26.07.2017, 20:00 Uhr

Harte Zeiten für freie Kulturvereine

Thomas Diesenreiter setzt sich als KUPF-Geschäftsführer für eine Erhöhung der Förderungen für die freie Kulturszene in Linz und OÖ ein. (Foto: Jürgen Grünwald)

Die Landesförderungen für zeitgenössische, regionale Kulturinitiativen gingen auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 2001 zurück. Thomas Diesenreiter, Geschäftsführer der Kulturplattform KUPF OÖ im Interview über Kooperationsbereitschaft, gerechte Verteilung und weiche Standortfaktoren.

StadtRundschau: Wie groß ist die freie Szene in Linz?
In Linz hat die KUPF rund 50 Mitglieder und einen sehr hohen Deckungsgrad. Die Zahl der freien Initiativen wächst ständig. Anfang der 2000er-Jahre hatten wir 100 Mitglieder in ganz Oberösterreich, heute sind es bereits 150. Die freie Szene dabei bedient ein extrem breites Feld – vom Musikfestival bis zur Nischenkunst. Diese breite Vielfalt ist das Reizvolle.

Linz hat das Musiktheater, das Lentos, das Brucknerhaus, den Posthof und vieles mehr. Wozu braucht man da die freie Kulturszene überhaupt?
Thomas Diesenreiter: Kultur lebt von Diversität, von Abwechslung. Ein buntes Nebeneinander in der Kultur macht eine Stadt erst aus. Niemand kann sich eine Stadt ohne Kultur, ohne Ausstellungen oder Konzerte vorstellen. Die freie Szene spielt auch für große Häuser wie das Landestheater eine wichtige Rolle. Diese haben einen gewissen Erfolgsdruck und brauchen gut ausgebildetes Personal. Die freie Szene hat einen niederschwelligen Zugang. Hier können sich Nachwuchtstalente austoben und ausleben. Immerhin organisieren diese Initiativen in Oberösterreich 4.000 bis 5.000 Veranstaltungen im Jahr mit mehr als 350.000 Besuchern.

Inwiefern trägt die Kultur zur wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt bei?
Es ist kein Wunder, dass in Linz die Kreativwirtschaft so stark ist. Die freie Szene ist der Humus, auf dem kreatives Potenzial wächst. Für die Wirtschaft ist die Kultur ein wichtiger, sogenannter weicher Standortfaktor. Damit Firmen gut ausgebildete Mitarbeiter nach Linz locken können, ist eine bunte Vielfalt in der Kulturszene besonders wichtig. Die meisten Mitarbeiter sitzen abends eben nicht nur im Musiktheater, sondern im Café Strom oder in der KAPU. Die Wirtschaft steht der freien Szene daher meist sehr positiv gegenüber.

Das Kulturbudget des Landes OÖ ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Wie sieht es bei den Förderungen für die freie Szene aus?
Im Vorjahr lag das gesamte Kulturbudget über dem Voranschlag. Es wurde also mehr ausgegeben als geplant. Für die einzelnen Bereiche sieht es jedoch sehr unterschiedlich aus. Während öffentliche Institutionen und große Häuser wie das Musikschulwerk, die Landesmuseen oder die Landesausstellungen klar über dem Voranschlag lagen, gingen die Förderungen für zeitgenössische, regionale Kulturinitiativen auf den niedrigsten Stand seit 2001 zurück. Das zeigt der aktuelle Rechnungsabschluss des Landes. Die freie Szene erhielt um 10 Prozent weniger Förderungen, weil die sogenannte Kreditsperre nicht aufgehoben wurde.

Wie hoch sind die Förderungen für die freie Szene überhaupt?
2016 betrug das gesamte Kulturbudget rund 196,56 Millionen Euro. 90 Prozent davon gehen an die großen, öffentlichen Einrichtungen. Den Rest teilen sich die Zeitkultur, die Volkskultur und die Kirchen. Die freien Kulturinitiativen haben im Vorjahr 2,14 Millionen Euro erhalten. Das entspricht 1,1 Prozent des Gesamtbudgets. Rechnet man die Inflation mit ein, ergibt sich für den Zeitraum von 2001 bis 2016 ein realer Werteverlust der Förderungen von 37 Prozent.

Im Gegensatz zum Förderrückgang im Land hat der Bund eine Erhöhung der Kulturinitiativen von 10 Prozent angekündigt.
Die Jury, die über die Vergabe entscheidet, wird sich dazu aber die Entwicklung in den einzelnen Bundesländern sehr genau anschauen. In Österreich wird die Kultur vom Bund, von den Ländern und den Gemeinden gefördert. Alle drei orientieren sich an den jeweils anderen. Bekommt eine freie Initiative also weniger Geld von Land und Gemeinde, sieht es meist auch mit den Förderungen vom Bund schlechter aus. Besonders wichtig ist daher, dass Oberösterreich in den nächsten Monaten Bereitschaft signalisiert, die freie Szene verstärkt zu fördern – dann ist auch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein größerer Teil des Geldes vom Bund nach Oberösterreich geht. Wenn wir dann auch noch die Kommunen dazu bekommen könnten, sich verstärkt einzusetzen, hätten wir zumindest den Inflationsverlust ein Stück weit eingeholt.

Gab es schon Gespräch zwischen der freien Kulturszene und dem neuen Landeshauptmann Thomas Stelzer, der ja auch für die Kulturagenden verantwortlich zeichnet?
Es gab am Montag ein erstes Treffen. Die Gesprächsbasis war sehr gut. In vielen Punkten konnten wir eine Übereinkunft erzielen. Er anerkennt auch die Rolle der freien Zeitkultur für das Land Oberösterreich. Unterschiedliche Ansichten haben wir, wenig überraschend, beim Budget. Der allgemeine Spardruck schließt laut Stelzer Budgeterhöhungen für die freie Szene aus, Idealfall wäre der Einhaltung des Status Quo. Damit können wir natürlich nicht zufrieden sein und setzen uns weiter für eine Erhöhung des Budgets ein. Allerdings gibt es die Bereitschaft, sich die Sache mit der 10-Prozent-Erhöhung des Bundes noch einmal anzusehen und das zu prüfen – das werte ich vorsichtig positiv. Spannend wird es im Herbst, wenn das Budget für 2018 verhandelt wird.

Wie wirken sich die Förderkürzungen derzeit auf die einzelnen Initiativen aus?
Ein großes Problem ist, dass die Förderungen für größere Häuser der freien Szene für heuer noch weder zugesagt noch überwiesen wurden. Das stellt manche Vereine bereits vor Schwierigkeiten. Viele der Initiativen sind ohnehin verschuldet. Bei Vereinen herrscht außerdem Privathaftung. Die Gründer gehen also ein großes Risiko ein, vor allem im Veranstaltungsbereich. Wenn es ein Festival verregnet, stehen sie plötzlich vor einem riesigen Schuldenberg, den sie jahrelang abarbeiten müssen. Eine weitere Kürzung der Förderungen hat also ganz reale Auswirkungen ...

... auch auf die Beschäftigten?
Die freie Szene ist ein extrem prekärer Bereich. Generell muss man sagen, dass Künstler und Mitglieder der freien Szene, was Bezahlung und Lebensumstände angeht, auf unterstem Niveau sind. Viele in der freien Szene sind teilzeitbeschäftigt, mit vielen unbezahlten Überstunden. Einige engagieren sich überhaupt ehrenamtlich, während sie nebenbei selbstständig sind, etwa in der Kreativwirtschaft. Es gibt eine Studie vom Bundesministerium zur sozialen Lage der Künstler, die gezeigt hat, dass rund 40 Prozent von ihnen armutsgefährdet sind. Die Menschen, die sich trotzdem in der freien Szene engagieren, machen das aus Leidenschaft und weil die Arbeit sehr erfüllen ist, trotz der oft widrigen Rahmenbedingungen.
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