28.11.2016, 13:24 Uhr

Zeit ist ein wichtiger Faktor bei Demenz

Was motiviert eine junge Frau, sich mit Demenzkranken auseinanderzusetzen? Sich zur Demenzbeauftragten ausbilden zu lassen?
Beate Felber: Ich bin seit 17 Jahren diplomierte Krankenschwester und sehe, wie viele Fälle es gibt. Allein von den ca 140 betagten Kundinnen hier beim Hilfswerk Bad Vöslau/Kottingbrunn haben wir sicher mehr als die Hälfte Demenzkranke.

Internationale Studien sprechen ja gar von einer Epidemie. Derzeit soll es weltweit knapp 47 Millionen Demenzkranke geben, 2050 schon ca. 132 Millionen. Ist man dem hilflos ausgeliefert?
Das wichtigste ist meiner Meinung nach die Entstigmatisierung dieser Krankheit. Wir müssen alle etwas dazu beitragen. Zum Beispiel könnten wir die Rahmenbedingungen schaffen, damit Demenzkranke so lange wie möglich am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Dass über Demenz geredet wird. Es gibt viele Betroffene.

Wie soll das funktionieren?
Ein Symptom der Demenz ist ja zum Beispiel Orientierungslosigkeit. Wir als Hilfsdienst könnten zum Beispiel Transportwege zum Chor oder zum Einkaufen übernehmen, weil dort vor Ort kennen sich viele Demente ja noch längere Zeit aus. Und wir beraten Angehörige und könnten uns hier in Kottingbrunn auch eine Selbsthilfegruppe von betroffenen Angehörigen vorstellen.

Was gibt es noch für Symptome?
Zum Beispiel Wortfindungsstörungen, wirre Bekleidung, Veränderungen der Persönlichkeit, extreme Vergesslichkeit. Kürzlich war ein Mann bei mir, der bei seiner Mutter bemerkte, dass "etwas nicht mehr stimmt" - und der Arzt hat dann mithilfe von Magnetresonanz und speziellen Tests tatsächlich Demenz bei der 73-Jährigen diagnostiziert.

Das muss doch für den Betroffenen wie für seine Angehörigen ein Schock sein - Demenz ist ja derzeit nicht heilbar...
Heilbar nicht, aber in der Entwicklung verlangsambar. Zum Beispiel mit konsequentem Gedächtnistraining. Es gibt sieben Demenz-Stufen, ab Stufe 6 muss der Erkrankte ins Pflegeheim. Davor aber sind wir am Plan: Wir helfen dann im Alltag.

Was verlangt Ihnen diese Arbeit ab?
Wir müssen sehr flexibel sein, denn Demenz kann alle Bereiche beeinträchtigen - vom Schlaf übers Essen bis zur Haushaltsführung. Wir müssen einfühlsam sein und uns gleichzeitig abgrenzen. Ein Fehler, den wir nicht machen dürfen: kontrollieren. Wenn zum Beispiel eine demenzkranke Person sagt, sie hätte schon gegessen oder die Medikamente genommen, braucht es sehr viel Fingerspitzengefühl herauszufinden, ob dem tatsächlich so ist. Und wir brauchen Geduld, Zeit ist ein wichtiger Faktor bei Demenz.

Hat die Medizin schon Strategien gegen Demenz?
Man kann früh vorbeugen, indem man immer wieder sein Gedächtnis trainiert, mit Rätseln, Sudokus etc. Und die Pharmaindustrie arbeitet an Medikamenten, die direkt aufs Gehirn wirken.

Was weiß man über die Ursachen?
Das ist auch noch nicht richtig erforscht. Die Vermutungen reichen von Vererbung bis Stress, mangelnde Bewegung und ungünstige Ernährung. Tatsache ist aber auch, dass es heute so etwas wie digitale Demenz gibt - bedingt durch die permanente Reizüberflutung.

Zur Person
Beate Felber, 38, ist die erste Frau im Bezirk, die auf der Donauuniversität Krems eine dreisemestrige berufsbegleitende Ausbildung zur Demenzbeauftragten macht. Im Juli 2017 wird sie fertig und dann neben ihrer Arbeit als diplomierte Krankenschwester für das Hilfswerk Kottingbrunn als Demenzbeauftragte tätig sein.
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