Hip-Hop in Ottakring
Meduzza über Westwien, Authentizität und neue Studioträume

MeinBezirk sprach mit der 21-jährigen Wiener Rapperin Meduzza.  | Foto: Ronja Reidinger/MeinBezirk
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Die Rapperin Meduzza macht seit drei Jahren Musik und startete über die Jugendeinrichtung Backstage 16/17 in Ottakring. Im MeinBezirk-Interview spricht sie über Westwien, Old-School-Deutschrap und künstlerische Freiheit. 

WIEN. Mit gerade einmal 21 Jahren hat sich die Wiener Rapperin Meduzza – bürgerlich Sara – bereits einen Namen in der lokalen Hip-Hop-Szene gemacht. Aufgewachsen in Ottakring, verarbeitet sie in ihren Songs persönliche Erfahrungen, spricht über Verluste und das Leben in Westwien. Meduzzas musikalische Reise begann im Jugendzentrum Back on Stage 16/17 (BoS), wo sie bis heute aktiv ist und auch Wissen an junge Nachwuchskünstler weitergibt.

Im MeinBezirk-Gespräch am Yppenplatz in Ottakring erzählt sie, warum Authentizität für sie wichtiger als Fame ist, wie sie die Entwicklung der Wiener Rap-Szene erlebt und weshalb sie davon träumt, eines Tages ein eigenes, leistbares Tonstudio für junge Musikerinnen und Musiker aufzubauen. 

„Traumdeal“ bei Back on Stage

MEIN BEZIRK: Wie bist du zur Musik gekommen? 
MEDUZZA:
Eine Jugendeinrichtung, die lustigerweise zwei Straßen weiter von hier ist, ist das Back on Stage 16/17. Die bieten so etwas wie eine Tonstudio-Unterstützung für Künstlerinnen und Künstler an, speziell die Leitung von 'Shino'. Ich habe immer mehr aufgenommen, selbst produziert und anfangs den Schlüssel tagsüber fürs Studio für zwei Studen ausgeborgt. Irgendwann durfte ich auch über Nacht bleiben. Da hat es so richtig angefangen, mit meiner Musik, selbst zu produzieren, zu mischen, meine Musik kennenzulernen. Irgendwann will ich natürlich ein eigenes Studio haben. Aber ich schätze sehr, dass ich dieses nutzen kann, weil Tonstudios ziemlich teuer sind. 
Bei Back on Stage bin ich bei einem Label. Aber es ist unverbindlich. Das heißt, die ganzen Einnahmen gehören mir und ich kann jederzeit aussteigen. Also ein Traumdeal. Die Regel ist, dass man einander unterstützt und auch jüngeren Leuten Tipps abgibt, über das was man lernt. 

Über die Jugendeinrichtung Back on Stage kam Meduzza zur Musik.  | Foto: Kultur Sommer Wien / Judith Stehlik
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Du machst auch Kurse für Kids?
Ich unterstütze sie immer mal wieder. Ich komme mal in die Session rein, mische etwas für sie oder gebe Tipps, wenn sie etwas wissen wollen. Ich habe mal ein Team Jugendlicher aus Belgien gehabt und da war jemand dabei, die gerne gesungen hat. Die haben dort kein Tonstudio. Also habe ich mir den Schlüssel für ein Wochenende ausgeborgt und habe beim Songaufnehmen geholfen und gemischt. 

Machst du Musik hauptberuflich?
Fast hauptberuflich. Nebenbei ist immer etwas, weil ich eine Hustlerin bin. Musik erfordert aber auch viel Zeit.

Femininität wie ein geladener Revolver

Was möchtest du mit deiner Musik vermitteln? 
Manchmal hat man schwierige Phasen im Leben und man verarbeitet die Traumata oder die Sachen, die man erlebt hat. Einerseits kann ich mich selbst damit therapieren, andererseits kann ich hoffentlich andere damit therapieren. Wiederum habe ich auch Lieder, wo es einfach darum geht, dass wir gute Stimmung haben und als Community abgehen und mal für den Moment leben. 
Sehr viele Leute schreiben mir in den DMs über ihre Geschichte. Ich habe einen Song über meine verstorbene Tante, der mir sehr ans Herz ging. Es haben sich Menschen bei mir gemeldet und ihre persönlichen Geschichten geteilt – von Verlusten, Erfahrungen und davon, wie sehr ihnen das Lied hilft, darüber nachzudenken und Dinge zu verarbeiten. Das gibt mir Hoffnung und ein gutes Gefühl.

Wie ist es als Frau in der Hip-Hop-Szene?
Es hat mir eigentlich nie zum Nachteil gereicht, muss ich ganz ehrlich sagen. Ich verurteile niemanden. Jeder soll seine Musikrichtung machen. Künstlerische Freiheit auf jeden Fall, gerade an diesem Punkt. Aber ich habe nie wirklich meine Femininität als Waffe genutzt. Und trotzdem war sie immer wie ein geladener Revolver. Ich war im Raum die einzige Frau und hatte direkt die Aufmerksamkeit von allen – einfach, weil ich als einzige Frau da war. Und dann stand ich vor dem Mikrofon und plötzlich hieß es: „Oh, Scheiße. Jetzt muss ich schauen, wie ich meinen Text umschreibe.“

"Westwien, mein Zuhause"

Welche Rolle spielt Wien in deiner Musik?
Ja, meine Heimat, normal. Ich bin hier aufgewachsen. Ich rappe über Ottakring, Wien, Westwien, mein Zuhause. Fast jeder, den ich kenne, ist aus dem 16., 15., 17. und dieses ganze Viertel rundherum. Ich habe hier viel meiner Jugend verbracht, aber natürlich auch in ganz Wien. Ich war überall, Rennbahnweg, auch Reumannplatz. Aber Ottakring ist meine Heimat. Ich kenne hier die meisten Menschen. Ich gehe durch den Brunnenmarkt und sage: "Abi, wie geht's? Lange nicht mehr gesehen. Machst du mir bitte einen Chai?" Die kennen mich auch von meinen Musikvideos. Der eine hat mir einmal Käse geschenkt, er sagte: "Hier, nimmst du für dein Video, schaut sicher gut aus."

"Ich rappe über Ottakring, Wien, Westwien, mein Zuhause. Fast jeder, den ich kenne, ist aus dem 16., 15., 17. und dieses ganze Viertel rundherum." | Foto: Ronja Reidinger/MeinBezirk
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Wie beschreibst du die Wiener Hip-Hop-Szene?
Ich finde, sie entwickelt sich auf jeden Fall. Es wird wieder populär. So speziell die Art von Musik, die ich mache, Old-School-Hip-Hop, Old-School-Deutschrap kommt gerade wieder mehr in Mode. Wir kommen langsam aus dieser Drill- und Trap-Zeit raus. Drill konnte ich nie, sage ich ehrlich, das ist meine Schwäche. Gib mir ein Drill-Beat und ich bin wie ein Anfänger. Ich kann da nicht drauf flowen. Das ist aber auch nicht meine Richtung, ich habe es nie gehört. 
Ich finde es cool, dass es wieder populärer ist. Also, wir bauen uns auf. Natürlich sind wir noch kein Frankfurt, das streite ich gar nicht ab. Aber wer weiß, oder? Nichts ist unmöglich. Vielleicht sind wir es bald.

Ist es leicht, hier Fuß zu fassen? 
Für mich war es nicht schwer, weil ich die richtigen Kontakte hatte. Ich glaube, das war es. Es gibt Möglichkeiten wie WienXtra, United Battle Rap Culture. Es gibt immer wieder mal etwas, wo Rap unterstützt wird, auch am Yppenplatz finden Konzerte statt. Aber es könnte natürlich mehr sein. 

Welche Acts aus Wien sollte man am Schirm haben? 
Pekipeex. Azjeen ist auch ein sehr guter Rapper. Der ist noch sehr jung, der ist 15. Der macht seit einem Jahr Musik und ist schon voll gut für sein Alter. Pekipeex macht das schon seitdem er atmen kann. Er ist auch ein sehr lustiger Kerl, der ist auch sehr gut in dem, was er tut. 

"Immer auf dein Gefühl hören"

Was fehlt dir in der Wiener Hip-Hop-Szene?
Ich habe mir überlegt, dass ich irgendwann – wenn ich die Kapazität dafür habe – gerne einen Verein oder einen Ort schaffen würde, an dem Menschen Zugang zu einem hochwertigen Tonstudio bekommen. Für einen erschwinglichen Beitrag, etwa 20 bis 30 Euro im Monat, könnten sie regelmäßig ins Studio kommen, Unterstützung erhalten und das Handwerk selbst lernen. So möchte ich einen Raum für kreative Entfaltung und Selbstverwirklichung schaffen.

"Ich habe mir überlegt, dass ich irgendwann – wenn ich die Kapazität dafür habe – gerne einen Verein oder einen Ort schaffen würde, an dem Menschen Zugang zu einem hochwertigen Tonstudio bekommen." | Foto: Verein Wiener Jugendzentren
  • "Ich habe mir überlegt, dass ich irgendwann – wenn ich die Kapazität dafür habe – gerne einen Verein oder einen Ort schaffen würde, an dem Menschen Zugang zu einem hochwertigen Tonstudio bekommen."
  • Foto: Verein Wiener Jugendzentren
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Was würdest du jungen Rappern in Wien raten?
Das ist lustig, ich habe erst letztens darüber nachgedacht, als ich auf der Straße unterwegs war. Ich dachte mir: "Was war das gewesen, was mich oft verwirrt oder aus der Bahn gemacht hat?" Meinungen anderer, das ist ganz einfach. Es braucht zwei, drei Personen, auf die du draufschaust, die dir wirklich etwas beibringen können, von denen du lernst. Weil, wenn du der Schlauste im Raum bist, dann bist du im falschen Raum. Den Spruch kennen wir schon. Das gilt auf jedenfalls auch bei Rap. Ein Dümmerer wird nie sagen können, wie du bessere Arbeit leistest. Immer auf dein Gefühl hören. 

Welche Künstler haben deine Arbeit geprägt? 
Nimo auf jeden Fall. Die erste Person, die ich gefeiert habe, als ich noch sehr jung war, war Michael Jackson. Ich konnte jeden Text auswendig. Irgendwann wurde es Rap, tschechischer, slowakischer und dann deutscher Rap. Ich bin dann bei Nimo hängen geblieben, weil er mir immer das Gefühl gegeben hat, dass er dreckig, rau, Straße aber ehrlich ist. Ich glaube ihm das, was er sagt.
Er war auch manchmal ur deep in seinen alten Alben, das hat mir ur gut gefallen, weil ich es fühlen konnte. Oder Capital (Anm. Red.: deutscher Rapper Capital Bra), das Lied '"Pic", das ist so gut. Das ist etwas Tiefgründiges eigentlich. Es geht um Verrat zwischen Freundschaften, über die er eine ganze Geschichte erzählt. Ich liebe so was. Du catchst jemanden damit. 

"Nicht Geld, nicht Fame, nicht Fans"

Welche Verantwortung tragen Künstlerinnen und Künstler?
Es geht um künstlerische Freiheit. Und du würdest sie jemandem nehmen, wenn du sagen würdest: "Pass dich dem und dem an" oder "Biete den Leuten das und das". Du machst es nicht für die anderen, du machst es für dich. Ich halte das für den richtigen Ansatz: nicht Geld, nicht Fame, nicht Fans, sondern einfach aus der Seele.

Was war dein Lieblingskonzert? 
Das war in der "Coco Bar", der Tag war Legende. Das war eine Rap-Veranstaltung, zu der ich spontan dazugerufen wurde. Es war bummvoll. Wirklich jeder einzelne Mensch, der draußen stand, war bei meinem Konzert drinnen gewesen. Der Club war voll und draußen war leer. Bei den anderen war es auch voll, aber bei mir am vollsten, sage ich ganz ehrlich. Dass ich so eine Stimmung bringen konnte, hat mich glücklich gemacht. Das war so eine Unique-Stimmung, das habe ich kein zweites Mal gesehen.

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