Fachtagung zeigt Probleme auf
Pflegende Angehörige tragen das Pflegesystem
- Im Gruppenbild v.L.n.R. Gernot Filipp, Hermann Hagleitner, Armin Mühlböck, Elke Schmiderer, Martin Nagl-Cupal und Christian Struber
- Foto: Hilfswerk Salzburg
- hochgeladen von Michael Kretz MSc
SALZBURG / PUCH: Pflegende Angehörige sind die größte Pflegekraft unseres Landes und doch werden sie oft übersehen, fasste Hilfswerk-Präsident Christian Struber die Stimmung bei der Fachtagung in der vergangenen Woche zusammen.
Rund 950.000 Menschen in Österreich übernehmen regelmäßig Pflegeaufgaben für Familienmitglieder oder nahestehende Personen, meist still, unbezahlt und zusätzlich zu Beruf und Familie.
Immer mehr Pflegebedürftige, immer weniger Helfer:innen
Wie Gernot Filipp von der Landesstatistik Salzburg erläuterte, steigt die Zahl der Pflegebedürftigen rapide. „2001 hatten wir in Salzburg rund 17.000 Pflegebedürftige, 2021 waren es bereits 26.000, Tendenz stark steigend.“ Gleichzeitig sinkt die Zahl potenzieller Pflegepersonen. „Weniger Kinder, mehr Einpersonenhaushalte und die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen bedeuten, dass Angehörige immer seltener verfügbar sind.“
„Die demografische Entwicklung ist keine Zukunftsfrage mehr – sie ist längst Realität“ so Gernot Filipp.
Wer pflegt tatsächlich – und unter welchen Bedingungen?
Eine aktuelle Studie von Armin Mühlböck im Auftrag des Hilfswerk Salzburg zeigt ein klares Bild. Drei Viertel der pflegenden Angehörigen sind Frauen, im Schnitt etwa 60 Jahre alt. Viele pflegen täglich, oft mehrmals am Tag zusätzlich zu Beruf, Kindern und Haushalt.
Die Belastung ist enorm. Drei von vier Befragten fühlen sich stark belastet, ein Drittel sogar sehr stark. Neben medizinischen Tätigkeiten stehen vor allem Alltagsaufgaben im Vordergrund, Kochen, Hausarbeit, Gesellschaft leisten.
„Dahinter steckt unglaublich viel Zeit, Energie und emotionale Stärke“, so Mühlböck.
Zwischen Optimismus und Überforderung
Trotz der Herausforderungen bleibt der Wille vieler ungebrochen. Viele Befragte sagen, sie könnten die Pflege auch längerfristig leisten, aber nur mit besserer Unterstützung.
Gewünscht werden vor allem mehr Entlastungsangebote wie Kurzzeitpflege, Tageszentren und eine bessere Vereinbarkeit mit dem Beruf.
Martin Nagl-Cupal von der Universität Wien erinnerte daran, dass Angehörige „der größte Pflegedienst der Nation“ seien und selbst ein hohes Risiko für Überlastung tragen.
Pflegende Angehörige brauchen starke Partner
Das Hilfswerk möchte seine Angebote weiter ausbauen, von Tageszentren über Kurzzeitpflege bis hin zu niederschwelliger Beratung. Aber auch die Politik ist gefordert, mit klarer finanzieller Absicherung und weniger Bürokratie“, so Christian Struber.
Pflegende Angehörige leisteten Unbezahlbares, sie verdienen Sichtbarkeit, Anerkennung und Entlastung", betont der Hilfswerk-Präsident.
Stimmen aus der Praxis
In der abschließenden Diskussionsrunde berichtete eine Zuhörerin von ihren Erfahrungen. Die Digitalisierung zeigt sich dabei nicht für alle als eine Hilfe, viele ältere Angehörige sind damit überfordert. Auch beim Thema Pflegegeld brauche es mehr Feingefühl. Oft schämen sich Betroffene und sagen, sie können Dinge noch selbst, obwohl es nicht mehr stimmt.
Zeit zu handeln
Die Fachtagung machte deutlich, Angehörige sind das Rückgrat der Pflege in Österreich. Ohne stärkere Unterstützung droht diese stille Pflegekraft, an ihre Grenzen zu stoßen.
„Die demografische Welle rollt – wir müssen jetzt handeln“, betont Gernot Filipp abschließend.
Aktuelle Nachrichten aus Salzburg auf
Du möchtest kommentieren?
Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.