17.08.2016, 14:30 Uhr

Hans Reschreiter: "Hallstatt ist ein archäologischer Hotspot"

Hans Reschreiter ist seit Jahrzehnten ausgewiesener Hallstatt(zeit)-Experte. (Foto: A. Rausch/NHM-Wien)
HALLSTATT. Hallstatt ist für Archäologen seit jeher ein wichtiger Forschungsstandpunkt. Seit Mitte Juli ist wieder ein Team des Naturhistorischen Museums Wien vorort. Am 20. und 21. August präsentieren die Forscher ihre neuesten Ergebnisse bei "Archäologie am Berg". Darunter auch der Experte Hans Reschreiter, der seit 1992 eine Anstellung in der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien hat und seit 2001 diearchäologischen Ausgrabungen im Salzbergwerk Hallstatt leitet. Nun stand Reschreiter im BezirksRundschau-Interview Rede und Antwort zu seiner Arbeit.

BezirksRundschau: Warum ist die Hallstattzeit für die Wissenschaft so interessant?
Hans Reschreiter: Für das Forscherteam in Hallstatt ist die Hallstattzeit besonders interessant, weil wir aus diesem Zeitraum sowohl das Bergwerk als auch den Bestattungsplatz der prähistorischen Bergleute kennen. Und – die Zusammenschau der durch das Salz konservierten einmaligen Funde aus dem Bergwerk mit den Ergebnissen der Analysen der Skelette aus dem Gräberfeld ermöglicht es uns sehr detaillierte Aussagen über den Lebens- und Arbeitsalltag in Hallstatt vor 2500 Jahren zu tätigen. Es ist möglich die Arbeitsabläufe und auch Lebensbedingungen zu rekonstruieren. Kochlöffel und Eier von Eingeweidewürmern zählen genauso zu den Funden, wie über 2000 Jahre alte Fellkappen und Schuhe. Wir können auch nachweisen, dass alle in der Hallstattzeit im Salzbergtal Lebenden in den Arbeitsalltag integriert waren. Achtjährige Kinder zeigen genauso wie Frauen und Männer starke Abnutzungserscheinungen am Skelett. Auch Bergleute und Kinder, die mit reichen Beigaben im Grab ausgestattet worden sind, zeigen die Spuren harter Arbeit an ihren Knochen.

Das NHM ist ja regelmäßig in Hallstatt zu Gast – was erhofft man sich von den immer wiederkehrenden Forschungstagen? Neue, richtungsweisende Funde oder eher, das Interesse der Menschen zu wecken?
Hallstatt ist ein wirklich einmaliger archäologischer Hotspot. Es gibt keinen anderen Fundort in Europa mit mehr prähistorischen Funden aus organischem Material. Durch das Salz haben sich tief im Inneren des Berges tausende Werkzeuge, Geräte und Kleidung aus Holz, Fell, Leder, Wolle und ungegerbter Tierhaut erhalten. Viele dieser Funde sind bisher an keinem anderen Ort entdeckt wurden. So haben wir in Hallstatt die älteste bekannte Holzstiege Europas, den ältesten Rucksack, den wir kennen, die Urform des Handschuhs, die dicksten prähistorischen Seile Europas und vieles mehr entdeckt. Diese Funde sind für die gesamte Archäologische Forschung relevant. Und da wir jedes Jahr unsere Arbeiten weiter vorantreiben, gibt es jedes Jahr neue Ergebnisse und Funde, die wir der Öffentlichkeit präsentieren wollen. Und natürlich wollen wir mit unseren Forschungen das Interesse der Menschen in der Region wecken und auch darauf Aufmerksam machen, dass Funde, die bei Bauarbeiten oder am Acker entdeckt werden, wichtige Puzzlesteine für das Verständnis dieser einmaligen Kultur- und Industrielandschaft sind.

Wie groß ist das Forschungs-/Veranstaltungsteam Vorort?
An Wochenende der Archäologie am Berg werden Kolleginnen und Kollegen von unterschiedlichsten Forschungseirichtungen ihr Arbeiten zum Hallstätter Salzberg präsentieren. Holzforscher der Universität für Bodenkultur Wien geben genauso wie Mitarbeiter des Ludwig Bolzmann Instituts für archäologische Prospektion und virtuelle Archäologie und Mitarbeitern des Oberösterreichischen Landesarchivs Einblick in ihre Arbeit. Mehr als 20 Forscherinnen und Forscher und Archäotechniker werden rund um das Archäologische Zentrum in der alten Schmiede ihre Arbeitsweise und ihre Resultate zeigen.

Was sind heuer die Highlights von „Archäologie am Berg“?
Eines der großen Ziele, die wir uns für die nächsten Jahre gesteckt haben, ist es die einmaligen prähistorischen Bergwerke virtuell zugänglich zu machen – also praktisch einen gläsernen Berg zu schaffen, in dem man am PC oder am Handy navigieren kann. Viele Vorarbeiten dafür sind schon erfolgt. Bei der "Archäologie am Berg" zeigen wir, mit welchen Techniken wir daran arbeiten. Heuer zeigen wir auch erstmals, wie aus einer Ziegenhaut, die ohne Bauchschnitt abgezogen wurde, ein Rucksack entsteht – der Hallstätter Urrucksack. Vor über 2500 Jahren waren solche Rucksäcke der letzte Schrei. Bronzegießer zeigen, wie man mit einem einfachen Blasebalg eine Mischung aus Kupfer und Zinn zum Schmelzen bringt – und daraus Pickel, Beile oder Schmucknadeln gießen kann. Der Anblick von hellorangeglühender Bronze ist jedes Mal wieder beeindruckend.

Wie hilft die Digitalisierung von Fundorten bei der Forschung? Welche Geräte werden eingesetzt?
Das Salzkammergut ist die älteste Kultur- und Industrielandschaft der Welt, in der immer noch produziert wird. Die Salinen Austria AG blickt auf eine über 7000-jährige Firmengeschichte zurück – das kann weltweit kein anderer Betrieb von sich behaupten.
Sowohl die lange Geschichte der Region als auch des Hallstätter Salzbergtales sind auf den ersten Blick aber nicht zu erkennen – grüne Wiesen und dichte Wälder prägen das Bild. Um die Geschichte des Salzes sichtbar zu machen, digitalisieren wir die Zeugen dieser einmaligen Geschichte, die versteckt im Boden oder tief im Inneren des Berges sind, um sie dann für alle zugänglich zu machen.
Zum Einsatz kommen Laserscanner unterschiedlichster Bauart genauso, wie spezielle Fototechniken, mit denen ebenfalls 3D-Modelle erzeugt werden können. Die digitalisierten Fundstücke dienen Forscherkollegen genauso als Arbeitsbasis wie sie Interessierten einen Einblick in eine faszinierende prähistorische Welt ermöglichen.

Fotos: A. Rausch/NHM-Wien
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