Leserbrief
"Falkner hat offensichtlich die Zeichen der Zeit nicht erkannt"

Viele Einheimische und Touristen wünschen sich einen schonenden Umgang mit der Natur (rechts im Hintergrund die Braunschweiger Hütte)
  • Viele Einheimische und Touristen wünschen sich einen schonenden Umgang mit der Natur (rechts im Hintergrund die Braunschweiger Hütte)
  • Foto: Andreas Aschaber
  • hochgeladen von Petra Schöpf

Tourismus braucht "Bewahrer" statt "Macher"
(Alternativ: "Jack Falkner und die Lizenz zum Bauen")

Wenn der Chef der der Bergbahnen Sölden unverändert den Zusammenschluss der Gletscherskigebiete Pitztal - Ötztal fordert, dann hat er die offensichtlich die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Megaprojekte finden in weiten Teilen der Bevölkerung keine Akzeptanz mehr. Dies belegt die sehr hohe Zahl an Unterstützungserklärungen auf der Plattform mein.aufstehn.at. 161.000 Menschen haben gegen die sogenannte "Gletscherehe" unterschrieben. Hunderte Kommentare belegen ihre Beweggründe. Zu massiv seien die Eingriffe in die Natur, von Maßlosigkeit und Gier ist die Rede. Aber auch der Klimawandel wird angesprochen. Angesichts der schrumpfenden Gletscher und des steigenden Aufwandes für Beschneiungsanlagen wird die Sinnhaftigkeit des Vorhabens bezweifelt.

Viele Menschen erwarten sich ein Umdenken im Tourismus, eine Neuausrichtung. Die Zeit der Pioniere ist endgültig vorbei. Als der Vater von Jakob Falkner die ersten Liftanlagen im Ötztal baute, war das für die Bevölkerung die Möglichkeit, der Armut zu entkommen. Nun möchte sich "Jack" selbst ein Denkmal setzen, das James Bond Museum auf über 3000m scheint da zu wenig, er will die uneingeschränkte "Lizenz zum Bauen". In der Vergangenheit hat das auch immer klaglos funktioniert. Der direkte Draht zur Landesregierung hat dazu geführt, dass praktisch alle Anträge genehmigt wurden. Doch der Widerstand in der Bevölkerung wächst, daran wird auch das Offenhalten der Liftanlagen für die Einheimischen im Corona-Winter nichts ändern.
Die Strategie, alle Kundenwünsche erfüllen zu wollen, grenzt schon an eine Form von Prostitution, die der Tiroler Tourismus gewiss nicht nötig hat. Zahlreiche Zuschriften von Gästen aus dem Ausland bestätigen, dass Pistenkilometer nicht die oberste Priorität besitzen. Sölden wird sich entscheiden müssen, ob es weiterhin auf trinkfreudige Tagestouristen setzt, oder sich verstärkt dem Qualitätstourismus zuwenden will. Dass der Trubel vielen Einheimischen zu viel wird, belegen auch die hohen Abwanderungszahlen der Gemeinde.

Tirol braucht einen Generationenwechsel bei den Touristikern. Nicht mehr die "Macher" sind gefragt, sondern Leute, die behutsam mit den beschränkten natürlichen Ressourcen umgehen und dabei auch zukünftigen Generationen noch Entwicklungs- und Entscheidungsmöglichkeiten offen lassen. Anstelle des bisherigen "Drüberfahrens" braucht es den Dialog mit den Einheimischen und den Gästen. Das Thema Verkehr spielt dabei eine wichtige Rolle. Es kann nicht sein, dass in den hinteren Talgemeinden abkassiert wird, während die Gemeinden an den Anreiserouten Lärm und Abgase ertragen müssen. Viel zu lange wurde dieses Missverhältnis auch von der Landespolitik ignoriert. Als Zusammenschlüsse getarnte Skigebietserweiterung müssen durch ein neues TSSP (Tiroler Seilbahn- und Skigebietsprogramm) unterbunden werden. Eine gezielte Lenkung und gegebenenfalls Beschränkung der Touristenströme wird erforderlich sein.

Eine neue Generation von Touristikern wird Begriffe wie "Nachhaltigkeit" und "Naturverträglichkeit" nicht mehr nur als leere Worthülsen verwenden, sondern diese auch die Tat umsetzen müssen.
Ein Fortfahren auf dem bisherigen Weg könnte letztlich bedeuten, dass sich der Tourismus selbst das Wasser abgräbt, wenn er die Berge in eine hochalpine Industrielandschaft umwandelt, denn die überwiegende Zahl der Gäste kommt wegen der Schönheit und Ursprünglichkeit der Natur in unser Land.
Den Klimawandel zu ignorieren und "auf Teufel komm raus" in neue Anlagen zu investieren, gleicht dem sprichwörtlichen "Totentanz" auf dem Gletscher.

Dr. Gerd Estermann
BI Feldring (www.feldring.at)
Bericht über Großinvestition am Gaislachkogl in Sölden

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