13.01.2016, 10:06 Uhr

Buchneuerscheinung: Überleben im Waldviertel 1945

Brigitte Kaiser schuf ein Werk für die Nachkriegsgenerationen. (Foto: edition innsalz)

Zeitzeugen berichten aus der Nachkriegszeit.

ZWETTL/BRAUNAU. Kaum eine Region Österreichs hat das Ende des Zweiten Weltkriegs so eindringlich erlebt wie der nordwestlichste Bereich Niederösterreichs, das Waldviertel. Die meisten Menschen waren arm. Die Väter waren noch nicht heimgekehrt oder von den Kriegsereignissen schwer gezeichnet. Die Besatzer plünderten, die Mädchen und Frauen hatten berechtigte Angst vor sexuellen Übergriffen der russischen Besatzer.

Geschichten vom Landarbeiter bis zur Geschäftsfrau

Wie haben die Menschen die schweren Zeiten überstanden? Wie konnten vor allem Kinder überleben – physisch und psychisch? Wie gestaltete sich das Zusammenleben mit den russischen Besatzern? Welche Auswirkungen hatte die Zeit auf das spätere Leben der Menschen? Im neuen Buch der edition innsalz zeichnet die Theologin und Lebensberaterin Brigitte Kaiser Menschenschicksale nach. Zuvor hatte der Verlag Zeitzeugen dazu aufgerufen, sich bei der Autorin zu melden – aufgrund des großen Echos ist ein eindringliches und lebendiges Werk entstanden, mit Berichten von Landarbeitern und Bauern ebenso wie von Akademikerinnen und Geschäftsfrauen.

Der Duft einer Semmel und die Höflichkeit mancher Russen

Auch Berichte über „gute Russen“ gibt es, etwa die eines russischen Offiziers, der nie das betreffende Bauernhaus betrat. "Deswegen von meinem Vater befragt, antwortete er, dass er wisse, dass die Besatzung bei Österreichern unbeliebt sei und dass er uns nicht in den Verruf bringen wolle, Russenfreunde zu sein. Mehr Gentleman kann man nicht sein, wenn man dazu noch bedenkt, dass unser russischer Offizier Jude war und seine Frau bei einem deutschen Luftangriff verloren hatte.“ Auch die damalige Armut im Waldviertel wird deutlich. Eine Familie musste mit 7 Schilling auskommen. Das reichte gerade für Zucker, Mehl und ein bisschen Fleisch. "Als ich zwölf Jahre alt war, da war noch kein Krieg. Wir hatten bis ein Uhr Schule. Auf dem Schulweg musste ich beim Bäcker vorbeigehen. Dort roch es so gut. Und ich hatte solchen Hunger. Aber ich habe nie um eine Semmel gefragt.“ Ein spannendes Dokument über ein noch unbeleuchtetes Stück österreichischer Zeitgeschichte.
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