"Habe meine Tochter nicht gleich erkannt"

Katharina Baumhof zeigt Redakteurin Barbara Ebner Fotos aus ihrer Kindheit. Von ihrer Großfamilie und aus der Schulzeit.
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Katharina Baumhof lebt in Braunau, ist stolze 101 Jahre alt und blickt auf ein bewegtes Leben zurück.

BRAUNAU (ebba). Ihre Kindheit verbrachte die geborene Katharina Lang in Rumänien. Dort lernte sie auch ihren späteren Mann kennen, mit dem sie schließlich im Jahr 1958 nach Österreich auswanderte.

BezirksRundschau: Frau Baumhof, Sie blicken auf ein langes Leben zurück. Was ist Ihre erste Kindheitserinnerung?
Baumhof: Da sind meine Eltern gerade in ein anderes Haus übersiedelt. Der Vater hatte ein neues gebaut. Ich war damals ungefähr acht Jahre alt. Das war schon spannend. Wir haben uns sehr gefreut auf das größere Haus.

Wie groß war Ihre Familie? Wie viele Geschwister haben Sie?
Wir waren neun. Leider lebe nur mehr ich.

Wie haben Sie Ihre Kindheit verbracht?
Glücklich. Uns hat es in dieser Zeit an nichts gefehlt. Wir hatten in Rumänien einen großen Garten, in dem wir Gemüse und das Nötigste, das man täglich brauchte, selbst angebaut hatten.

Die erste große Liebe. Erinnern Sie sich noch daran?
Oh Gott. Da war ich so 15, 16 Jahre alt. Er wurde dann später mein Mann. Kennen gelernt habe ich ihn durch meine Cousine.

Wie hat er sich damals um Sie bemüht, wie um Sie geworben?
Einen Ring habe ich bekommen. Außerdem hat er mich während der Lehrzeit jeden Abend von der Arbeit abgeholt.

Was haben Sie dann so unternommen? Hatten Sie Rendezvous?
Wir sind gemeinsam in den Wald hinaus spaziert. Auch meine Schwester und ihr Kavalier waren dabei. Die Burschen sind auf die Bäume hinauf geklettert und haben die Raben herunter geschmissen. Und wir Mädchen haben dann Gulasch gekocht.

Wie kam es später zu Ihrer Verlobung?
Er hat ganz traditionell bei meinem Vater um meine Hand angehalten. Die Hochzeit haben wir dann Zuhause bei den Eltern gefeiert.

In den letzten 100 Jahren gab es viele technische Entwicklungen. Wie war es für Sie, das erste Mal fern zu sehen?

Das war ganz was Neues. Hat man gar nicht glauben können, dass es so etwas gibt.

Die Mondlandung 1969. Haben Sie dieses Ereignis im Fernsehen mitverfolgt?
Ja, sicher. Das war unfassbar. Wir haben uns sehr gewundert, dass so etwas möglich ist.

An welche Ereignisse in den vergangenen 100 Jahren erinnern Sie sich noch besonders gut?
An Gutes, wie Schlechtes. Mehr schlecht, wie gut. An die dreieinhalb Jahre Zwangsarbeit in Russland, während der Nachkriegszeit. Ich war damals 27. 1944 sind die deutschen Frauen und Männer nach Russland deportiert worden. Ein Bruder von mir war in Kriegsgefangenschaft. Ich wurde alleine deportiert. Das war furchtbar. Die erste Nacht sind wir alle in einem Raum knöcheltief im Wasser gestanden.

Was mussten Sie in dieser Zeit ertragen?
Arbeit, Arbeit, Arbeit – und Hunger. Ich hab am Bau gearbeitet. Jeden Tag zwölf Stunden schwere körperliche Arbeit. Zu Essen gab‘s nur Suppe, mit kohlrabenschwarzen Schnipseln darin.

Wie sind die russischen Aufpasser mit Ihnen umgegangen?
Die haben immer nur geschrien mit uns. Das war erniedrigend.

Erinnern Sie sich noch an die Gefühle, die sie hatten, als dieses Kapitel für Sie zu Ende ging und Sie befreit wurden?
Ich fühlte mich erlöst und frei, konnte endlich wieder nach Hause.

Wie hat Sie die Familie bei Ihrer Rückkehr empfangen?
Am Bahnhof wurde ich abgeholt. Meine Tochter habe ich gar nicht gleich erkannt, nach diesen dreieinhalb Jahren. Ich musste sie erst herausfiltern aus der Menge an wartenden Menschen.

Wie lange haben Sie damals gebraucht, das Ganze zu verarbeiten?
Nicht lange. Denn an das Gute gewöhnt man sich schneller. Nur dem Schlechten, dem vertraut man nicht.

Wie erlebten Sie die Zeit der Diktatur unter Adolf Hitler?
Es war für uns alle katastrophal, das mitzumachen. Der Heil-Hitler-Gruß hat mir dermaßen widerstrebt – da hab ich nicht mitgemacht.

Was haben Sie während des Krieges alles erlebt? Und was hat das mit Ihnen gemacht?
Wir haben das Fahrrad abgeben müssen und auch das Radioempfangsgerät. Damit man die Wahrheit nicht mitkriegt, sondern nur das, was sie einem vorspielen. Das was ich damals mitgemacht habe, und auch andere, das hat uns alle erschüttert.

Wie lange hat es gedauert, bis Ihnen klar wurde, was hier eigentlich Schreckliches vorgeht?
Das haben wir gleich verstanden.

Haben Sie Freunde oder Familienangehörige verloren?
Ja, mein jüngster Bruder ist damals mit 21 Jahren umgekommen. Das war sehr traurig.

Wie haben Sie die Bombardierungen erlebt?
Ich war erfüllt von Angst und Wut. Von der Stadt sind alle Leute hinaus aufs Land geflüchtet. Da die Stadt als erstes bombardiert wurde.

Ihr Ehemann war in amerikanischer Kriegsgefangenenschaft in Glasenbach. Wie lange waren Sie getrennt von Ihrem Mann?
15 Jahre. Als er frei kam, mussten wir uns erst wieder aneinander gewöhnen.

Wie ging Ihr Leben nach den Wirren des Krieges weiter?
Ich war gelernte Schneiderin und hab dann erst einmal in einer Schuhfabrik gearbeitet. Später hab ich dann bei meinem Mann mitgeholfen, der Oberteile für Schuhe und Stiefel herstellte. Ich hab die Stepparbeiten übernommen. Das war eine schöne Arbeit, wir waren ein gutes Team. Leider ist mein Mann dann in den 90er-Jahren verstorben.

Gehen wir nun aber weg vom Krieg ... 2002 wurde der Euro eingeführt. Sie haben in Ihrem Leben ja viele Währungen kommen und gehen sehen – war das stets eine Herausforderung für Sie?
Um den Schilling tut‘s mir leid. Der war mir lieber als der Euro. Eine neue Währung heißt halt immer Veränderung.

Wie stehen Sie zu neuen Innovationen, wie dem Smartphone?
Damit habe ich nichts am Hut. Das überfordert mich. Meine Tochter hat schon eines, aber mir ist das klassische Telefon lieber.

Welche Erinnerungsstücke aus der Vergangenheit besitzen Sie noch, die Ihnen lieb und teuer sind?
Einige Ringe sind noch da und auch Uhren. Und ein paar wenige Fotos von früher. Bei der Auswanderung durfte man leider nicht viel mitnehmen.

Was bedeutet für Sie "Heimat"? Denken Sie da eher an Rumänien oder ist Österreich Ihre Heimat?
An Österreich! Wir waren ja froh, dass wir Rumänien verlassen haben dürfen. Denn so lustig war es dort auch nicht. Die letzte Zeit überhaupt nicht. Mama hatte nichts mehr zum Kaufen bekommen, kein Fleisch. Wir sind während der Wirtschaftskrise stundenlang um Milch angestanden und oft war es so, dass die vor uns die letzte Milch bekamen und dann war‘s halt aus. Wir standen ohne da.

Es gibt diesen Spruch "Früher war alles besser". Würden Sie das so unterschreiben, oder sehen Sie das anders?
Vor dem Krieg, ja. Weil alles einfacher gegangen ist. Das Leben ist ja immer komplizierter geworden.

Wie lautet Ihr Geheimrezept für ein langes Leben?
Täglich Gemüse essen und jeden Tag zum Essen zwei Schluck Rotwein.

Video & Fotos: Frederic Zimmel

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