimmen weniger gehabt hätten, dann wäre das Ganze nie aufgeflogen, dann hätte das Sparen zugunsten des Steuerzahlers nie begonnen. Und ich erwarte mir schon, dass das wirklich, wirklich honoriert wird. Das kann der Beginn eines Neubeginns mit starken Grünen werden.

Sie heben das Sparen zugunsten des Steuerzahlers hervor – was ist denn nun der Weg? Sollen Europa und seine Staaten wie Österreich nur sparen oder muss auch weiter investiert werden?
Wir sind in Europa sehr gut vernetzt als Grüne, die Grünen sind in Europa glaube ich die einzige Partei, die ein ganz klares Konzept als Antwort auf Wirtschafts- und Finanzkrise hat und das nennt sich der „Green New Deal“. Und der besteht aus drei Säulen. Erstens die Priorität der Politik gegenüber der Finanzwirtschaft zurückkriegen. Das heißt Finanztransaktionssteuer, das heißt wieder einen politischen Rahmen schaffen, damit man manche völlig aus den Fugen geratenen Finanzinstrumente überhaupt vom Markt wegbringt. Zweitens: Investitionsprogramme in Bereichen, in denen wir es brauchen. Heißt vor allem Energieumstellung, in Erneuerbare investieren. Das wäre das Beschäftigungs- und Konjunkturprogramm in Europa, das dringend notwendig ist. Da haben wir in Europa so viele Staaten, die großartige Voraussetzungen hätten – von Griechenland angefangen. Das liegt bisher völlig brach. Die erste und die zweite Säule des Green New Deal könnte man verbinden, indem die Finanztransaktionssteuer verwirklicht wird und zu einem Gutteil zweckgebunden für Konjunkturprogramme verwendet wird. Und das Dritte ist das Konsolidieren der Haushalte. Nachhaltigkeit ist ökologisch und finanzpolitisch wichtig. Staaten mit hohen Verschuldungsgraden machen sich ja extrem anfällig für Attacken von Spekulanten.
Es darf nicht heißen „Sparen oder Investieren“ sondern wir müssen Sparen, damit wir in Zukunftsbereiche investieren können.

Stichwort Zukunft: Was ist Ihre Vision für ein Oberösterreich 2020, 2030?
Es wird ganz stark in Richtung Regionalität gehen bei Ernährung und Energie, in Richtung auch mehr Eigenversorgung, mehr Eigenverantwortung damit. Ich glaube an die große Chance, dass wir Vollbeschäftigung haben und das ist die Grundvoraussetzung für sozialen Ausgleich – auch wenn wir Beschäftigung neu definieren müssen. Ernährung wird ein sehr politisches Thema der Zukunft, wir haben mit dem Fleischfreitag ein provokantes Zeichen gesetzt, da hat es viele Reaktionen gegeben, hauptsächlich positiv, aber nicht nur. Mir geht es nicht darum, jemandem etwas zu verbieten, sondern um bewusste Entscheidungen für bestimmte Lebensmittel, für Regionalität, Herkunft, bestimmte Produktionsformen, bewusstes Leben.

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