04.10.2016, 06:50 Uhr

5 Minuten Wien: Von Schreiduellen und versöhnlichen Achterln

Ein Geheimtipp, um das Wesen des eigenen Wohnbezirks besser kennenzulernen, sind die vierteljährlichen Sitzungen der Bezirksvertretung. Die unterscheiden sich, je nach Standort, nämlich stark. Im 1. Bezirk treffen sich die Bezirksräte in jenem Plenarsaal, in dem früher der Wiener Gemeinderat zusammentrat, schwere Holzbänke und Stuckdecken inklusive. Dem Ambiente angemessen, werden von jedem Redenden Podium, Kollegen und Zuschauer mit ausgesuchter Höflichkeit begrüßt. Die Debattenbeiträge sind weitschweifig, aber geprägt von gutem Ton.

Lange Redebeiträge gibt es auch in Floridsdorf. Dort treffen sich die Bezirksräte aber in einem wie eine große Schulklasse eingerichtetem Raum, die Zuschauer sitzen eingeengt und an die Wand gedrückt. Der Ton ist rauer, die Lautstärke erhöht und fast alle Themen lassen sich, wenn man nur wirklich will, zu einer Grundsatzdebatte zwischen SPÖ und FPÖ ausbauen – Schreiduelle, Gutmensch- und Rechtsextremismusvorwürfe, der Ausgangspunkt ist dabei fast egal.

Ideologische Unterschiede gibt es natürlich auch zwischen den Döblinger Bezirksparteien, sie werden aber, wie es sich für den Heurigenbezirk gehört, von einer leutseligen Amikalität ziemlich oft verdeckt. Hier spricht man sich gegenseitig mit dem Titel an – du bist wer, ich bin wer – und nach dem Ende der Junisitzung erinnert der FPÖ-Klubchef alle Anwesenden an den Neustifter Kirtag, parteiübergreifender Höhepunkt im Döblinger Veranstaltungskalender.

Wenn man Zeit hat, einmal vorbeizuschauen, wird man also ziemlich sicher etwas lernen. Über eines muss man sich jedoch im Klaren sein: Die Erkenntnisse werden eher soziologischer als politischer Natur sein. Aber auch das ist ja spannend.
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