Betonie - Das vergessene Kraut
HEILZIEST. Märchen und Geschichten für Erwachsene, Kinder und Kind gebliebene - Teil 128

Seit einer Sonnwendkräuter-Wanderung mit Bernadette Schützenhofer geht mir der Heilziest nicht mehr aus dem Sinn. Er ist sogar erstmals im nahen Wald erblüht und ein gefundenes Fressen für Bienen Hummeln und Märchenautorinnen. Wenn eine Pflanze das Wort "HEIL" schon im Namen stehen hat, müsste sie große Wirkung haben, sollte man meinen. Aber... diese scheint ab dem 19. Jahrhundert irgendwie abhanden gekommen zu sein. Davor allerdings hatte der Heilziest schon bei den Römern einen großen Namen. Von ihnen ist überliefert, dass der Heilziest 47 Krankenheiten zu heilen vermag. Auch im Mittelalter galt er als hoch potenter Heiler. 1666 soll er noch in der Medicina Britannica als Heilmittel bei hartnäckigen Kopfschmerzen gepriesen worden sein. Überdies galt er als Appetitanregend, Blutdrucksenkend, Schmerzstillend, Wundheilend Beruhigend und Nerven stärkend, Entzündungshemmend und und und. Sogar bei Asthma, Husten und Durchfall soll er eingesetzt worden sein. Ja, angeblich soll er sogar gegen übermäßiges Schwitzen helfen. In Form von Tabak wurde er geraucht oder geschnupft. Schafen und Rindern, so geht die Sage, soll man bei Husten getrocknete Heilziestblätter mit Salz vermischt verfüttert haben. Ein Teeaufguss, so hab ich mal gehört, soll die Gesichtshaut straffen und als Färberpflanze ergibt Heilziest ein dunkles Gelb. Was die Heilziest Magie anbelangt, so soll er gerne in Amulette gesteckt worden sein, denn ihm wurde als Beschreikraut die Fähigkeit nachgesagt Flüche umzukehren. Bei Liebeskummer sollte er die Seele heilen und die Menschen allgemein beschützen. Unters Kopfkissen gelegt, sagte man ihm nach vor Albträumen schützen zu können. Ja, und in England wurde die Betonie auch zum Bierbrauen verwendet und unter dem Namen "Old Doctor Buttler's Head" verkauft. Ich hab mir sagen lassen, es soll auch heute noch einige Pubs in England geben, die diesen klingenden Namen tragen...  Jetzt aber zu meiner heutigen Geschichte... Ich wünsche euch einen schönen Maria Himmelfahrtstag morgen! Alles Liebe und viel Spaß beim Lesen!

"47 Krankheiten vermag er zu heilen!" priesen ihn die Römer. Im Mittelalter galt er als Allesheiler und magische Schutzpflanze. Er war einfach eine Besonderheit im Pflanzenreich. Aber das sagte ja schon der Name. Und der Heilziest liebte seinen Namen: Heil - heilen - Heil bringen... Pflanzenherz was willst du mehr... 

Aber dann kam ein anderer Menschenschlag auf die Erde. Immer wieder war da einer, der sich nicht mehr NUR damit zufrieden gab, über sein Land zu herrschen. NEIN! Er wollte König der WELT sein. Dazu brauchten diese Menschen viele Soldaten - und die trampelten mit ihren Stiefeln achtlos alle Kräuter und Pflanzen in den Staub. Mit ihren eigenartigen Schritten, die alle im gleichen Takt die Erde erbeben ließen und starren Blicken fegten sie über das Land, um bald Donner, Feuer, Tod und Angst nach sich zu ziehen. 

Doch es sollte noch schlimmer kommen, denn es kam einer, der den Namen Heilziest - sein geliebtes HEIL - in eine metallische harte Grußformel verwandelte. Und so schwangen im liebevollen "HEIL" plötzlich Angst, Druck, Macht und Kampf mit. Der Heilziest begann sich plötzlich für all das, was ihn all die Jahrtausende ausgemacht hatte zu schämen. Er zuckte ein jedes Mal, wenn die braunen Uniformträger ihr "HEIL" schmetterten, schmerzlich zusammen. Wurde klein, gekrümmt und. verschwand schließlich fast ganz von der Bildfläche. Stand doch dieses schreckliche "HEIL" so stark im Widerspruch zu seiner ursprünglichen Bedeutung. 

Mit jedem harten tritt der groben Stiefel wurde der Heilziest verbitterter. "Halte durch!" rauschte der Wind als er durch die Bäume strich. Es ist nur eine Prüfung die die Welt überstehen muss!" Aber da hatte sich der Heilziest schon in den Mantel des Vergessens gehüllt, um sich selbst und seine unzähligen Heileigenschaften von der Erde zu radieren. 

"Pfui! Opa! Was qualmst du denn da schon wieder!" Der kleine Pit schnupperte mit angeekelter Miene an Opas Pfeife. Der Großvater grinste. "Ach, das ist Tabak aus getrocknetem Heilziest. Das Rezept stammt noch vom Krieg. Damals haben wir so manche Pflanzen ausprobiert!" Opa lachte und ließ die Pfeife schief im Mundwinkel hängen. 

"Pfui Opa! Rauchen ist ungesund!" "Kommt immer drauf an was und wie oft", grinste Opa ungeniert. "Das hier ist nämlich Heilziest, der hilft bei 47 Krankheiten, das wussten schon die Römer... sogar den Blutdruck soll er senken und meiner ist ja eh so hoch!" Pit schüttelte den Kopf und suchte mit seinem Freund Paule, der gerade um die Ecke bog, das Weite. "Dieser Opa hat schon Schrullen!" Trotzdem liebte ihn der Kleine heiß und innig. "Weißt du was, Paule! Wir machen heute Matschverband und verkaufen ihn Nachbarin Nana als Medizin! Die jammert eh immer so wegen ihrem wehen Fuß!" Die zwei Lausbuben machten sich auf den Weg zur großen Wiese am Bach. Zuerst Pflückten sie die jungen Blätter der Großen Klette um den Matschverband zu befestigen. Außerdem hatte Opa ihnen vor kurzem erzählt, diese Blätter würden kühlend wirken. Dann suchten sie weiter - nach der Pflanze, die ihnen am besten gefallen würde. "Stop!" rief Paule. "Sieh mal, ist diese lila Pflanze nicht super schön! Ja, schau und wie die den Bienen und Hummeln schmeckt! Die olle Nana ist eh so ein Schleckermaul. Ich denke die Pflanze und sie passen perfekt zusammen!"  Gesagt getan pflückten die beiden Buben ein paar der Pflanzen samt Blüten, Blättern und Stängeln ab und zergatschten sie mit flachen Bachsteinen. Den Pflanzenmatsch geben sie in ein leeres Honigglas. "Nachbarin Nana! Nachbarin Nana! Guck mal was wir da für dich haben! Dürfen wir dir einen Verband anlegen? Kostet auch nur 50 Cent pro Nase!" Die alte Dame mochte die beiden Lausbuben gerne. Mit ihren Streichen hielten sie sie jung und auf Trab. Das war ihr auch immer wieder mal einen Euro wert. "Kommt her, ihr zwei Rabenbraten. Was habt ihr denn diesmal wieder für mich?" Die Buben taten ungemein wichtig, erklärten ihr warum sie gerade diese Pflanze ausgewählt hatten, und schmierten ihr auch schon den Gatsch aufs wehe Bein, dann noch schnell die Blätter der großen Klette drüber gewickelt und mit einer Zaunwindeschnur befestigt. "Voila! 10 Minuten oben lassen, dann geht's dir mit Sicherheit besser!"

Auch auf Nanas Veranda wuchs eines dieser kleinen Pflänzchen mit den lila Blüten. Klein und zart... es sah aus, als würde es schlafen... und das tat es innerlich ja auch... seit vielen vielen Jahren. Nicht einmal die Apotheker konnten sich mehr an seine Heileigenschaften - die einst so hoch gepriesenen Heileigenschaften des großen Heilziest - erinnern. Durch die Unbekümmertheit, die kindliche Freude und Leichtigkeit der beiden Lausbuben, war irgendetwas im Innersten der kleinen Pflanze passiert. Als hätte jemand den Schleier des Vergessen mit einem wilden Lachen weggezogen. "Wow!" Atmete der kleine Heilziest tief durch! So lebendig hab ich mich schon seit mehr als hundert Jahren nicht mehr gefühlt! Der kleine Heilziest reckte sich und streckte sich und mit jedem Atemzug kamen weitere Teile seiner Erinnerung zurück. "Schau Nana, schau nur! Das ist die Pflanze die wir in deine Matschmedizin getan haben!" rief Pit voller Freude. Heilziest... flüsterte Nana und ging um das uralte verstaubte Kräuterbuch ihrer Großmutter zu suchen... wenn sie sich nicht täuschte, müsste da noch irgendwas über dieses Kräutlein stehen....

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