12.09.2017, 12:03 Uhr

Grabung fördert "fantastische" Scherben zutage

Grabungsleiter Wolfgang Klimesch (Firma Archeonova) und Heimatforscher Franz Haudum

Rätselhafte Funde in Schwarzenberg werfen neue Fragen zur Geschichte der Glasproduktion auf.

SCHWARZENBERG. "Unsere Kinder haben beim Erdäpfelklauben an dieser Stelle vor 40 Jahren schon immer wieder Glasperlen gefunden", sagt Hedwig Stockinger. Sie wohnt in Schwarzenberg 93. Auf dem Grundstück neben ihrem Haus herrschte in der Vorwoche geschäftiges Treiben. Bereits im Jahr 2013 wurde mittels Bodenradar eine mögliche Glasofenanlage lokalisiert. Diese Sichtung wurde nun überprüft.

Hinweis auf 2 Glashütten

Vier Tage lang haben Archäologin Martina Reitberger aus Julbach, der Grabungsleiter der Firma Archeonova, Wolfgang Klimesch und der gebürtige Schwarzenberger und Experte für Glasgeschichte, Franz Haudum, neben dem Haus der Stockingers im Boden gegraben. Und sie sind fündig geworden: "Wir haben eine Unmenge Hinweise gefunden, dass hier einst zwei Glashütten gestanden haben müssen", sagt Klimesch. "Sie müssen größer gewesen sein, als bisher angenommen", vermutet er und deutet auf einen Steinhaufen ganz in der Nähe: "Ich bin mir sicher, darunter würden wir noch einen Glasofen finden." Neben mehr als 1.000 Fundstücken wie Flachglas, Punzenglas, Hohlgläsern, schön verzierten Teilen von Trinkgläsern und blauen, weißen sowie braunen Glasperlen, deuten Schlackenfunde darauf hin, dass hier einst sogenannte "Bettlmacher (Glasperlenmacher) tätig gewesen sein müssen. Steinanordnungen im Boden sowie Holzkohlenfunde bestärken diese Theorie.

Zeitliche Einordnung

Die zeitliche Einordnung nehmen nun Experten in Wien vor. Dorthin wurden die Funde gebracht. "Sie werden nun gereinigt und untersucht", erklärt Martina Reitberger das weitere Vorgehen. Heimatforscher Franz Haudum hat 2016 durch die Pfarrmatriken herausgefunden, dass zwischen 1701 und 1714 sieben Glasmacherfamilien in Schwarzenberg gelebt haben müssen, danach keine einzigee mehr. Durch die Grabungen hat man gehofft, Licht ins Dunkel zu bringen. Stattdessen hat der Fund viele weitere Fragen aufgeworfen, unter anderem: "Warum gibt es keine Hinweise auf eine Siedlung rund um die Glashütten?



Viele Fragen offen

"Hier fehlen der für Glashütten so typische Meierhof und das Herrenhaus", sagt Haudum. Warum war dieser Platz nicht schon in älteren Karten eingezeichnet? Bisher war er davon ausgegangen, dass der Folgebau der zweiten Glashütte am Schwarzenberg mit Sicherheit in Oberschwarzenberg war. Warum aber wurde in Oberschwarzenberg keine einzige Perle gefunden, obwohl dort bereits ab 1750 etliche Glasmacherhäuser gestanden haben? Die aktuellen Funde passen nicht so recht ins Bild. "Ich frage mich auch, woher kam der weiße Quarz in jenen Mengen, die man zur Glasproduktion gebraucht hat. Ist er vom Himmel gefallen?", fragt sich Haudum. Verwundert waren die Archäologen auch darüber, dass ganz dünnes, rein weißes Glas gefunden wurde. "Das hat es zu dieser Zeit eigentlich noch nicht gegeben", sagt Haudum. Fest steht für den Heimatforscher nach diesen Grabungen nur: "Wir werden die Schwarzenberger Glashüttengeschichte umschreiben und dafür noch intensiver nachforschen müssen."

Glasperlen – ein Wirtschaftszweig

Offen ist die Frage, was mit den Bettlmachern in Schwarzenberg nach 1716 geschehen ist. Aus diesem Grund werden die Grabungen vom Bundesdenkmalamt unterstützt. "Bis ins 19. Jahrhundert war die Glasproduktion in dieser Region ein wichtiger Wirtschaftszweig", sagt Heinz Gruber, "Glas war eine wichtige Exportware weit in die Städte hinein." Dann ist dieser Zweig völlig verschwunden. "Glashütten haben auch die Besiedelung hier vorangetrieben. Uns interessiert auch, wie die Produktion handwerklich funktioniert hat und wie der Erhaltungszustand der Glashütten ist, die jahrelang von Erde bedeckt waren", sagt Gruber. 


Zur Sache:
• Die Glasperlen wurden einst zu Halsketten verbunden oder als "Paternoster-Perlen" für Rosenkränze verwendet. Daher war auch das Stift Schlägl Betreiber von Glashütten in der Region.
• Die Grabungen in Schwarzenberg sind oberösterreichweit die ersten Glashüttengrabungen seit 24 Jahren. 1993 wurde in Liebenau (Freistadt) dazu gegraben.
• Die beiden Grabungsorte in Schwarzenberg 93 werden wieder zugeschüttet. "Mutter Erde ist der beste Konservator", sagt Grabungsleiter Wolfgang Klimesch.
• Bei den Grabungen wurden nur etwa zwei Drittel der Ofenanlage ausgegraben. Es würde weitere zwei Wochen dauern, um alles freizulegen. Die Finanzierung dafür ist nicht gesichert.
• Groß war das Interesse der Bevölkerung beim Tag der offenen Grabung in Schwarzenberg letzten Freitag. Viele haben sich die Funde "live" vor Ort angesehen.
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Karin Bayr aus Rohrbach | 12.09.2017 | 12:04   Melden
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