Aus der persönlichen Sicht eines Patienten - Teil 4
Leben mit seltenem KREBS - das wars noch nicht!!! - Mitteilung an ...

GOLS./Teil 4 Mitteilung der Krebsdiagnose an ….

Tja, nun hatte ich meinen Befund – seltene Erkrankung von Tumoren in den Lymphknoten...
Hochgradig bösartig... muss sofort raus... das waren ihre Worte. OK....

Wem sollte bzw. musste ich das jetzt mal mitteilen? Ich brauchte ja selbst mal einige Zeit um runterzukommen und um das mal selbst zu kapieren. Ich glaub, verstanden hab ich es bis heute noch nicht ganz... ist auch ziemlich komplex und mit dem vielen Latein hatte ich außer bei Asterix noch nie wirklich was am Hut. Bevor ich Latein lernen würde, wäre ich lieber Wildschweinjäger wie Obelix geworden. An der Statur konnte man ja arbeiten ;-)))

Ich machte das Beste, was ich machen konnte und was mir in so einer Situation auch am Meisten hilft. Ich ging spazieren. Und was ist in Eisenstadt naheliegender als der wunderschöne Schlosspark von den Grafen Esterhazy? Ein Wohlfühlort und eine Oase für die Seele. Ich spazierte hin. Es war Sonnenschein und eigentlich ganz gutes Wetter, soweit ich mich erinnern kann.

Ich nahm auf einer Parkbank vor dem großen angelegten Teich Platz und hielt inne. Ich verschloss meine Augen und dachte nach. Plötzlich wurde ich aus meiner Lethargie gerissen. Ein altes Ehepaar bat mich Fotos mit dem Teich im Hintergrund von ihnen zu machen. Kein Problem, machte ich gerne. Danach setzte ich mich wieder zurück auf die Parkbank und überlegte. Wie soll ich das meiner Mutter beibringen???

Ich schnappte mir mein Handy und suchte die Nummer meiner Dienststelle, Geschäftsstellenleitung, Mrs. C. und begann zu wählen. Besser zuerst mal in der Arbeit Bescheid geben. Zwischen Läuten und Abheben lag eine gefühlte Ewigkeit. Endlich hatte ich unsere Geschäftsstellenleiterin am Telefon. Freundlich wie immer. Nur musste ich ihr nun diese schwere und zugleich auch traurige Nachricht mitteilen. Ich werde so zwei Wochen leider nicht zum Dienst  kommen können, da ich schon am Dienstag operiert werden muss. Mir müssten zwei Lymphknoten am linken Halse entfernt werden. Ziemlich schwere, gefährliche Operation. Sie war verständlicherweise auch nicht erfreut. Musste ja für mich Ersatz finden und meine Arbeit aufteilen. Aber das ist ja auch ihre Aufgabe und war in dem Moment für uns Beide aber nebensächlich.

Aber sie ist auch sehr menschlich und mitfühlend im Gegensatz zu anderen Kolleginnen und machte sich auch Sorgen. Das macht sie auch bestimmt bis heute noch, selbst wenn es ihr im Moment selbst nicht gut geht und sie gerade eine Reha wegen einer schweren Krankheit hinter sich hat. Man merkte schon, dass sich das auch zu Herzen nahm und sie fragt mich auch öfters (über Whats app...) wies mir geht. Ein herzensguter, gläubiger Mensch eben. Und ich bat sie auch, es meinen KollegInnen aus meiner Abteilung mitzuteilen, da ich in dem Moment sowieso nicht die Nerven dazu hatte. Aus den zwei Wochen wurden dann leider vier Monate Krankenstand :-((

Ich hatte es ja nicht mal selbst noch realisiert bzw. war sicher auch heillos mit der Situation überfordert und kam selber mit dem Nachdenken darüber nicht ganz klar. Aber da musste ich nun durch. Das nahm mir keiner ab. Aber eins hatte ich ja nun mal erledigt. Krankmeldung musste ich ja sowieso von meiner Hausärztin nachschicken lassen.

Meine Sorge galt noch immer und in erster Linie meiner Mutter und wie ich es ihr am Besten und Schonendsten beibringen sollte. Wie würde sie reagieren, von ihrem Sohn eine so schlimme Nachricht zu erhalten. Als jüngeres Kind hat man doch einen anderen Status und ist sich noch näher. Denk ich zumindest. Ihr „jüngster Sohn“, konfrontiert mit dem Tod. Keine einfache Sache... Ich starrte weiter Löcher in die Luft bzw. beobachtete die Enten im Schwimmteich. War irgendwie beruhigend. Und auch die Luft war sehr angenehm dort. Aber es half nichts, mir blieb es nicht erspart und ich wählte auf meinem Handy ihre Nummer.
Sie hatte meinen Anruf bereits erwartet. Sie wusste ja Bescheid, wo ich war bzw. hingefahren bin. Und so teilte ich ihr eben die schlimme Nachricht mit.

Sie nahm es ziemlich gefasst auf. Na ja, sie hat ja auch seit Ewigkeiten unsere Großmutter, ihre Mutter und ihre Tante immer gepflegt (dafür gabs kein Pflegegeld!!!) und sie hatte als Bäuerin noch genug Arbeit nebenbei. Sie war immer fleißig und hat immer gearbeitet. War sicher nicht einfach. Und bei Pflegefällen gehört der Tod eben dazu. Das ist nur eine Frage der Zeit, damit muss man rechnen.

Es hat sie auf jeden Fall ganz sicher mehr getroffen als mich, aber meine Mama ist eine sehr starke Frau und Persönlichkeit und sie würde sich das auch nie ansehen lassen. Das Leben prägt einen eben. Aber Trauer und Tod gehört nun mal eben zum Leben und wir einigten uns dann, dass es in Eisenstadt sehr gute Ärzte gibt und ich auf der HNO Abteilung von Dr. W. auf jeden Fall in den besten Händen bin. In den Händen der Barmherzigen Brüder. Und Eisenstadt war mir auf jeden Fall lieber als Wien, was aber höchstwahrscheinlich ein Fehler war, aber das ist eine andere Geschichte.

Erleichtert, über die doch sehr gefasste Aufnahme meines Befundes meiner Mutter, sah ich mich nicht mehr wirklich viel um im Schlosspark und machte mich auf die Socken um nach Hause zu fahren. Und das war auch gut so.

Einige Tage später las ich in der Zeitung, im Schlosspark in Eisenstadt, wurde ein Mann tot aufgefunden. Und zwar genau an dem Tag, als ich Trost und Hoffnung dort suchte. Ich bin heute noch heilfroh, dass ich nicht noch auch über die Leiche dieses Mannes gestoßen bin. Damit wär der Schock des Tages perfekt gewesen und ich hätt dann wirklich psychologische Behandlung benötigt, die ich noch zuvor verschmäht hatte.

Siehe hierzu der Artikel aus der Chronik des Kuriers vom Land Burgenland:
https://kurier.at/chronik/burgenland/burgenland-maennliche-leiche-im-schlosspark-eisenstadt-gefunden/143.354.625

‎25‎.‎07‎.‎2015
Eisenstadt:Leiche im Schlosspark gefunden

Bisher keine Hinweise auf Fremdverschulden am Tod des etwa 65-jährigen Mannes festgestellt.
Im Schlosspark Eisenstadt ist Samstag früh eine männliche Leiche gefunden worden. Erste Ermittlungen brachten keine Hinweise auf Fremdverschulden oder Gewalteinwirkung, teilte die Landespolizeidirektion Burgenland mit. Ein Spaziergänger, der mit seinem Hund unterwegs gewesen war, hatte den Toten unter einem Gebüsch entdeckt. Die Identität des Mannes, der keine persönlichen Gegenstände bei sich hatte, war zunächst ungeklärt. Sein Alter wurde auf 50 bis 65 Jahre geschätzt. Laut Polizei hatte er - bei diesen sommerlichen Temperaturen auffällig - mehrere Teile Oberbekleidung getragen. Der Todeszeitpunkt dürfte einige Zeit zurückliegen, hieß es. Eine gerichtliche Obduktion wurde angeordnet.

Tja, kann man das jetzt als GLÜCK im UNGLÜCK bezeichnen? Ich weiß nicht... Es ist mir auch nicht mehr bewusst, ob ich diesen Mann vielleicht doch gesehen habe. Vielleicht war ich auch der letzte Mensch, der ihn lebend gesehen hat? Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht daran erinnern in gesehen zu haben. Und an diesem Tag bin ich auch durch den ganzen Park im Schloss spaziert. Aber ich kann es nicht sagen, ob ich einen Obdachlosen gesehen hätte, der bei diesem herrlichen Sommerwetter mehrere Schichten Oberbekleidung getragen hatte. Sowas fällt einem ja eigentlich auf. Aber an dem Tag ist mir Nichts aufgefallen. Da bin ich nur wie ein Roboter durch den Park gesteuert.

Und dann mit meinem Duster schnurstracks nach Hause gefahren und ich hab mich dann sofort schlafen gelegt, so fertig wie ich war. Emotional, körperlich und wie auch immer. Total erledigt und erschöpft und ich brauchte einfach meine Ruhe. Natürlich hab ichs vorm Schlafen noch meiner damaligen Freundin beichten müssen. Aber es war auch sehr schwer ihr das zu erklären und begreiflich zu machen. Ich denke, sie hat das auch nie ganz genau verstanden und auch sehr Angst davor gehabt. Auch in Hinsicht auf Nachwuchs, der dass erben könnte, was aber ein ausgemachter Blödsinn war, aber auch ganz sicher zum Bruch und Ende unserer Beziehung beitrug. Es hat mich zwar schwer getroffen und mir auch sehr weh getan, aber so ist es halt im Leben. Es gibt immer Auf und Abs... Nur war das für mich dann zu der Zeit der Tiefpunkt schlechthin. Viel ärger hätte es ja nicht mehr kommen können. Das kam dann erst 2018...

Ich hab dann auch nicht mehr wirklich Jemanden anders von meinem Befund verständigt. Ich weiß auch nicht mehr, ob ich es meiner Lieblingscousine noch am selben Tag geschrieben habe oder erst Tags darauf. Ich wollte nur mehr schlafen und das tat ich dann auch. Den Seinen gibt’s ja der Herr bekanntlich im Schlaf. Und nächsten Tag, mal darüber geschlafen, ging es auch schon leichter.

Ich weiß nicht warum, aber irgendwie ist einem so etwas auch noch peinlich und man geniert sich dafür, dass man erkrankt ist. Und daher wollt ich es auch so Wenigen wie möglich erzählen. Dann wird man von Jedem darauf angesprochen und das obwohl man eigentlich nur seine Ruhe will. Ich hab es nicht mal meinen Bruder erzählt, erst irgendwann viele Wochen später, als er mich darauf angesprochen hat. Ist ja auch mein Problem, nicht seins. Und er fragt auch sehr selten danach.

Ach ja und natürlich musste ich es ja noch meiner Hausärztin, Fr. Dr. S-K auch mitteilen und ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich war glaub ich noch am selben Tag bei ihr, am Nachmittag. Ich kann mich nur noch an ihrem ungläubigen Blick erinnern. MORBUS.... was??? CASTLEMAN?? Nie gehört!!! Aber ist ja auch nicht einfach bei den vielen Morbus-Krankheiten die es gibt. Und so selten wie meine Krankheit noch dazu war, woher sollte sie das auch kennen.

Aber als Sie Wikipedia dazu befragte war ich doch etwas erstaunt und überrascht zugleich:
https://de.wikipedia.org/wiki/Morbus_Castleman

Und ich muss dazusagen, im Internet war generell wenig darüber zu finden. Wurde auf jeden Fall 1954 von einem gewissen Herrn Benjamin Castleman entdeckt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich die unizentrische Form, d.h. die geschwollen Lymphknoten traten nur an einer Stelle und zwar bei mir links am Hals auf. Was sich aber noch ändern sollte. :-(

So weit, so gut, genauere Daten werde ich natürlich zur gegeben Zeit, möglicherweise in Buchform (für einen guten Zweck?) veröffentlichen, aber das war jetzt mal die Fortsetzung zu meiner Geschichte.

Teil 5 wies dann weiter gegangen ist im KH Eisenstadt, über Operation, Tumorboard, PET-CT, Knochenmarkbiopsie und Wechsel auf die onkolog. Abteilung, folgt. ;-)

Ich wünsch euch alles Liebe und hoffe auf zahlreiche Kommentare.

Eurer Regio(austro)naut

Werner M. ACHS

Teil III zu meiner Kolumne "Leben mit seltenem Krebs - das wars noch nicht - Der Anfang - Hammerschlag in Eisenstadt":
https://www.meinbezirk.at/neusiedl-am-see/c-gesundheit/leben-mit-seltenem-krebs-das-wars-noch-nicht-der-anfang-hammerschlag-in-eisenstadt_a3304086

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