Geh hin, wo der Pfeffer wächst – Teil I

Geh hin, wo der Pfeffer wächst schrieb Erika Hager.
  • Geh hin, wo der Pfeffer wächst schrieb Erika Hager.
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INDUSTRIEVIERTEL. Fortsetzungsroman: Mit der Buchverkauf wird das Projekt "AIDS-Waisenkinder in Theni", Indien, unterstützt.

Sprichwort

Die erste schriftliche Erwähnung dieses deutsch-holländischen Sprichworts ist »Ach werents an derselben statt, do der pfeffer gewachsen hat« in Tomas Murner’s »Narrenbschwerung», Straßburg 1512. Wenn man etwas nicht haben konnte, oder etwas / jemanden nicht mochte, wünschte man ihn dorthin, wo der Pfeffer wächst, i.e. far away. Seine Bedeutung ist bis heute dieselbe geblieben. (Lutz Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, 5 Bände, Freiburg-Basel-Wien 19952, Band 4, 
S. 1159.)

Erste Himalaya Reise – Weihnachten 1984

Bücher können Freunde sein, wegbegleitend, ermutigend, inspirierend. Als ich in meiner Jugend »Sieben Jahre in Tibet« von Heinrich Harrer in die Hände bekam und mit Faszination verschlang, stillte es vor allem meine Sehnsucht nach der Fremde und dem Unbekannten und entflammte mein Verlangen nach fernen Abenteuern. Ich ahnte damals nicht, wie sehr diese geistige Begegnung mit den Menschen und der Landschaft der Himalayas mein Leben beeinflussen würde.
Viele Jahre später, 1984, wurde ich von Tony Bellette, einem meiner ehemaligen Universitätsprofessoren in Calgary, gemeinsam mit sechs weiteren Freunden zu einer Trekkingtour nach Nepal eingeladen. Geplant war eine Wanderung von Jiri bis zum Fuß von Mt. Everest und ein Rückflug von Lukla nach Kathmandu. Um die Weihnachtszeit ist das Wetter ideal für klare Fernsicht in den Bergen, und auf den sonnigen Terrassenhängen herrschen angenehme Tagestemperaturen.
Zur Akklimatisierung verbrachten wir einen Tag in der Hauptstadt, den ich dazu benutzte, um nach Bhaktapur zu fahren, neben Kathmandu und Patan eine der drei Königsstädte. Ich fuhr mit einem funkelnagelneuen chinesischen Fahrrad und orientierte mich an den elektrischen Kabeln für die Bustrolleys, eine sichere Wegführung für jene, die nepalesische Verkehrsschilder nicht lesen können. Außerdem war die Langsamkeit der Fortbewegung auf dem Rad angepasst an mein Wahrnehmungsvermögen in dieser neuen, wunderbaren Umgebung. In Bhaktapur umzingelte mich eine Schar von Buben, die mit Stolz das Fahrrad zum Schieben übernahmen und mir eine erstaunliche Führung durch die Stadt boten. So bekam ich nicht nur die Tempel zu sehen, sondern auch die Hinterhöfe, wo Wolle gefärbt wurde oder Menschen ein Bad nahmen. Nach meiner Rückfahrt gab ich in Kathmandu noch ein paar Briefe auf, und in diesen wenigen Augenblicken hat jemand das Rad dann mitgenommen − eine sehr unmittelbare Entwicklungshilfe, dachte ich mir.
In den achtziger Jahren gab es in Nepal nur wenige Straßen – eine von Kathmandu nach Süden Richtung Indien, nach Westen bis Pokhara und nach Osten bis Jiri, der Rest des Landes konnte nur ergangen werden. Wir sind unterwegs mit Sherpa AngKami, mit Trägern für die Zelte und mit einem Koch.
Entlang des Weges stehen Manisteine, in welche Gebete eingeschrieben sind: Gehe links an ihnen vorbei, damit sie dir Glück bringen! Auf Hügeln sind Stupas erbaut, kleine buddhistische Tempel, die von den Tibetern Chorten genannt werden. Wir kommen vorbei an winzigen Höfen, das Getreide ist zum Trocknen auf dem Vordach aufgelegt, zwei oder drei Ziegen und ebenso viele Kinder spielen vor dem Haus, während die Mutter auf dem Feld arbeitet. Der Vater ist wahrscheinlich als Träger unterwegs oder in einem anderen Ort beschäftigt. Die Dörfer sehen sauber aus, hier und da wird ein neues Haus erbaut. Wenn wir abends im Zelt sitzen, kommt ein Dorflehrer und erzählt, wie er mit fünfzehn Jahren von einem »match-maker« verheiratet wurde, erzählt von seinem Heimatdorf in Terai und von der Bedeutung des Königs für dieses hinduistische Reich.
Am nächsten Morgen begegnen wir Mönchen, die zum Dalai Lama pilgern, einer alten Frau, die von ihrem Sohn in einem Korb am Rücken den Berg hinunter getragen wird, vielleicht suchen sie Verwandte auf oder gehen zu einem Heiler. Viele Kinder sind unterwegs, die schon früh daran gewöhnt werden, eine Last zu tragen, seien es jüngere Geschwister, die auf den Rücken gebunden sind, oder Baumaterial, das auf diese Weise von einem Ort zum anderen befördert wird. Um ihre Englisch-Vokabel zu erproben, begleiten sie uns eine Weile, vielleicht ahnend, dass diese Sprache später für sie nützlich sein könnte. Sie sind weniger scheu als der kleine Bub der seine Kühe von der Weide heimtreiben muss. Weit und breit ist keine menschliche Behausung zu sehen, wie weit geht der junge Hirte mit seiner Herde? Er ist nicht halb so groß wie die Tiere, durch seine geschlitzte Hose pfeift der Wind.
Die Trekking Tour von Jiri zum Fuß von Mt. Everest ist die Erfüllung eines Traums, doch verlangt sie von mir auch große Anstrengung. Der Weg führt nicht stetig bergauf, denn die Haupttäler Nepals erstrecken sich von Norden nach Süden, unser Weg verläuft jedoch von Westen nach Osten. Das heißt, dass alle größeren Täler durchquert werden müssen, und deshalb die Tages­märsche immer wieder hinunter führen ins Tal und ein neuer Aufstieg überwunden werden muss. Gleichzeitig ist dies die beste Akklimatisierung für größere Höhen.
Wir schreiben das Jahr 1984. Auf dem Land gibt es keinen Strom, kein Licht, keine Zeitungen, keinen Lärm, außer es kommt eine Trekking Gruppe mit einem Transistorradio vorbei. Die Nächte werden erhellt durch die Sternenpracht, und in den Hütten brennt ein offenes Feuer zum Kochen, der Rauch brennt in den Augen und in der Kehle, eine Kerosin-Lampe steht bei uns im Zelt. Es ist noch die Zeit vor dem großen Rummel und den lauten Touristengruppen.
Vom Weihnachtstrubel merkt man in diesen fernen Bergen nichts.
Unter der Sternenkonstellation des Orion feiern wir den Heiligen Abend. Ein mitgebrachter Weihnachtsstollen wird aufgeteilt auf alle, wir stimmen ein Weihnachtslied an und singen beim Lagerfeuer, bis die Nepali ihre Schüchternheit verlieren. Die Träger tanzen zu ihren fröhlichen, selbst gesungenen Melodien und bewegen sich mit graziösen, fast sinnlichen Schritten. Am Christtag besuchen wir ein Kloster – ein Ghompa – in dem Mönche und junge Novizen mit­einander leben. Die Musik der Trommeln und der knochenförmigen Blasinstrumente ist ohrenbetäubend, sie könnte Tote erwecken.

Zur Sache
Geh hin, wo der Pfeffer wächst
Reisenotizen aus Nepal und Indien | A travelogue from Nepal and India
Erika Hager
ISBN: 978-3-99028-491-9
19 x 12 cm, 174 S
€ 18

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