Robert Herzl im Interview über "Jesus Christ Superstar"

BEZIRKSBLÄTTER: Zu Beginn schlüpfen die Schauspieler vor Publikum in ihre Rollen, doch am Ende löst sich das nicht auf. D.h. die Schauspieler bleiben "unerlöst" in ihren Rollen - oder wie darf man das verstehen?
ROBERT HERZL: Wenn es Licht wird auf der Bühne, beginnt die Verwandlung – und die Show ist erst mit der Verbeugung zu Ende. Da sind die Schauspieler schon wieder als „sie selbst“ auf der Bühne.

Das Orchester auf der Bühne: Steckt dahinter die Absicht, die Bühne Richtung Zuschauerraum zu erweitern oder wollten Sie das Orchester herzeigen?
Es war die Absicht, den Passionscharakter der letzten Tage von Jesus so nah wie möglich ans Publikum zu bringen, über den Orchestergraben hinweg, der sonst trennend wirkt. Diese Nähe sollte auch durch den letzten Auftritt von Jesus aus dem Zuschauerraum heraus betont werden. Da kommt Jesus in Zivilkleidung, nachdem er schon tot ist. Das soll sagen „Ich bin bei euch“.

Der ausgesprochene "Friedensmensch" Jesus mit einem Gewehr im Tempel: Was wollten Sie damit ausdrücken?
Also DER Friedensmensch war er nun auch nicht. Er war Mensch und er hatte eine Überzeugung für die er einstand. Er vertreibt in der Szene die Händler aus dem Tempel, das war bestimmt auch damals ein gewaltsamer Akt. Ich wollte die Dramatik so weit wie möglich abstrahieren – mit einem Gewehr.

Wie Sie auch sonst in der Inszenierung zum Abstrahieren neigten...
Ja, die Auspeitschung von Jesus bleibt so abstrakt wie möglich, der Suizid von Judas wird nur mit dem Fallstrick angedeutet und auch die Kreuzigung zeige ich nicht.

Maria Magdalena erscheint nicht als erniedrigte "Sünderin", sondern ganz brav. Lediglich Ihre "langen schwarzen Haare" mögen auf ihr Huren-Leben hindeuten. Ist die Figur nicht etwas zu mild gezeichnet?
Die Figur hat an sich zwei Seiten: Sie ist Jüngerin und Frau. Ein Papst hat sie erst zur als reine Sünderin identifiziert. Bei uns ist sie eine Edelprostituierte mit Flair. Sie singt die softesten Melodien – I don’t know how to love him. Bei all ihrem Vorleben weiß sie nicht, was sie tun würde, wenn Jesus Ja zu ihr sagen würde. Aber Jesus sieht in ihr nicht die Frau.

Wer ist Ihnen persönlich näher - Jesus oder Judas?
Im Evangelium spielt Judas nur eine minimale Rolle. Erst durch die verschiedenen Interpretationen bekommt er ein stärkeres Profil als Zweifler und Zerrissener, als einer der an seinem Verrat zerbricht. Sympathisch ist mir diese Figur nich

Wie haben Sie selbst vor exakt 40 Jahren die seinerzeitige Aufregung über "Jesus Christ Superstar" erlebt?
Ich war bis dahin musikalisch nur mit Klassik befasst. Die Beatles oder Elvis sind völlig an mir vorbei gegangen. Dann kam Jesus Christ Superstar. 1976 hat mich meine Freundin in London überredet, das Musical anzuschauen. Ich ging demotiviert hin und war nach 20 Minuten Feuer und Flamme.

Damals war JCS ein Skandal - heute umjubelt. Leben wir heute in einer toleranteren Zeit als vor 40 Jahren?
Ja. Bis Woodstock war ja der Fundamentalismus weltweit verbreitet. Das ist heute nicht mehr so. Filme wie „Das Leben des Brian“ sind heute ohne weiteres möglich.

Und würde man Mohammed zum Musical-Thema machen?
In Teilen der islamischen Welt gibt es heute noch den Fundamentalismus, den auch wir damals noch hatten.

Haben Sie je einen vergleichbar euphorischen Jubel zu einer Produktion im Stadttheater erlebt wie zur Premiere von JCS?
Nein, niemals bei einem Musical oder einer Operette. Vergleichbar war nur das Elton John-Tribute heuer im Frühjahr.

Braucht das Stadttheater in Zukunft noch mehr Rockmusik?
Ich glaube, die derzeitige Mischung – Operette, Oper und zwei Musicals im Jahr – ist gut. Viel mehr Rock würde das Theater meines Erachtens nicht vertragen, es soll ein Operettentheater bleiben. Aber darüber werden bestimmt meine Nachfolger noch debattieren.

Autor:

Gabriela Stockmann aus Baden

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