Jugend ohne Kult: Punks not dead in Währing
- Mike Blumentopf setzt auf innovative Kunst.
- Foto: Andreas-Michael Fleckl
- hochgeladen von Maria-Theresia Klenner
Als "Außerirdischen in der Martinstraße" beschreibt sich Mike Blumentopf. Ganz unrecht hat er nicht, immerhin ist der Künstler seit den Achtzigern Punk – und damit ziemlich alleine in Wien.
WIEN. Wer Punk als Anti-Haltung empfindet, hat die Subkulturbewegung nicht verstanden. Zumindest wenn es nach Mike Blumentopf geht. Seit 1988 ist für den Währinger die Punkbewegung seine Lebensphilosophie. "Punks sind nicht immer dagegen und machen alles kaputt. Das sind Menschen, die sich gegenseitig helfen, mit Wenig Etwas machen und aus Müll Sachen zaubern", so Blumentopf, der über Freunde mit der Wiener Punkszene in der Aegidigasse in Berührung kam.
Für alle, die entweder nach 1990 geboren sind oder sich an die Achtziger nicht mehr erinnern können: In der Aegidigasse in Mariahilf befand sich ein von Punks besetztes Haus, das 1988 spektakulär von der Polizei geräumt wurde. Wer jetzt die Verbindung zur Pankahyttn in der Johnstraße zieht, liegt allerdings völlig falsch. Stand das Gebäude in der legendären Aegidigasse einst tatsächlich leer und wurde von der Jugendbewegung zum Leben erweckt, handelt es sich bei der Pankahyttn im 15. Bezirk um einen Verein "mit Auflagen der Stadt Wien", wie Blumentopf lacht. Auch die Punks selber hätten sich laut Mike, der die Galerie Blumentopf in der Martinstraße 74 betreibt, geändert. "Die Jungen haben keine Ahnung. Nur im EKH (Ernst Kirchweger Haus, 1990 besetzt und Zentrum der autonomen Szene, Anm.) tut sich einiges."
Der Punk im Anzug
Mike selbst hat zwar auch einst am Schottentor geschnorrt, doch sein Leben hat der 45-Jährige nicht versoffen, wie die meisten Wiener Punks der Achtziger. Nach der Externistenmatura mit 23 Jahren absolvierte er den Zivildienst im AKH und danach den Lehrgang zum Werbegestalter am WIFI - dank überzeugender Überredungskust der Mutter. Auch 15 Jahre als selbstständiger Werbegestalter mit Aufträgen vom Donauzentrum über Palmers bis Puma America konnten den Punk nicht aus dem Geschäftsmann vertreiben. "Ich bleibe auch im Anzug ich. Allerdings wurde ich in jeder Kleidung immer akzeptiert, da hat sich schon viel seit den Achtzigern verändert. Nur weil man zerrissene Kleidung trägt ist man kein Idiot oder Verbrecher."

In seinen Punkanfängen hatte Blumentopf allerdings mit weniger Verständnis zu kämpfen. "Ich wurde damals viel angestänkert. Dinge wie "Asozialer", "G´sindl", "Schmarotzer" und "Geh was arbeiten!" hörte ich oft. Noch immer gibt es unangenehme Blicke, aber weniger als früher." Dabei war auch in den Achtzigern ein Punk nicht immer gleichzusetzen mit "G´sindl". "Es gab immer schon Trittbrettfahrer, die wegen der Mode Punks wurden. Einer der ersten Punks, die ich sah, war ein Kind aus reichem Haus in Pötzleinsdorf." Doch den Hochglanzpunk, der in London für Fotos zur Verfügung stand, gab es in Wien laut Blumentopf nie.
Politik steht vor Musik
Zwar gab es auch in Wien Punkbands wie "Pöbel" oder "Chuzpe", doch in erster Linie war diese Subkulturgruppe stets politisch geprägt. Irokesenschnitt und zerrissene Kleidung waren und sind ein sichtbarer Protest gegen Ausbeutungen des Systems, doch aggressive No-Future-Punks hat Blumentopf selten kennengelernt. "Vor einem Punk muss man sich nicht fürchten. Fürchten muss man sich vor schwarzen Anzügen", findet Mike klare Worte.
Einige Wegbeleiter aus den Achtzigern fanden sich jedoch sehr wohl in schwarzen Anzügen und Eigentumswohnungen wieder, doch der Großteil der ehemaligen Hausbesetzer ist schlicht und einfach verschwunden. "Ich kenne niemanden von damals mehr. Die Meisten rutschten in die Drogenszene ab und sind schon tot." Einen Grund für den Zerfall der Wiener Punkszene der ersten Stunde sieht Mike Blumentopf in der fehlenden Bereitschaft, sich ein wenig anzupassen. "Auch in einem anarchistischen System gibt es eine gewisse Hierachie. Man kann natürlich alle Spielregeln brechen, aber dann macht das Spiel keinen Spaß mehr!" Und Spaß hat der Künstler nach wie vor. Vor allem an der Reaktion seiner Mitmenschen. "Unlängst hat mich ein Mistkübler auf der Straße gefragt: `Gibt´s Euch Punks noch?´ Nein. Ich bin ein Relikt."
Hintergrund
Mehr Geschichten über Leute der Stadt, die in den Achtzigern einer Subkulturgruppe angehört haben, finden Sie in unserer Serie Jugend ohne Kult.
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