Corona-Krise
„Gutes beibehalten, Neues entstehen lassen“

Günther Baschinger, Bezirksstellenleiter der Wirtschaftskammer (WKO) Grieskirchen
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Nicht in allen Bereichen zeigen sich die Folgen der Corona-Krise so unmittelbar wie auf dem Arbeitsmarkt. Auf Seiten der Unternehmen verzögern Maßnahmen der Regierung mögliche Auswirkungen. Das große Fragezeichen für alle bleibt die Entwicklung über den Sommer.

BEZIRKE GRIESKIRCHEN, EFERDING. Die aktuellen Zahlen des Kreditschutzverbandes1870 (KSV1870) zu den Firmenpleiten zeigen österreichweit für das erste Halbjahr ein Minus von fast 25 Prozent gegenüber 2019. In Eferding wurde laut KSV1870 im ersten Halbjahr 2020 ein Unternehmen insolvent, in Grieskirchen waren es drei. Im Vergleichszeitraum waren 2018 in Grieskirchen zehn und in Eferding zwei Firmen und 2019 in Eferding drei und in Grieskirchen fünf Unternehmen betroffen. 

Späte Folgen

Die Zahlen spiegeln laut KSV die tatsächliche Situation der Unternehmen nicht wider. Dem pflichtet der Bezirksstellenleiter der Wirtschaftskammer (WKO) Grieskirchen bei. „ Wir haben sehr viele produzierende Gewerbe in Grieskirchen und sind weniger vom Tourismus abhängig. Der Rückgang der Unternehmensinsolvenzen ist vor allem den Corona-Maßnahmen der Bundesregierung geschuldet. Durch diese können die Betriebe arbeiten“, so Günther Baschinger.  Er glaubt nicht, dass die Insolvenzwelle bereits im Herbst 2020 kommen wird. „Fixkostenzuschüsse können schon vor Jahresende beantragt werden. Mit den Zahlungen aus dem Nothilfefonds sollten – bei gesunden Unternehmen – gestundete Steuerzahlungen beglichen werden können. Der Turn-Around sollte zu schaffen sein“, so Baschinger. Er rät Firmen, die aktuelle Situation für einen Status-Check zu nützen: „Jeder Unternehmer muss prüfen, was aufgrund der geänderten Marktsituation noch funktioniert und da und dort Umstellungen vornehmen. Etwa parallel einen Online-Shop betreiben, Videokonferenzen abhalten, Schulungsmöglichen nützen und aus dem alten Muster herausgehen. In jeder Branche gibt es Chancen, die sich aufgrund der durch Corona veränderten Marktsituation ergeben. Die Devise lautet: Gutes beibehalten und Neues entstehen lassen.“

Maßnahme Kurzarbeit

Erfreulich bewertet Franz Reinhold Forster, Geschäftsstellenleiter Arbeitsmarktservice (AMS) Grieskirchen, dass nur 27 Prozent der Unternehmen um eine Verlängerung der Kurzarbeit angesucht haben: „Die Kurzarbeit wurde im Bezirk Grieskirchen von 724 Betrieben für insgesamt 9.547 Beschäftigte beantragt. 291 Projekte mit 2.377 Teilnehmern wurden abgeschlossen. Bisher wurden dafür 18,3 Millionen Euro aufgewendet. Hätten alle Betriebe die Kurzarbeit verlängert, wären Kosten in Höhe von 65,4 Millionen Euro entstanden. Zum Vergleich: in Grieskirchen steht uns zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ein Jahresbudget von rund 20 Millionen Euro zur Verfügung.“ Das Thema Kurzarbeit war nur ein Thema, das laut Pressemeldung der Arbeiterkammer während der Corona-Krise die Telefone in der Bezirksstelle Grieskirchen heißlaufen ließ. Während von Jänner bis Mitte März 654 Anrufe geführt wurden verdreifachte sich die Zahl vom Lock Down bis Ende Mai auf 1.946. Darüber hinaus wurden über die eigens eingerichtete Corona-Hotline, die bis Ende Juni lief, 100 Anfragen individuell und persönlich beantwortet. „Hauptthemen der Anfragen waren Kündigungen, Kurzarbeit, Kinderbetreuung, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen wie Abstände, Schutzmasken, Desinfektion, das Homeoffice und zuletzt arbeitsrechtliche Fragen rund um Auslandsurlaube“, berichtet AK-Bezirksstellenleiterin Elisabeth Marschalek.

Hohe Arbeitslosigkeit

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Arbeitsmarkt sind enorm. Am 16. Juli suchten in Grieskirchen 1.119 Personen nach Arbeit, 193 von ihnen haben eine Einstellzusage für Herbst. Im Vergleich zum Vorjahr spricht Forster deshalb einer dramatischen Lage. „Mit Stand Ende Juni waren 1.262 Personen arbeitslos gemeldet. Das entspricht einem Plus von 514 Personen – beziehungsweise 69 Prozent – gegenüber dem Juni 2019. Wir rechnen damit, dass es im Herbst noch schwieriger wird, gefolgt von der saisonalen Arbeitslosigkeit mancher Branchen im Winter.“ Im Bezirk Eferding waren mit Ende Juni 580 Personen arbeitslos gemeldet. "Das sind um 245 Personen oder 73,3 Prozent mehr Arbeitslose als im Juni 2019", informiert Silke Aistleitner, Geschäftsstellenleiterin des AMS Eferding. In Eferding lag der coronabedingte Höchststand am 7. April bei 887 Personen, in Grieskirchen lag dieser am 2. April bei 1.985 Arbeitslosen. Es gibt aber auch erfreuliche Nachrichten. „Im Vergleich zum Peak Anfang April haben wir in Grieskirchen heute um 866 weniger Arbeitslose. Die Prognosen der Arbeitslosenquote am Ende des Jahres weisen 5,2 Prozent für Grieskirchen und 4,4 Prozent für Eferding aus. Im überregionalen Vergleich – für Gesamtösterreich wird von 10,3 Prozent, für Oberösterreich von 6,9 Prozent ausgegangen – eine tolle Quote“, so Forster.

Offene Lehrstellen

Die Wirtschaftskammer Oberösterreich schlägt aufgrund des starken Rückgangs bei den Lehrvertragsanmeldungen per Ende Juni eine Lehrlingsoffensive vor. „Rund 20 Prozent weniger Lehrverträge als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr wurden bisher bei der Wirtschaftskammer angemeldet“, so WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer. Im Bezirk Grieskirchen stehen aktuell für 84 Lehrstellensuchende 198 offene Lehrstellen zur Verfügung. Nach Auskunft des AMS können sich auch Personen über 18 Jahren um eine Lehrstelle bewerben. Es gibt darüber hinaus viele Möglichkeiten, einen Abschluss nachzuholen oder sich besser für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Im Vorjahr gab das AMS Grieskirchen rund 8,3 Millionen Euro, das AMS Eferding 3,8 Millionen Euro für aktive Arbeitsmarktpolitik aus. Damit werden Programme – von der Lehrstellenförderung über arbeitsplatznahe Qualifizierung, Arbeitsstiftungen, Fachkräftestipendien bis hin zu Kursen für Lehrabschlussprüfungen – gefördert. „Aufgrund der großen Nachfrage an Arbeitskräften im Gesundheitsbereich wurde letzte Woche ein Werbeoffensive gestartet. 5000 Arbeitsuchende, davon rund 250 aus dem Bezirk Grieskirchen, wurden über die Angebote informiert. Die Politik plant eine Corona-Stiftung für arbeitslose Personen ab Herbst. Hier sind die Details allerdings noch offen, ebenso beim angekündigten ‚Programm für 1000 Jugendliche‘, das über das AMS abgewickelt werden soll“, so Forster. 

UMFRAGE DER WOCHE

Warum ist die Eigenverantwortung jedes Einzelnen so wichtig?

Günther Baschinger
Bezirksstellenleiter der Wirtschaftskammer (WKO) Grieskirchen

Im Sinne der Wirtschaft appelliere ich, dass die Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden. Es ist wichtig, dass die Infektionszahlen sinken. Ein Urlaub in Österreich fördert auch die heimische Wirtschaft. Unternehmern rate ich, die Zeit zu nützen, sich fit für die Zukunft zu machen. Sich Gedanken machen und Maßnahmen setzen, etwa Digitalisierung auch für Klein- und Mittelbetriebe (KMU).

Michaela Schwinghammer-Hausleithner
Vorstandsvorsitzende Sparkasse Eferding-Peuerbach-Waizenkirchen

Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen im Sinne eines gesellschaftlichen Zusammenhalts sich an die notwendigen Maßnahmen halten. Dann schaffen wir, dass die Wirtschaft im Herbst wieder floriert und unsere Arbeitsplätze sicher sind. Das ist das wichtigste gemeinsame Ziel. Wir müssen Verantwortung übernehmen und menschlichen Zusammenhalt leben.  

Franz Reinhold Forster
Geschäftsstellenleiter Arbeitsmarktservice Grieskirchen

Ein erneuter Lock Down würde wieder zu einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit wie in der ersten Phase führen. Allerdings mit einer wetterabhängigen, saisonalen Spitze im Winter. Von der Arbeitslosigkeit besonders betroffen sind junge Menschen, schlecht qualifizierte Personen und Frauen.

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