Reportage
In Vergessenheit geraten: Lost Places im Bezirk

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KLOSTERNEUBURG/ BEZIRK TULLN (mp). Ein Knusperhäuschen in der Au in dem vor langer Zeit ein Eremit gehaust haben soll, ein Kellertor, eine alte Heubrücke – spätestens seit dem Aufschwung der sozialen Netzwerke Instagram und Pinterest, Online-Diensten, die fast ausschließlich vom Teilen von Fotos mit seiner Community leben, sind auch die sogenannten "Lost Places" wieder viel öfter vor die Kameralinse und damit ins Zentrum des Interesses gerückt. Gemeint sind damit Orte oder Gebäude, die ohne ersichtlichen Grund sich selbst überlassen wurden, in Vergessenheit geraten, unbewohnt und unbenutzt sind und derer sich der Verfall der Zeit habhaft gemacht hat.

Von Moos überwachsen

So erging es etwa einem Haus im Kierlinger Maital. Nur noch die Überreste von etwas, das einst einmal ein Wohnhaus gewesen sein könnte, sind vom Weg aus im Wald erkennbar. Das Dach fehlt zur Gänze und die Mauern sind an vielen Stellen eingebrochen.

Ein ähnliches Schicksal wie diese Ruine hatte auch eine Tennisanlage in den Hügeln am Ende des Weidlinger Kochgraben. Auf zwei Ebenen liegen verlassen drei Plätze – die Netze sind zerrissen, der Boden von den Pflanzen aufgebrochen und von Moos überwachsen. Sogar das Gerüst eines Schiedsrichterstuhls, in dem wohl schon seit langer Zeit niemand mehr gesessen hat, steht dort. "Das muss mehr als 10 oder 15 Jahre her sein, dass der schon nicht mehr in Betrieb ist. Ich hab in Erinnerung, dass der Bauunternehmer Ollrom dort eine kommerzielle Tennisanlage errichtet hat, die baurechtlich nie genehmigt war. Der Sohn dürfte ein recht begabter Tennisspieler gewesen sein, der dort trainiert hat", meint der tennisbegeisterte Klosterneuburger Sepp Redl sich an die Geschichte des Platzes zu erinnern. "Das war mal der Weingarten von meinem Großvater. In den 80er Jahren war Tennis im Trend und dort traf sich die ganze High Society. Der Herr Ollrom war auch Unterstützer eines Wiener Fußballclubs – deshalb kam neben der Politiker- auch die Fußballprominenz her. In Weidling heißt es, dass auch Hannes Androsch dort gespielt haben soll", erzählt der Weidlinger Ortsvorsteher Martin Trat. "In dem dazugehörigen großen Gebäude ist sogar ein Schwimmbad", meint er. Die Anlage samt Gebäude und Tennisplätzen scheint allerdings vor Kurzem versteigert worden zu sein.

Vergessene Welt im Garten

Auch die Weidlingerin Jennifer Prinz kennt solche "Lost Places" in der Stadtgemeinde – denn sogar in ihrem Garten in der Ödbergsiedlung stehen mehrere solcher verlassenen Gebäude. "Der war schon lange vor uns da – ich gehe davon aus, dass das ein Weinkeller war. Eine uralte Hütte haben wir auch am Grundstück", erzählt sie. 

Im ganzen Bezirk

Die Suche nach den "Lost Places" ist eine Art Schatzsuche nach Orten und Geschichten, die den meisten unbekannt sind. Zu finden sind sie überall auf der Welt und so auch verteilt über den Bezirk Tulln. Bei Rust im Tullnerfeld führt auf der einen Seite wenig versteckt, auf der anderen Seite etwas verwachsen beispielsweise eine alte desolate Heubrücke über die Perschling. Auch in der Gemeinde Atzenbrugg, genauer gesagt in Moosbierbaum, erinnern noch Mauerreste an eine frühere Zeit.

Die Raffinerie Moosbierbaum wurde als Pulverfabrik "Skoda-Wetzler AG" 1913/14 im Kaiserreich errichtet, im Anschluss hatte sie diverse Verwendungen. Nach dem Krieg wurde sie von den Russen für Erdöl genutzt, danach zwar noch von der OMV übernommen, der Bau der Raffinerie Schwechat bedeutete aber schließlich das Ende des Werkes, erklärt der Obmann der Moosbierbaumer Heimatkundlichen Runde, Josef Goldberger. "Heute wurden nur noch ein oder zwei Bunker als Hindernisse am Golfplatz stehen gelassen. Der Rest existiert nicht mehr", meint er und auch Gerhard Bauer, Museumsleiter des Heimatmuseums Zwentendorf bestätigt dies.

"Ein paar Splitterschutzgräben am ehemaligen Gelände der Raffinerie und der Donau Chemie gibt es noch und ein oberirdischer Luftschutzbunker am Gelände des kalorischen Kraftwerks ist von außen zu sehen, wenn man am Zaun entlangfährt. Was nur wenige Insider wissen ist, dass noch eine ehemalige Ölleitung, die entlang der Perschling verläuft, existiert", erklärt er. Der genaue Standort soll aber nicht an die Öffentlichkeit getragen werden, denn oft ist die Suche nach "Lost Places" nicht nur mit Faszination, sondern leider immer wieder auch mit dem unbefugten Betreten privaten Geländes oder Vandalismus verbunden. Glaubt man den Geocachern, sollte aber zumindest noch das Portierhäuschen an den Gleisen erhalten sein.

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