Interview
"Wir haben zehn Jahre geredet, jetzt soll gebaut werden"

Wolfgang Hafner, Salzburgleitung-Projektleiter, im Gespräch mit Bezirksblätter Chefredakteurin Julia Hettegger.
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Enteignung, Zwangsrechtsverfahren, zu geringer Entschädigungssatz – wir haben den Projektleiter der 380-kV-Salzburgleitung gefragt, was dran ist, an diesen Anschuldigungen.

SALZBURG. Obwohl der Bau der 380-kV-Leitung durch Salzburg seit März in zweiter Instanz bewilligt wurde, geht "das Ringen" zwischen dem Projektbetreiber Austrian Power Grid (APG), Grundbesitzern und Erdkabel-Befürworter weiter. Wir haben mit Wolfgang Hafner, den Salzburgleitung-Projektleiter mit diversen Anschuldigungen konfrontiert.

Herr Hafner, auch nach der Bewilligung in zweiter Instanz haben Projektgegner aus Salzburg Revisionsanträge gestellt. Ist das ein Spiel auf Zeit?
WOLFGANG HAFNER:
Ja, aber wir werden die Entscheidung in dieser Sache nicht abwarten, sondern wie geplant zu bauen beginnen. Zumal das Bundesverwaltungsgericht vier Anträge auf aufschiebende Wirkung mit den Begründungen, dass die Leitung dringend notwendig ist, abgewiesen hat und alle Themen der Beschwerden schon im Genehmigungsverfahren allumfassend entkräftet worden sind.

Also sie starten dem Bau trotz Revisionsanträge. Was kann das im schlechtesten Fall für Sie bedeuten?
WOLFGANG HAFNER: Dass wir während des Baus stoppen, etwaige „Fehler“ ausbessern müssen und dann weiterbauen. Das ist aber ein kalkulierbares Risiko für uns, denn bei Stromleitungen im öffentlichen Interesse wurde Revisionsanträgen noch nie stattgegeben. Und die letzten Urteile des Bundesverwaltungsgerichts zeigen ja schon in diese Richtung.

Immer wieder hört man davon, dass die APG die Grundeigentümer enteignen will. Was sagen Sie dazu?
WOLFGANG HAFNER:
Die APG erwirbt keine Grundstücke. Wir streben den Abschluss einer privatrechtlichen Dienstbarkeit an. Das ist ein Servitut, also ein beschränktes, dingliches Nutzungsrechte, mit einem bestimmten Entschädigungssatz, der mit der Landwirtschaftskammer vereinbart wurde. Für 100 der insgesamt 128 Leitungskilometer haben wir die Unterschriften bereits. Erhalten wir diese nicht, leiten wir ein Behördenverfahren ein, um diese Zutrittsmöglichkeit auf Zeit zu erhalten.

Man hört, dass Grundbesitz über das Behördenverfahren zu höheren Entschädigungen kommen könnte?
WOLFGANG HAFNER:
Bei früheren Leitungsprojekten war der Betrag, der nach dem Zwangsrechtsverfahren gezahlt wurde nie höher. Wir gehen davon aus, dass das auch diesmal nicht anders sein wird. Der Grund war, dass die gerichtlich beeideten Sachverständigen z.B. bestimmte Zulagen die in der Rahmenvereinbarung mit der Landwirtschaftskammer vorgesehen sind, dann nicht mehr berechnet hat und nur das unbedingt notwendige Maß der Inanspruchnahme berücksichtigt wurde.

Setzen Sie sich auch mit den Grundeigentümern an einen Tisch und sprechen Sie mit Ihnen so wie mir gerade?
WOLFGANG HAFNER:
Das machen wir seit 2009. Die Ängste der Bürger, stützen sich oft auf Gerüchte und Halbwahrheiten. Dass die 380 kV-Freileitung gesundheitsschädigend oder nicht umweltverträglich sei, wurde in den 77 Monaten Verfahrensdauer widerlegt und vom Bundesverwaltungsgericht abgesegnet. Alles wurde von Medizinern und Experten untersucht.

Oder sie wehren sich, weil sie überzeugt sind, dass das Erdkabel die bessere Alternative wäre?
WOLFGANG HAFNER: Kabel und Freileitung sind nicht miteinander vergleichbar. Beides hat seine Berechtigung in spezifischen Anwendungsbereichen. Im Fall von Salzburg, wo wir große Leistung transportieren müssen und starke Schwankungen haben, ist die Freileitung die beste und sicherste Übertragungstechologie.

Aber seit der Beschluss zur Freileitung 2010 gefallen ist, hat sich die Technologie doch sicher weiterentwickelt?
WOLFGANG HAFNER: Kabel und Freileitung sind gleich alt, beides entwickelt sich ständig weiter. In Holland gibt es zwei Kabelprojekte die wir begleiten und wo geforscht wird. Dort sehen wir, dass 380-kV-Kabeln für kurze Strecken, etwa als Stadtanspeisung, geeignet sind. Aber auch hier ist der Aufwand, um den Betrieb sicherzustellen, enorm.

Was ist mit der Stadtanspeisung z.B. in Wien?
WOLFGANG HAFNER:
Die Stadtanspeisungen in Wien, Berlin, Madrid oder Mailand gibt es natürlich. Aber das sind kurze Kabel und nicht mit dem Zweck zu vergleichen, den die Salzburgleitung hat. Außerdem ist der Aufwand für die Stadtanspeisung in Wien enorm. Eines dieser 380 kV-Kabel wird sogar gekühlt, um die Leistung durchzubringen. Das wäre auf lange Distanz nicht tragbar.

Aber in Deutschland soll es verkabelte Gleichspannungsprojekte vom Norden bis in den Süden geben?
WOLFGANG HAFNER:
In Deutschland gibt es elf Versuchsanlagen für Erdkabel-Wechselstromleitungen. Eine geplante Leitung wurde bereits als Freileitung realisiert ein zweites Projekt soll ebenfalls als Freileitung gebaut werden. Es gibt in Deutschland noch keine einzige Erdkabel-Leitung im Regelbetrieb. Zudem sollen zwei lange Gleichstromverbindungen in einer Kabel-Variante umgesetzt werden, um große Mengen von Windstrom vom Norden in den Süden zu transportieren, eines davon ist das sogenannte Suedlink-Projekt. Aktuell ist dieses Projekt massiv in Verzug, da es massive Bürgerproteste gegen das Erdkabel gibt. Gründe dafür sind Befürchtungen der Landwirte, dass sich der Boden zu stark erwärmt und ihre Drainagesysteme zerstört werden.

Naja, man wird aber in jeder Technologie Vor- und Nachteile finden.
WOLFGANG HAFNER:
Es stimmt schlichtweg nicht, dass alles easy wäre, wenn wir ein Erdkabel verlegen würden. Wenn eine Freileitung ein Problem hat, können wir das in ein paar Tagen reparieren, alleine die Fehlersuche bei Erdkabel dauert mehrere Wochen. Wenn wir die Kapazität der Salzburgleitung als Kabel errichten würden, bräuchten wir zwölf Kabel, wobei jedes Kabel pro Meter 40 Kilogramm wiegt, mit einer Unzahl an Muffen als Verbindungen, die erfahrungsgemäß häufig Probleme machen. Statistisch gesehen, wäre diese Leitung nie in Vollbetrieb, weil immer eine Muffe ein Problem hätte.

Gut, aber verstehen Sie die Sorgen der Anrainer und Grundbesitzer einer künftigen 380 kV-Leitung wenigstens?
WOLFGANG HAFNER:
Wir haben Verständnis. Aber wir können die diesbezüglichen Bedenken entkräften. Die Leitung ist voll umweltverträglich, sonst hätten wir nie die Bewilligung dafür bekommen. Darüber hinaus muss man auch die Gesamtsituation in Betracht ziehen. Wir haben so siedlungsfern wie möglich geplant und es wird in Salzburg nach der Fertigstellung der Leitung aufgrund der dann sofort folgenden Demontagen von 220-kV-Leitungen und 110-kV-Leitungen 65 Leitungskilometer und 229 Masten weniger geben.

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Autor:

Julia Hettegger aus Salzburg

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