22.03.2017, 08:30 Uhr

Telfer GR Güven Tekcan: "Keine Verbindung mit Erdogan"

Güven Tekcan im Mai 2014 mit dem damaligen Ministerpräsident Erdoğan: "Damals war er noch sehr Europa-nah." (Foto: Privat)

Güven Tekcan, türkischstämmiger Telfer und ÖVP-Gemeinderat, im Gespräch über Erdogans Wahlkampf.

Herr Tekcan, auf Facebook gibt es Fotos mit Ihnen und Politikern, darunter mit dem türkischen Präsident Erdogan. Was verbindet Sie mit ihm?
GR GÜVEN TEKCAN: In meiner Funktion als Gemeinderat hatte ich die Gelegenheit, viele Spitzenpolitiker zu treffen. Dies habe ich auch auf Facebook gepostet. Im Mai 2014 habe ich den damaligen Ministerpräsident Erdogan und den amerikanischen Botschafter in der Türkei, Herr Riccardone, getroffen. Ich habe auch Fotos mit BM Sebastian Kurz, dem damaligen Minister Michael Spindelegger und Österreichs Ex-Bundespräsident Fischer gepostet. Ich bin politisch interessiert und finde das ehrlich gesagt nicht unanständig. Mit Erdogan habe ich überhaupt keine Verbindung. Erdogan war damals sehr europanah, jetzt fährt er einen aggressiven Stil, das finde ich nicht richtig.

Wie sehen Sie die Vorgänge derzeit in der Türkei?
Die Stimmung in der Türkei ist derzeit sehr aufgeladen. Was mir aber fast noch mehr Sorge bereitet, ist, dass die Schere zwischen der Türkei und Europa immer weiter auseinander geht. Gerade in der Flüchtlingspolitik ist die Türkei als angrenzender Nachbarstaat ein wichtiger Ansprechpartner für uns in Europa. Der Dialog darf deshalb nicht abbrechen.

Erdogan will bei uns Wahlkampf betreiben, darf oder soll er das?
Ob er es rechtlich machen darf, kann ich nicht beurteilen. Ich nehme an, dass das in der Verfassung klar geregelt ist. Mich würde es aber freuen, wenn die in Österreich lebenden, türkischstämmigen Bürger sich mehr für die Politik in Österreich interessieren würden. Das würde auch die Integration deutlich erleichtern.

Es gibt Spitzel-Vorwürfe gegen den Verein ATIB. Was sagen Sie dazu?
Ich kann natürlich nicht für alle ATIB-Einrichtungen in Europa sprechen, aber zumindest für den Verein in Telfs, der kürzlich sein 30-jähriges Bestehen gefeiert hat, kann ich das zu hundert Prozent ausschließen.

Wird in der Telfer Moschee für Erdogan geworben?
Der Verein ATIB wird von vielen Volksgruppen besucht, die auch unterschiedliche politische Ansichten haben. Ich bin darüber hinaus ständig im Dialog mit dem Vorstand und habe auch klargestellt, dass es zu keiner Verpolitisierung kommen darf.

Hat es schon Vorfälle gegeben, dass in der Moschee Politik betrieben wird?
Das hat es noch nie gegeben, das ist strengstens verboten!

Inwieweit trägt der neue Imam (Vorbeter) in Telfs zu den Integrationsbemühungen bei?
Der neue Imam ist sehr bemüht. Erst vor kurzem haben wir mit Rosen das Altenwohnheim Telfs besucht.

Gibt es „türkische“ Telfer, die bei der Volksabstimmung in der Türkei wählen dürften?
Türkische Staatsbürger, die wahlberechtigt sind, haben die Möglichkeit, in den Konsulaten ihre Stimme abzugeben.

Würden Sie bei der Volksabstimmung für Erdogans Pläne mit "Ja" Stimmen?
Ich bin nicht wahlberechtigt, daher habe ich mir auch keine Gedanken gemacht.

Es gibt Türken, die sich nicht integrieren wollen. Ist das als Trotzreaktion zu verstehen, wegen der Haltung mancher "Ur-Einwohner"?
Ich sehe es nicht als Trotzreaktion, eher erschweren Bequemlichkeit und Solidarität unter der Türkischen Community die allgemeine Integration.

Sie sind in der Gemeinde Telfs auch Obmann im Ausschuss für Integration und Diversität. Was tun Sie, um die Gräben zwischen Migraten und „Einheimischen“ zuzuschütten?
Mit Veranstaltungen wie zuletzt dem „Zammkemmen“ versuchen wir ganz gezielt, gegenseitiges Misstrauen abzubauen und die Gesprächsbasis zu verbessern. Ich denke, dass wir in Telfs auf einem guten Weg sind, auch wenn ohne Frage noch viel zu tun bleibt.

Danke für das Gespräch!
(Interview: Georg Larcher)
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