Schwerwiegende Zeitgenossen
Zukunft der Wiener Straßenwaage ist ungewiss

Wer mit offenen Augen durch Wien geht, findet sie an jeder Ecke. Die öffentliche Personenwaage der Firma Berkel. | Foto: Michael Marbacher/MeinBezirk
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  • Wer mit offenen Augen durch Wien geht, findet sie an jeder Ecke. Die öffentliche Personenwaage der Firma Berkel.
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Die öffentlichen Straßenwaagen sind stille Beobachter im Stadtbild. Wie lange es sie noch geben wird, ist allerdings offen. Eine Nachfolge für ein schweres Erbe wird gesucht.

WIEN. 20 Cent trennen die Wienerinnen und Wiener im Stadttrubel davon, herauszufinden, wie schwer sie (und ihre Kleidung) eigentlich sind. Die öffentlichen Personenwaagen sind ein Teil des Stadtbildes, auch wenn sie von vielen vielleicht übersehen werden. Wienerinnen und Wiener bemerken sie oftmals gar nicht.

Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, findet sie allerdings an jeder Ecke. Wohl keine andere Großstadt hat so viele öffentliche Personenwaagen wie Wien.

Etwa 150 Stück stehen verteilt in der Stadt: In Floridsdorf findet man sie beispielsweise am Franz-Jonas-Platz. Zwischen Alsergrund und Josefstadt versteckt sich ein Exemplar in der Alser Straße, auf der Höhe der Feldgasse. In Gold, Rot und Silber sind die etwa 80-Kilo-Schwergewichte anzutreffen.

Wer wissen will, wer sich eigentlich um die schwerwiegenden Straßenmöbel der Firma Berkel kümmert, muss die Waagen genauer untersuchen. Dahinter steckt nicht die Stadt oder der Bezirk, wie man vielleicht vermuten würde. Die Spur führt ins Burgenland. "Es gab auch Exemplare in Blau und Gelb, das waren aber Sonderanfertigungen", erinnert sich Karin Popp. Sie und ihr Mann Andreas sind die Betreiber der meisten öffentlichen Straßenwaagen in Österreich. 

Langlebiges Schwergewicht

Im burgenländischen Pinkafeld leben die Popps und betreiben dort eine Schlosserei. Nebenbei kümmern sie sich um ihr Quasi-Monopol und sorgen dafür, dass die etwa 500 in Österreich verteilten Waagen auch wirklich funktionieren. Es steckt laut Andreas Popp eine einfache Mechanik dahinter, dennoch ist der Aufbau kompliziert – vermutlich eines der Gründe, warum die Waagen sich über die Zeit so gut halten.

Ein rotes Exemplar befindet sich am Franz-Jonas-Platz. | Foto: Michael Marbacher/MeinBezirk
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Bei den Geräten, hergestellt von der Firma Berkel, handelt es sich um Präzisionswaagen. Hinter den Maschinen steckt eine gewisse Qualität, die man nach Andreas Popp heutzutage gar nicht mehr findet. "Da gibt es keine Kunststoffmaschine, die da mithalten kann."

Er repariert regelmäßig Waagen und andere seiner Gerätschaften, wenn etwas kaputtgegangen ist, größtenteils durch Vandalismus. An Wochenenden fährt er nach Wien, um sich Säcke voller 20-Cent-Münzen abzuholen oder die ein oder andere Waage zur Reparatur raus ins Burgenland mitzunehmen.

Lohnt sich der Spaß?

Aber wer zahlt denn eigentlich 20 Cent, um sich wiegen zu lassen? Und lohnt sich die Arbeit überhaupt? Die Benutzer sind laut Popp immer gleich: Touristinnen und Touristen, denen die Waagen bei ihrem Besuch auffallen. Die Schlosserfamilie zahlt für den halben Quadratmeter, den die Geräte einnehmen, eine Miete.

Ein silbernes Exemplar befindet sich vor dem Café "Liebling" beim Volkstheater in der Inneren Stadt. | Foto: Michael Marbacher/MeinBezirk
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Allzu viel Geld würden die Waagen laut Karin Popp nicht erwirtschaften, "aber wir können davon leben", erzählt sie. Der wirtschaftliche Gewinn dürfte für Andreas Popp aber nicht der Hauptgrund sein, warum er die Waagen betreibt. Er beschreibt sich selbst als Sammler. Wenn er über die Waagen spricht, hört man ein gewisses Feuer für die Mechanik hinter den Maschinen raus. "Man lebt auch schon für so etwas", erzählt er.

Schweres Erbe

Die Waagen stammen noch aus einer anderen Zeit, ab dem Ende der 1880er-Jahre, wie es der Stadtforscher Peter Payer in einem Artikel der wissenschaftlichen Zeitschrift "Forum Stadt" zusammenfasst. Das "Wiegen" war damals noch nicht hinter die eigenen vier Wände gewandert.

Schlankheit und das Optimieren des eigenen Gewichts auf eine möglichst "gesunde" oder schlanke Zahl wurden über die Zeit immer beliebter. Die Firma Berkel und andere Automatenerzeuger machten sich diese Zeit zunutze und kosteten die "Blütezeit der Waagen" um 1950 aus.

Als ob sich die Waagen tarnen würden, fallen sie erst auf, wenn man bei Spaziergängen aufmerksam ist. Diese Waage ist am Rennweg in der Landstraße. | Foto: Luca Arztmann/MeinBezirk
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Ab 1978 stellte Berkel die Produktion der Waagen ein, das Überprüfen des Gewichts war in die private Sphäre gewandert. Die übrigen Waagen in Österreich wanderten in den Besitz der niederösterreichischen Firma Szupper. Ende der 1980er wurde Andreas Popp Besitzer des gesamten Restbestandes der Automaten. "Alles oder gar nichts" hieß es laut Popp damals beim Verkauf. So wurde der gelernte Schlosser in seinen frühen 1920ern Besitzer einer Fülle von Automaten, vom Verkaufsautomaten über den Stärkemesser bis zur Waage. 

Zukunft auf der Waagschale

Wie lange die Familie Popp ihr Geschäft noch betreiben wird, steht in den Sternen. "Man tigert sich einfach nicht mehr so hinein, mit fast 60 oder über 60", verrät Karin, selbst schon kurz vor der Pension. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin sei noch nicht gefunden.

Steigt man auf die Waage und zahlt 20 Cent, bewegt sich die Mechanik hinter dem Glas. | Foto: Michael Marbacher/MeinBezirk
  • Steigt man auf die Waage und zahlt 20 Cent, bewegt sich die Mechanik hinter dem Glas.
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Verständlich für Andreas Popp. Die 20-Cent-Münze sitze in den schwierigen wirtschaftlichen Zeiten nicht mehr so locker im Geldbörserl. "Das Problem ist, dass man nicht wissen kann, wie die Gesetze morgen aussehen." Für ihn war das Geschäft zwar nie leicht, es wird allerdings immer schwieriger.

Wo er früher beim Wechseln der Münzen kein Geld zahlen musste, ist das heutzutage anders. "Ich habe Automaten, da muss ich beim Wechseln 50 Prozent des Verdienstes hergeben", erklärt Popp. Die Parksituation in Wien und der Trubel rund um Genehmigungen würden die Arbeit nicht erleichtern.

Ob die Waagen weiter in der Stadt stehen werden, wenn niemand die Nachfolge antritt, bleibt ungewiss. Die Stadt hätte allerdings bisher keine Anzeichen gemacht, die schwere Bürde zu übernehmen.

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