Corona in den Häusern zum Leben
„Es war unser Auftrag, eine Hochrisikogruppe zu schützen“

Gabriele Graumann leitet die Wiener Pensionisten-Wohnhäuser. Die vergangenen Wochen waren für sie und ihre Mitarbeiter eine große Herausforderung.  | Foto: Heribert Corn
  • Gabriele Graumann leitet die Wiener Pensionisten-Wohnhäuser. Die vergangenen Wochen waren für sie und ihre Mitarbeiter eine große Herausforderung.
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Gabriele Graumann, Geschäftsführerin des Kuratoriums Wiener Pensionisten-Wohnhäuser, über die vergangenen Wochen, Ausgangsbeschränkungen, Besuchsverbote in Zeiten von Corona und die notwendige Diskussion über Grundrechte.

Frau Graumann, wie geht es Ihnen persönlich?
GABRIELE GRAUMANN: Mir geht es sehr gut, ich bin aber leicht angespannt, weil die Corona-Krise natürlich eine große Herausforderung für uns war und nach wie vor ist. Es gibt bei uns, in den Häusern zum Leben des Kuratoriums Wiener Pensionisten-Wohnhäuser, drei Anspruchsgruppen, auf die in der Krise Rücksicht genommen werden musste. Das sind die Bewohnerinnen und Bewohner, deren Angehörige und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese drei Gruppen haben in den vergangenen Wochen Unterschiedliches gewollt, und das in unterschiedlicher Zeit und Geschwindigkeit. Bei den Bewohnern gab es große Zustimmung zu den Beschränkungen ihres Alltags. Vor allem deswegen, weil sie sie Angst hatten, Mitarbeiter oder Angehörige anzustecken. Die meisten haben die Beschränkungen sehr gut aufgenommen.

Und die anderen beiden Gruppen?
Angehörige und Familienmitglieder wollten die Bewohner sehen und unsere Mitarbeiter hatten Angst, nicht genug geschützt zu sein. Sie hatten die Sorge, dass sie sich das Virus holen und in ihre eigene Familie tragen. Wir hatten also viele verschiedene und durchaus berechtigte Sorgen. Das war nicht immer leicht und für mich persönlich auch ein Kampf mit meinen Werten. Wie weit sind Beschränkungen vertretbar, wem kann und darf ich wieviel zumuten? Was mich aber sehr überrascht hat, war die Entspanntheit unserer Bewohner. Eine Dame hat mir zum Beispiel gesagt: „Ob ich mit 92 an dem Virus oder an einer Herzattacke sterbe, ist nicht relevant.“ Das war eine Coolness, mit der wir nicht gerechnet haben.

Was haben Sie gegen die Angst der Mitarbeiter gemacht?
Wir haben schon im Februar die Entscheidung getroffen, Schutzausrüstung für das ganze Jahr zu bestellen. So war genug Schutzausrüstung für alle Mitarbeiter vorhanden. Ich habe regelmäßig Videobotschaften für die Mitarbeiter hinterlassen, in denen ich gesagt habe: „Wir können das. Wir haben schon Noroviren und Sars bekämpft – wir schaffen auch das. Wenn nicht wir, wer denn dann? Das haben wir gelernt, in diesem Bereich sind wir echte Profis.“ Und wir haben für unsere Mitarbeiter Hilfe zur Verfügung gestellt. Da gibt es die Hotlines der Stadt, Psychologen im Unternehmen, Sprechstunden für Mitarbeiter, einen psychologischen Dienst auch am Wochenende und immer wieder Sprechstunden bei mir persönlich.

Welche Entscheidungen haben Sie getroffen, um mit der Situation gut umzugehen?
Wir haben am 12. März das Personal verstärkt und gleichzeitig entschieden, die Möglichkeit der Kurzarbeit nicht in Anspruch zu nehmen. Wir haben uns dazu entschlossen, in den Häusern das Leben aufrecht zu erhalten und gleichzeitig das Angebot für unsere Bewohner zu verstärken. Wir haben die Rezeptionen aufgestockt und alle Kräfte, die wir hatten – auch Mitarbeiter aus den Pensionistenklubs zum Beispiel – in den Häusern gebündelt. Es geht und ging immer darum, den Bewohnern den Sinn des Lebens zu vermitteln – auch wenn sie im Rollstuhl sitzen oder dement sind. Also haben wir alle Mitarbeiter dementsprechend eingesetzt und unsere Angebote ausgeweitet.

Hat Sie die Situation der Bewohner oder jene der Mitarbeiter mehr belastet?
Die der Mitarbeiter. Weil sie mit so viel Kreativität, Herz und Energie da rein gegangen sind. Ich hatte manchmal die Sorge, dass sie ausbrennen, in ihrem Bemühen, die Ängste der Bewohner aufzufangen. Und ich habe auch bemerkt, dass ich den persönlichen Kontakt brauche. Ich habe ja den schönsten Job der Welt, finde ich. Ich wollte den Mitarbeitern vermitteln, wie stolz ich auf sie bin. Wir haben 4.600 Mitarbeiter und 8.000 Bewohner in unseren Häusern. 29 Bewohner sind mit Covid19 verstorben. Aber wenn sie sich andere Zahlen anschauen, mit denen wir vergleichbar sind, dann ist das nicht viel. Die meisten Häuser waren gar nicht betroffen. Darauf bin ich sehr stolz. Manche Mitarbeiter haben es persönlich genommen, wenn das Virus ins Haus gekommen ist – was natürlich Blödsinn ist. Ich habe sehr darunter gelitten, dass ich den Leuten in den Häusern nicht im direkten Kontakt sagen konnte, wie stolz ich auf sie und ihre Arbeit bin.

Hatten Sie denn Angst vor dem Virus?
Nein, nie! Ich bin ein sehr analytischer Mensch, das hilft mir Distanz zur Sache zu wahren. Für mich war der Auftrag, in meinem Bereich alle soweit wie möglich zu schützen. Da gibt es ein Virus, das ist bedrohlich. Und was es so bedrohlich und besonders macht, ist die Unsichtbarkeit und Ungewissheit. Was mich geärgert hat in den ersten Wochen, war die nicht vorhandene Diskussion, ob es die gescheiteste Variante ist, die Freiheit der Menschen einzuschränken. Unsere Bewohner, die anfangs noch rausgegangen sind, wurden dann auf der Straße sogar beschimpft. Bei mir war es also mehr Ärger, nicht Angst. Wir haben in der Geschäftsführung mehrmals die Grundrechte diskutiert. Wenn man ein Betretungsverbot ausspricht, dann ist das ein Eingriff in die Grundrechte.

Es gab die Diskussion darüber, ob man Bewohner in Quarantäne stecken darf, wenn sie das Haus verlassen haben.
Man darf. Wir wurden im Haus Hetzendorf geklagt, weil wir einen Bewohner trotz zweier negativer Tests in Quarantäne gesteckt haben. Aber die Person hat Symptome gezeigt und wir haben die Entscheidung zur Sicherheit aller getroffen. Dann haben wir das Thema selbst aufgegriffen. Als Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser sind wir rausgegangen und haben gesagt, wir müssen das diskutieren. Diese Diskussion wurde dann von vielen anderen aufgenommen. Was ich mir wünsche, ist eine differenzierte Diskussion. Das eine ist das Gesetz, das andere die Interpretation des Gesetzes. Für viele Menschen in vielen Bereichen war lange nicht klar, was sie dürfen und was nicht. Sieben Wochen später zu sagen: „Das war eine Freiheitsbeschränkung“, das halte ich nicht für seriös. Es ist auch falsch darüber zu diskutieren, wer der Schuldige ist. Es ist besser darüber zu reden, was mit uns als Gesellschaft passiert ist.

Welche Diskussion sollten wir führen?
Spannend ist die Diskussion, warum die Entscheidungsträger das gemacht haben, was sie gemacht haben. Welches Menschenbild steht dahinter? Welche Haltung haben wir in der Gesellschaft zu Freiheit und Solidarität, was wollen wir daraus lernen? Die Bundesregierung hat genau gewusst, was sie machen muss, damit sie die gewünschte Wirkung erzielen.

Wie hat das Besuchsverbot funktioniert?
Das Besuchsverbot war bis vor zwei Wochen eine Empfehlung, keine Verordnung. Es wurde dann eine Verordnung des Landes Wien, da gab es dann die gesetzliche Grundlage. In den Häusern war es dann so, dass wir einen neuen Begriff erfunden haben, das „Zaunerln“. Über den Zaun konnten Bewohner mit ihren Angehörigen in Kontakt kommen. Die große Herausforderung war das Abstandhalten. Wenn wir gesehen haben, dass das ausgenützt wird, haben wir gesagt, das geht nicht. Im Großen und Ganzen, mit ganz wenigen Ausnahmen, hat das gut funktioniert.

Rückblickend, waren die Entscheidungen, die getroffen wurden, okay?
Ja, das waren sie. Denn es war unser Auftrag, eine Hochrisikogruppe zu schützen. Ich möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn eines unserer Häuser ein Hotspot geworden wäre. Ich stehe auch dazu, dass wir gesagt haben, die Leute können raus, aber dann müssen sie in Quarantäne. Das war ein umstrittener Punkt, wir haben es, bis auf einmal, auch nie angewandt, weil es nicht notwendig war.

Glauben Sie, wir haben die Krise nun geschafft?
Wir stellen uns darauf ein, dass es eine zweite Welle gibt, man kann keine hundertprozentige Sicherheit geben, dass sich alle an die Vorkehrungen halten.

Was denken Sie, warum ist in den Häusern zum Leben, trotz allem, alles so gut gelaufen?
Es ging immer darum, den Bewohnern ein normales Leben zu bieten und soweit wie möglich ihre Selbstbestimmung zu erhalten. Das was jetzt auf unseren Social Media-Kanälen sichtbar wird, war vorher auch sichtbar. Das war kein Marketing, das ist das, was in den Häusern zum Leben tatsächlich passiert. Viele von unseren Mitarbeitern haben diesen Beruf gewählt, weil es ein sinnstiftender Beruf ist. Das sieht man dann besonders in der Krise. Wir sind alle zusammengerückt. Das ist ein Phänomen, vor dem ich echt dankbar stehe. Ich habe so viele Rückmeldungen bekommen und so viel respektvollen Umgang erlebt. Wenn ein Haus „positiv“ wurde, haben andere angerufen und gefragt: „Was kann ich tun?“ Und wir haben alles transparent kommuniziert. Das war wichtig. Wir vertuschen nichts!

Zur Sache:
Seit heute, 4. Mai, darf man unter strengen Auflagen wieder seine Angehörigen in den Pensionisten-Wohnhäusern besuchen. Am 12. Mai wird der "Tag der Pflege" gefeiert. Auf die Mitarbeiter der Wohnhäuser wartet, so Graumann, eine Überraschung.

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