10.09.2016, 18:56 Uhr

Sunnseitn-Gespräche 2016: "Schöne Orte, erhalten und erschaffen"

"Schöne Orte, erhalten und erschaffen" war das Thema der 13. Sunnseitn-Gespräche mit Diskussion im TUK in Haslach.

BEZIRK (anh). Bei den Sunnseitn-Gesprächen im letzten Jahr hatte sich alles um die Verschandelung Österreichs gedreht. ORF-Moderator Tarek Leitner hatte damals zu mehr "Mut zur Schönheit" aufgerufen und Ansätze aus seinem Buch präsentiert. Dies war gleichzeitig die Inspiration für die Kulturinitiative "Granitsplitter", einer Vereinigung aus diversen Kulturorganisationen, das Thema "Mut zur Schönheit" auch zum Jahresthema und gleichzeitigem Motto zahlreicher Veranstaltungen zu machen. Im Allgemeinen wurde bei den Sunnseitn-Gesprächen 2015 also versucht, die Ursachen für die Verschandelung Österreichs, für die Verbauung von Grünflächen, die Zersiedelung von Gebieten und eine nicht adäquate Baukultur herauszufinden. Heuer – bei den 13. Unterkagerer Sunnseitn Gesprächen im TUK in Haslach – sollte die Grundidee um eine Windung weitergedacht werden – unter dem Motto: "Schöne Orte, erhalten und erschaffen". Es ging also um konkrete Strategien, wie schöne Orte geschaffen und erhalten werden können. All dies erklärte Moderator Helmut Eder zu Beginn der Gespräche und stellte die Teilnehmer vor: Tarek Leitner (ORF-Moderator und Buchautor), Alexandra Föderl-Schmid (Chefredakteurin "Der Standard"), Josef Mathis (LandLuft) und Josef Schütz (Architekturbüro Arkade Haslach und Linz). Nach einem Musikstück von Gotthard Wagner auf der Geige und Rudi Lughofer auf dem Dudelsack startete Tarek Leitner mit einem Impuls-Referat:

Impulsreferat Leitner:

Tarke Leitner: Zu Beginn möchte ich erst einmal sagen, dass es mich freut, dass aus dem Grundgedanken "Mut zur Schönheit" eine ganze Veranstaltungsreihe geworden ist. Ich war erstaunt, als mich Helmut Eder angerufen hat und gefragt hat, ob er diesen Namen für ein Jahresthema nehmen darf. Meine Antwort: Natürlich, dieser Name ist ja nicht geschützt und darf und soll sogar weitergetragen werden.
Bei "Mut zur Schönheit" geht es nicht um einzelne Projekte oder Bauwerke, die entstehen und die bei uns vielleicht Bauchweh verursachen – nein, denn das sind nur Singularitäten. Es geht um eine grundsätzliche, ganzheitliche Beschäftigung unsererseits mit unserer Umgebung.
Wenn einzelne Projekte geplant werden, die nicht im Interesse einiger Menschen sind, so bilden sich oft schnell Bürgerinitiativen zur Verhinderung. Das Wort "Verhindern" per se ist schon negativ behaftet, zudem wird schnell vermutet, dass sich die betroffene Gruppe nur einen Vorteil durch die Verhinderung schaffen will, anstatt an die Vorteile für alle zu denken. Kleine Projekte werden dann auch schnell "heruntergespielt" und als Lächerlichkeit hingestellt, über die es sich sowieso nicht aufzuregen lohnt. Trotzdem kann die Summe vieler Projekte zu Veränderung führen. Ich zum Beispiel fahre alle paar Jahre ins Salzkammergut und jedes Mal stelle ich negative Veränderungen die Baukultur betreffend fest, die mich zur Frage bewegten: "Was tun wir hier?" Schon bei den letztjährigen Gesprächen kam die Grundthese bzw. -problematik auf, dass jede Gestaltungsentscheidung dem Wirtschaftsdenken unterworfen ist und Verantwortungsträger rein aus diesen Gesichtspunkten heraus Entscheidungen treffen. Jede Entscheidung ist aber auch ein Abbildung unserer gesellschaftlichen Verfasstheit. Diese Verfasstheit ist im Grunde etwas Unsichtbares, also nichts dass sich materiell manifestiert, aber es bildet sich ab in unserer Lebensumgebung und diese wirkt dann wieder auf uns zurück und macht etwas mit uns. Was machen wir also mit der Landschaft? Und was macht sie mit uns? Bzw. eben: Wo leben wir denn?

Das Paris-Syndrom
Was wir mit der Landschaft machen und was sie dann auch mit uns macht, wird oft als Luxus-Problem abgetan. Natürlich gibt es andere schwerwiegende Themen, wie zum Beispiel die Aushöhlung der Demokratie, die Bildungs- oder Budgetpolitik etc., aber alle damit einhergehenden Probleme und Zustände können – zwar mit Verzögerung und dementsprechendem Aufwand – im schlimmsten Fall wieder rückgängig bzw. geordnet werden. Im Falle der Verschandelung des Landes geht das aber nicht! Alles was wir in puncto Baukultur falsch machen ist quasi "in Stein gemeißelt", wirkt auf uns zurück und beeinflusst uns. In diesem Zusammenhang gibt es eine interessante These, die auch Paris-Syndrom genannt wird. Sie beruht eigentlich auf dem Stendhal-System, benannt nach dem französischen Schriftsteller Stendhal und seiner Reiseskizze von Florenz. Stenhal hatte sich vor Reisebeginn durch andere Dokumente und Aufzeichnungen schon eine mentale Stadlandschaft angeeignet, d.h. ein innerliches Bild, wie Florenz auszusehen habe ähnlich wie auch wir sofort Bilder im Kopf haben wenn wir an malerische Landschaften wie Toskana, Provence oder auch den Böhmerwald denken. Als er dann tatsächlich in Florenz war, überkam ihn aber ein Schauer – jedoch ein wohliger Schauer, nämlich vor Überwältigung, denn die Stadt war noch viel schöner, als er es sich vorher schon in seinem Kopf ausgemalt hatte.
Das Paris-Syndrom ist im Prinzip das Gleiche, nur umgedreht. Es wurde vor allem bei japanischen Touristen, die etwa nach Paris kommen, beobachtet. Auch sie haben eine gewisse Vorstellung von der Stadt der Liebe, doch zuerst werden sie einmal mit dem Flughafen, sterilen Durchgangsräumen, die ausschließlich für den Transit gedacht sind, konfrontiert, durchfahren dann Industrie- und Gewerbegebiete und kommen erst nach Stunden vielleicht einmal an einen Platz, an dem es annähernd so aussieht wie auf dem Bild, das sie sich von Paris innerlich schon zurecht gezimmert hatten.

Uns selber bestrafen
So geht es wahrscheinlich jedem von uns. Wir stellen uns zum Beispiel auch das Salzkammergut in einer bestimmten Art und Weise vor, obwohl es beim genauen Hinsehen ganz anders aussieht. Das tun wir übrigens immer seltener: genau hinsehen, denn meistens konsumieren wir medial anstatt real. Auch bei uns macht sich dann die Enttäuschung breit. Ginge es nach unserer Logik der Gesellschaft, so müssten wir uns dann selber bestrafen. Wie ist das gemeint? Wie zum Beispiel bei den Zigaretten-Schachteln mit den Schockbildchen. Wir müssen uns quasi die Realität besonders krass vor Augen führen, denn erst dann scheint sie uns, richtig kommuniziert zu sein. Ginge es nach dieser Logik, so müssten wir auch im Falle von Landschaften und Städten diese mit echten Bildern bewerben, um zu sehen "wie schiach sie wirklich sind." Das wäre aber absurd. Besser ist der Ansatz, etwas dafür zu tun, damit es nicht irgendwann keine Auswahl mehr gibt und man zu "schiachen" Bildern greifen muss – ob man will oder nicht.

Die Intensität als Problem
Das Problem unserer Zeit ist die Intensität, mit der gearbeitet und verändert wird. Nehmen Sie zum Beispiel zwei Zeitpunkte in der Geschichte, zum Beispiel 1800 und 1950. Von 1800 gibt es zum Beispiel einen Stich oder einen Eintrag in einem Geschichtsbuch, von 1950 eine Schwarz-Weiß-Fotografie. Zwischen beiden Aufnahmen bzw. Einträgen liegen 150 Jahre, trotzdem hat sich die abgebildete Landschaft wahrscheinlich nicht großartig verändert. Das Medium hat sich verändert ja, vom Stich zur Fotografie, und bei dem späteren Bild ist vielleicht ein Gebäude mehr zu sehen und vielleicht ein Traktor statt dem Ochsen vor dem Gespann, das war es aber dann auch schon. Nimmt man jedoch etwa die Jahre 1990 und 2015 her und vergleicht zwei Fotos eines Ortes, so scheint es, als hätte sich die ganze Welt verändert. Bei den ersteren zwei Zeitpunkten lagen jedoch die Industrielle Revolution, diverse technische Entwicklungen und zwei Weltkriege dazwischen. Nun gut, beim zweiten Beispiel könnte das Argument mit der Digitalisierung gebracht werden, die vieles verändert hat, aber gerade eine Entwicklung wie die Digitalisierung hätte die Landschaft eben eigentlich NICHT in der Intensität verändern sollen wie es trotzdem geschehen ist, denn mittels Digitalisierung sollte ja gerade auch das genauere Planen möglich sein. Was natürlich Einzug gehalten hat ist der globale Kapitalismus.

Rauschen ohne Grenze
Auch die organischen Entwicklungen im Siedlungsraum wurden völlig aufgelöst. Man kann das mit dem Beispiel der Jahresringe bei einem Baum sehr gut erklären. Bei ihnen erkennt man, wie die verschiedenen Jahre waren, wo es etwa trockener war, wo viel Wachstum stattgefunden hat, etc. In der Baukultur ist es ähnlich: Ausgangspunkt war immer ein Zentrum, etwa ein Platz mit kommunaler Funktion, der Kirchturm oder das Rathaus. Rund um dieses Zentrum entstanden die ersten Häuser in einem ersten Ring. Später kam vielleicht in einem zweiten eine Stadtmauer und wiederum später etwa der soziale Wohnbau und danach Einfamilienhäuser. Das erstaunliche ist jedoch, dass es beispielsweise keinen Siedlungsring für die 2000er-Jahre gibt, zumindest keinen erkenntlichen, weil die Siedlungstätigkeit ab diesem Zeitpunkt ins Unendliche gedriftet ist, wie ein Rauschen ohne Grenzen. Mit dem Begriff "Grenze" scheint unsere Gesellschaft generell ihre Probleme zu haben. Zwischen Stadt-Land, Grünland-Gewerbegebit oder Anfang-Ende scheint nicht mehr unterschieden zu werden, stattdessen wollen wir uns ständig alle Möglichkeiten offen lassen, nach dem Motto "Alles kann alles werden". Aus Grünland kann Gewerbegebiet werden, aus einer Wiese ein Einkaufszentrum. Jede "Lücke" muss bewirtschaftet werden. Das entspricht auch unserem Handeln in der virtuellen Welt. Auch hier will man jederzeit alles tun können. Dass wir dadurch aber unendlich viel Raum verbrauchen ist vielen nicht bewusst.

Begriff "Anthropozän"
Der Mensch will die Erdoberfläche zur Gänze bestimmen können. Hierfür gibt es den Begriff "Anthropozän", der wissenschaftlich derzeit untersucht wird. Er bedeutet nichts anderes als dass der Mensch – bedingt durch den technischen Fortschritt – die Möglichkeit hat, alle Grenzen die Erdoberfläche betreffend zu durchdringen und den ganzen Erdball ganz für sich zu beanspruchen. Früher wurde zum Beispiel in sumpfigen Gebieten einer Gemeinde nichts gebaut, dies wurde als Sumpfgebiet belassen, heutzutage ist nichts mehr unmöglich, auch dort kann gebaut werden. Im Alpenraum entstehen Funparks, um ein weiteres Beispiel zu nennen. 37 Prozent der Fläche Österreichs sind bereits Siedlungsraum. Es stellt sich die Frage, ob früher mehr auf die "Schönheit" geschaut wurde. Die Antwort lautet: Nicht nur. Es ist heutzutage einfach mit einem geringeren ökologischen Aufwand eine größere Kubatur herzustellen. Eine neue Halle aufzustellen ist für eine Firma heutzutage etwa viel einfacher als für einen Bauern vor 200 Jahren einen neuen Stadel zu errichten. Dementsprechend wurde damals länger überlegt, auch hinsichtlich Nützlichkeit.

Spitzenreiter im Raumverbrauch
Mit dieser Intenstität bezügl. Baukultur können wir nicht weitermachen. Ein paar Zahlen: In Österreich werden täglich 20 Hektar Fläche verbraucht oder in anderen Worten: es verschwinden täglich 0,5 Prozent der Agrarfläche. Das ist europaweit einmalig, hier sind wir Spitzenreiter! Und man kann tatsächlich von einem Flächenverbrauch sprechen, d.h. vom Verbrauchen, nicht vom Gebrauchen, denn wenn wir eine Fläche nicht mehr brauchen, so wird sie ja nicht wieder aufgegeben, im Gegenteil: meist kommt es zu Leerständen. Pro Kopf steht jeder Person in Österreich 15m Straßenlänge zur Verfügung, in Deutschland sind es zum Beispiel nur 8 pro Kopf. In Österreich kommen zudem auf jeden Bewohner 1,8 Quadratmeter Einkaufsfläche. In Italien ist es nur 1 Quadratmeter pro Kopf, in Frankreich 1,2. Zudem gibt es 130 MIllionen Quadratmeter Industriebrache, die nur in ganz kleinen Dosen wieder sinnvoll genutzt wird. Meist ist der Bau eines neuen Objektes für einen Bauherren einfach interessanter als einen alten Bau zu erneuern. In Oberösterreich gibt es zudem das größte leer stehende Einkaufszentrum und dennoch ist ein Anstieg an Verkaufsflächen zu beobachten. Die Frage, ob man zu einer 1-Hektar-Politik zurückkehren sollte, stellt sich gar nicht, wenn man Hochrechnungen wie die folgende anstellt: Wenn Österreich so weitermacht, mit dieser Intensität, dann wird in 400 Jahren das komplette Gebiet – bis auf den alpinen Bereich – verbaut sein. Wie kommen wir davon weg? – lautet die Frage. Dies kann nicht durch Alarmismus geschehen, d.h. dadurch dass man das Schlechte hervorhebt, sondern muss sich auf die Bewahrung des Guten, des Schönen, beziehen. Wir müssen uns bewusst darüber sein, dass ein Stück Schönheit verloren geht, wenn wir so weitermachen. Es muss in unserem Lebensgefühl verankert sein, dass es sich auszahlt, auf unsere Umgebung zu schauen und darauf, wie sie sich entwickelt. Eine schöne Zeit können wir schließlich nur in einer schönen Umgebung verbringen – und das ist letztendlich ja das, was wir alle wollen.

Referat Josef Schütz

Laut dem Architekten Josef Schütz fordere Baukultur Zeit, bestehe aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und brauche Verantwortung. Ein einschneidendes Erlebnis im Zusammenhang mit Baukultur war für ihn, als er nach Jahren fernab der Heimat wieder nach Haslach zurückgekehrt ist und am Bahnhof vorbeikam. Der Bahnhof in Haslach liegt an einer Stelle mit wenig Aussicht und wenig Sonne im Winter und er fragte sich, wie man in dieser aussichtslosen Gegend leben könne. Daraufhin bekam er folgende Antwort einer Bewohnerin: "Was nutzt die Aussicht wenn die Einsicht fehlt?". Wieder in Haslach angekommen, wurde er auch oft gefragt, wie man am Land Architekt sein könne? Dies kann er wohl nur belächeln, wagt man einen Blick auf seine bereits realisierten Projekte. Ein Vorzeige-Objekt ist das VonWiller Areal. Josef Schütz hat sich vor allem auf das Thema Ortskern-Belebung spezialisiert und pflegt eine enge Beziehung zu Haslach und auch dem Unterkagererhof. Bemühungen die Gemeinde an der Mühl zu beleben und auch den Unterkagererhof zu erhalten und mit Leben zu füllen, sind ihm daher ein großes Anliegen. Erst jüngst rückte das Adlerkino wieder in den Fokus und öffnete nun nach 25 Jahren erstmals wieder seine Pforten – dank einer freiwilligen Initiative. "Leerstehende Räume und Flächen brauchen Bürgerbeteiligung. Es ist der Mensch, der den Raum mit Leben füllt", sagt Schütz. Wichtig waren auch die Baukultur-Tage im letzten Jahr und mit Schulprojekten wird immer wieder verdeutlicht, dass Architektur auch verbindet – Jung und Alt, Tradition und Moderne. Treibende Kraft ist dabei Professor Clemens Andel vom BG/BRG Rohrbach.

Referat Josef Mathis

Josef Mathis von "LandLuft", dem Verein zur Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen, erklärte zunächst die verschiedenen Themenbereiche des Vereins. "LandLuft" organisiert etwa Themenstammtische, vergibt den Baukultur Gemeindepreis, führt ein Forschungsprojekt in Deutschland durch, welches 18 Initiativen oder Gemeinden im Prozess zur Baukultur-Gemeinde unterstützt, organisiert Ausstellungen und Workshops zum Thema Strategie für Gemeinden und es gibt auch eine Akademie. Für Mathis ist Baukultur der Prozess, in den die gebaute Umwelt hohe und höchste Qualität erreicht. Baukultur mache zudem jeder – vom Unternehmer bis zur Privatperson. Einer seiner Leitsätze ist folgender: "Wir ehren das Alte, begrüßen das Neue und bleiben uns und unserer Heimat treu." Wie Baukultur in der Praxis aussieht führte er dann anhand von Beispielen – Objekten und Bauwerken – aus Zwischenwasser, Ottensheim, Lauterach, Hopfgarten, Ybbsitz, Krumbach und Lustenau vor. Hier war auch unter anderem eine Aussichtsplattform aus Holz zu sehen, die inmitten eines Moores stand. Auch er kennt die Problematiken des "Donut-Effekts", wie er es nennt, d.h. die Tatsache, dass viele Gasthäuser und Geschäfte im Ortskern leerstehen und rund herum Gewerbegebiete entstehen.
Baukultur findet für ihn überall statt – auch wenn beispielsweise der Nachbar einen neuen Zaun aufstellt – und ist ein ständiger Prozess. Zudem sei Baukultur eine Querschnittsmaterie, die allerdings nur mit der Gemeinde machbar sei. Es ginge dabei um das Zusammenarbeiten, das Lernen von anderen. Baukultur sei demnach auch Bildungsarbeit. Feststellen konnte Mathis auch, dass der Erfolg oder Misserfolg von Baukultur oftmals von den handelnden Personen abhängt. Für Baukultur brauche es demnach zusammenfassend: den Bürgermeister als Ermöglicher, Aktivbürger/Beteiligte, ein entsprechendes soziales Klima, vernetztes Denken und Handeln und eine offene Gesprächskultur. Gelingen kann sie nur, in dem man den Begriff Baukultur klar definiere, eine Zieldefinition (Wo wollen wir hin?) aufstelle, der Gestaltungswille und die Bereitschaft für Fortbildung vorhanden sei, denn Baukultur sei auch etwas lebendiges, indem man stets auf dem neuesten Stand sein solle. Die wichtigsten Leitfragen sind dabei: Wer sind wir und wo wollen wir hin?

Gegen die Zersiedelung
In Hinblick auf das Thema Zersiedelung stellte er auch ein Abgrenzungssystem vor. In seinem Heimatort wurde eine rote Linie im Flächenwidmungsplan definiert, die als gewisse "Stop"-Taste fungiert, d.h. hier hin und nicht weiter. Laut Mathis wäre es wichtig, solche Grenzen zu setzen. Weitere Maßnahmen: Vertragsanordnungen, ein entsprechendes Leerstandsmanagement, Gemeindezukunftsfonds und Nachverdichtung.

Statement Alexandra Föderl-Schmid

Moderator Helmut Eder fragte Alexandra Föderl-Schmid, die in Haslach geboren wurde und in Klaffer aufwuchs, was für sie schöne Orte seien bzw. was ihre Schönheit ausmache und ob sie konkrete Beispiele aus der Region bringen könne. Zudem kam er auf folgendes, polarisierendes Zitat der Chefredaktion zu sprechen: "Die Politik trägt mit ihren Entscheidungen wie der hohen Pendlerpauschale zur Zersiedelung bei."

Alexandra Föderl Schmidt:
Tarek hat ja mal gesagt, für ihn sei Wien seine Heimat. Für mich ist es definitiv das Mühlviertel. Wien ist mein Zuhause, aber das Mühlviertel ist meine Heimat. Es ist wie ein inneres Koordinatensystem, diese Gegend hat mich so geprägt, dass ich mich auch in anderen Gegenden, die eine ähnlich strukturierte Landschaft aufweisen – hügelig und bewaldet – wohl fühle. Ich bin 1989 weggezogen, komme aber durch meine Familie oft hierher zurück. Ich denke auch, dass man manchmal von etwas weggehen und Abstand nehmen muss, um es wieder schärfer sehen zu können. Ich muss sagen, es hat sich viel verändert und jedes Mal wenn ich herauffahre, fallen mir viele schlimme Sachen auf. Aber ich möchte zuerst auf die Sache mit der Pendlerpauschale antworten. Ich bewundere ja die Geduld der Mühlviertler, jeden Tag nach Linz zu pendeln. Man muss ja teilweise schon um halb 5 aufstehen, um rechtzeitig anzukommen. Hier müsste die Politik entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, aber ich glaube auch, dass es ein Stück weit auch an einem selbst liegt. Ich kann mir schon vorstellen, dass sich viele bei meiner Aussage gedacht haben: "Ja, die red' sich leicht in der Stadt", aber Angebote müssen auch angenommen werden. Ich will damit sagen: Es gibt Initiativen wie "Rettet die Mühlkreisbahn", fragt man allerdings Menschen wie oft sie in letzter Zeit mit der Mühlkreisbahn gefahren sind, so lautet ihre Antwort meist "Schon lange nicht mehr". Meist wird auf den Bus ausgewichen, weil der schneller ist. Wenn man also Angebote schaffen will, so muss man sie auch nutzen.
Konkret zur Pendlerpauschale bzw. auch zur Wohnbauförderung möchte ich sagen: Eine Pauschale zu vergeben ist das einfachste Modell, auf das schnell zurückgegriffen wird, vielleicht gibt es aber auch noch andere Konzepte bzw. Lösungen. Vielleicht könnte man Fahrgemeinschaften mehr fördern. Ja, Menschen am Land fühlen sich durch das Pendeln oft benachteiligt, aber auch in der Stadt gibt es Problematiken, dort sind beispielsweise die Abstellplätze sehr teuer und hierfür gibt es keine Förderung oder Subvention.

Zentren veröden
Um zur Landschaft zurückzukehren: Seit 1989 hat sich ja vieles getan, es war fast wie eine Stunde Null für Österreich. Plötzlich rückte wir von einer Randlage in eine Mittelposition. Was mir jedes Mal negativ auffällt sind die vielen Einkaufszentren, die nach amerikanischem Vorbild vielerorts entstanden sind. 51 Prozent davon wurden in Österreich auf einer grünen Wiese gebaut. Zum Vergleich: In Deutschland wurden nur 17 Prozent auf einer grünen Wiese gebaut. Dann gibt es 2,8 Millionen Stellplätze in Österreich vor Einkaufszentren – auch weil das Gesetz es so vor sieht. Da müsste meiner Meinung nach auf politischer Ebene etwas geändert werden. Mit der Fläche sollen wir sorgsam umgehen. Zudem veröden die Ortszentren. Wir müssen die Infrastruktur aber aufrecht erhalten, denn man denke nur einmal an ältere Menschen, die zu Fuß einkaufen gehen müssen. Ist das Einkaufszentrum außerhalb des Ortes wird dies schon schwierig. Es sollte vom Staat mehr Förderungen für leerstehende Räume geben anstatt für Neubauten. Sehr schlimm finde ich auch das Wirtesterben. Gesellschaftliche Werte gehen dadurch verloren. Wo findet dann die Taufe, die Hochzeit, das Begräbnis statt?

Wo mir das Herz aufgeht
Wo mir jedoch das Herz aufgeht, wenn ich ins Mühlviertel komme ist, wenn man Richtung Aigen-Schlägl fährt und sich bei der letzten Kurve davor plötzlich dieses unglaubliche Panorama vor einem aufbaut. Die Ortschaft, dahinter der Böhmerwald. Oder auch die Ortschaft Katzing mit den schönen alten Bauernhöfen. Was ich als positives, internationales Beispiel auch bringen möchte ist Krumbach. Die Region schaffte es sogar in die New York Times, weil dort Wartehäuser von sieben internationalen Architekturbüros neu gestalten worden waren. Ich denke, dass wir generell mehr regional denke müssen und mehr zusammenarbeiten müssen und weg von diesem Kirchturmspitzendenken müssen.

Fragen an die Teilnehmer

Helmut Eder: Das eine Thema ist die Mühlkreisbahn, wo scheinbar nichts weitergeht. Das andere sind Ortszentren, die veröden und Gewerbegebiete, die weit draußen entstehen, ohne jegliches Gefühl für Ästhetik. Im Bezirk gibt es ein konkretes Beispiel, wo an einer unübersichtlichen, gefährlichen Kreuzung nun auch noch ein Neubau – ein Lagerhaus – hinkommen soll, fernab des Zentrums. Nun stellt sich die Frage: Haben wir denn aus den Fehlern nicht gelernt? Oder wie kann man so etwas verhindern?

Josef Mathis: Ja, das ist ein klassischer Fall, wie man es nicht tun sollte. Die Politik muss bei Bauten Verantwortung zeigen und es kann auch Initiativen geben, die sich mit der Politik kurz schließen. Wichtig ist, dass die Gemeinde weiß, wo sie hin will und sich diese Frage auch klar stellt. Was ich schon lernen durfte war, dass man etwas machen kann, wenn man es wirklich will. Wenn im Falle der Mühlkreisbahn nichts weitergeht, so sollte man sich eine Demonstration überlegen, direkt in Linz, vor den zuständigen Gremien.

Föderl-Schmid: Eine Blockade in Urfahr, d.h. die Zufahrt nach Linz zu blockieren, wäre ein Ansatz. Nein, aber es reicht eben nicht, zu sagen, dass dieses oder jenes nicht passt, sondern man muss die öffentlichen Verkehrsmittel erstens nutzen und zweitens müssen die Zubringerdienste besser organisiert werden. Es gibt Gemeinden, wo eben das Bussystem besser organisiert ist. Fakt ist, dass der öffentliche Verkehr ein Dreh- udn Angelpunkt für die Entwicklung eines Ortes oder Gebietes ist. Oft braucht es andere Ansätze, kreative Ideen, wie zum Beispiel Bürgerbusse oder Sammeltaxis.

Helmut Eder: Glaubst du, dass es im Wesen des Mühlviertlers liegt, dass er ein arbeitender Mensch ist, der nicht den Mut hat, etwas zu bewegen und sich lieber vieles gefallen lässt?

Föderl-Schmid: Ja! Die Mühlviertler sind ja bekannt dafür, dass sie ein sehr tüchtiges Volk sind, aber sie lassen sich dadurch auch zu viel gefallen. Der Bezirk Rohrbach hat ja die niedrigste Arbeitslosigkeit, das lese ich immer wieder. Natürlich auch, weil viele nach Linz pendeln.

Helmut Eder: Josef Schütz, du sprichst immer davon, dass Baukultur Zeit, Einsatz und Engagement brauche. Braucht die Mühlkreis-Bahn wirklich noch mehr Zeit?

Josef Schütz: Was die Infrastruktur betrifft, glaube ich dass bereits viel Potential in der Gegend herumfährt bzw. man könnte viel mehr aus dem machen, das es bereits gibt. Das Schulbus-System bei uns ist etwa gut ausgebaut und hätte noch mehr Potential, wenn mehr Menschen damit tatsächlich fahren würden. Auch andere Busse fahren in der Gegend herum, wie etwa Arcus-Busse. Auch diese könnte man für öffentliche Passagiere zugänglich machen. Dies wäre gleichzeitig ein Brückenschlag, denn auch die soziale Komponente wäre miteingebunden.

Tarek Leitner: Ich glaube, dass wir alle offensiver sein müssen und mehr fordern sollen. Zudem ist dieses Alles-haben-Wollen und Alles-sofort-Wollen eine zunehmende Problematik unserer Zeit. Um dem entgegen zu wirken müssen sinnvolle Schritte gesetzt werden. Auch die Idee mit der roten Linie, die an Plänen gezogen wird, wie es Josef Mathis kurz angeschnitten hat, finde ich eine gute Idee, um Grenzen zu ziehen. Über allem schwebt natürlich noch immer die Machtfrage, d.h. der Stärkere gewinnt. Gesetz werden dadurch aufgeweicht und es werden Projekte werden einfach realisiert, weil dahinter gewisse Interessen stehen. Auch hier sollte man nicht locker lassen. Wichtig ist auch, dass ein Umdenken stattfinden muss. Es geht nicht um das Entstehen von Dingen. Oft sagen Bürgermeister etwa: dieses und jenes Bauwerk wurde in dieser und jener Zeit geschaffen. Oft wäre aber besser zu betonen, was alles verhindert werden konnte, wovor man die Bevölkerung geschützt hat. Und auch unser Streben nach Größe, nach dem Sich-Ausbreiten-Wollen sollten wir überdenken. 2008 hatten die Einreichpläne eines durchschnittlichen Einfamilienhauses etwa eine Bruttonutzfläche von 250 Quadratmeter, 2012 waren es schon fast 300.

Josef Mathis: Zur Machtfrage und aufgrund meiner Position als Bürgermeister möchte ich noch sagen, dass Bürgern oft mehr zumutbar ist, als man denkt. In meiner Gemeinde wurde etwa eine Tempo-30-Zone errichtet. Meiner Partei hat das massive Stimmenverluste gekostet, ich als Bürgermeister bin aber wiedergewählt worden. Ich hab mir daher angewohnt, die Wahlergebnisse auf Gemeindeebene nicht mehr ganz so eng zu sehen.

Fragen aus dem Publikum

Frage 1: Herr Tarek Leitner, was bedeutet Schönheit denn für Sie?
Tarek Leitner: Was Schönheit für mich persönlich bedeutet, da könnten wir ganze Abende mit Inhalten füllen, aber um das geht es hier nicht. Um was es bei dem Begriff "Schönheit" im Zusammenhang mit Baukultur geht ist das SIch-Wohlfühlen. Es geht nicht um irgendwelche Architekturkriterien, da hab ich auch gar nicht das Hintergrundwissen dazu, sondern um das Gefühl, das in einer bestimmten Umgebung aufkommt. Das muss passen. Und es geht darum, den Leuten zu vermitteln, dass gerade diese Schönheit eben verloren gehen kann.

Frage 2: Was ich mich frage ist, warum im Zusammenhang mit der Mühlkreisbahn immer nur der Begriff "Eisenbahn" fällt. Kann man dieses Konzept denn nicht auch erneuern, warum gibt es etwa keinen Forschungsauftrag für die Mühlkreisbahn? Und zweitens: Hier ist immer nur die Rede von den Arbeitskräften, die pendeln. Kann nicht auch die Arbeit pendeln?

Alexandra Föderl-Schmid: Mit der Digitalisierung müsste es eigentlich egal sein, wo die Arbeit verrichtet wird, das stimmt. Ich denke aber, dass hier vieles auch erst kommen wird, dass vieles in der Entwicklung steckt. Auch die Verkehrsmodelle sind in Bewegung. Ich denke hier etwa auch an Car-Sharing-Modelle, die derzeit immer populärer werden.

Statement aus dem Publikum: Für mich ist Bodenversiegelung auch gleich zu setzen mit Demoralisierung, denn es nimmt uns die Räume für Inspiration. Die Welt wird zu einer "geschlossenen Anstalt". Man sieht das schon in anderen Ländern, wir flüchten in andere, virtuelle Welten. Es gibt ja in Japan schon Menschen, die nicht mehr aus ihren Häusern gehen. Es geht also beim Thema Verbauung nicht nur um die Ästhetik, sondern das Ganze hat auch einen psychologischen Hintergrund. Zur Mühlkreisbahn möchte ich noch sagen: Leider wurde uns durch die Eisenbahnbrücke der einzige Schienen-Zugang hinüber nach Linz genommen. Ich hoffe daher – und kämpfe auch dafür –, dass die neue Brücke wenigstens Schienen bekommt, sodass im Falle des Falles dieser Zugang möglich werden kann. Am ersten Oktober gibt es übrigens eine musikalische Schienenwanderung in Urfahr für alle Interessierten.

Statement aus dem Publikum:
Was ich schlimm finde ist, dass gerade bei Bauernhöfen die Obstgärten verschwinden und alles größer wird. Die Bauernhöfe haben heutzutage Zufahrten, die sie eigentlich gar nicht brauchen würden und dafür fehlt die Grünfläche. Für mich gehört zu einem lebendigen, schönen Bauernhof auch ein Obstgarten dazu.

Frage 3: In unserer Straße in Haslach gibt es etwa 15 Häuser und alleine drei davon stehen leer. Das ist so viel Platz und weiter draußen wird neu gebaut. Wieso ist das so? Wie kann man das wieder beleben?

Josef Mathis: Was es braucht sind einmal die richtigen Rahmenbedingungen, Altbausanierungen, Wohbaummittel etc. Aber auch der Gestaltungswille muss da sein, die Gemeinde trägt hierbei eine gewisse Verantwortung. Aber ein Patentrezept gibt es leider nicht.

Josef Schütz: Zwei Dinge: Denkmalschutz und Vollwärmeschutz. Man fragt sich, welches ist das größere Problem? In puncto Denkmalschutz ist oft eine Veränderung möglich, beim Vollwärmeschutz kommt man oft einfach nicht nach. Hier wird oft viel falsch gestaltet.

Statement aus dem Publikum: Ich wäre ja für die Abschaffung der Schulbusse oder zumindest dafür, dass sie nicht bis zur Garderobe fahren. Zum einen wäre der Schulweg für die Schüler wieder ein Erlebnis, der Schüler ist ruhiger und auch das Volksschul-Sterben würde eingebremst werden.

Tarek Leitner: Es stimmt, dass die Raumerfahrung für Kinder etwas ganz wichtiges ist, die nur förderlich sein kann.

Abschlussworte Tarek Leitner

Es ist wichtig, dass man Dinge nicht nur erhalten möchte, sondern es geht auch immer um die Weiterentwicklung. Nicht die Nostalgie darf die vorherschende Komponente sein, sondern Häuser, Räume, etc. müssen immer neu bespielt werden. Übrigens gibt es viele Möglichkeiten, über Heimat zu diskutieren. Die Form, in der wir es heute gemacht haben, finde ich wunderbar.
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