Bezirk Tulln
Kassenärzte werden auch in unserem Bezirk dringend gesucht

Bundesrätin der SPÖ Doris Hahn und Vizebürgermeister von Zwentendorf Johann Horst Scheed klären über den Ärztemangel auf. | Foto: Angelika Grabler
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  • Bundesrätin der SPÖ Doris Hahn und Vizebürgermeister von Zwentendorf Johann Horst Scheed klären über den Ärztemangel auf.
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Im Bezirk Tulln werden Haus- und Fachärzte mit Kassenvertrag benötigt. SPÖ fordert, die Versorgung zu gewährleisten.

BEZIRK. „Dass mehr Ärzte benötigt werden, liegt daran, dass die Region immer weiter wächst. Auch die Lebenserwartung steigt und damit der Anteil älterer und kranker Menschen“, betonte SPÖ-Bezirksvorsitzende Bundesrätin Doris Hahn bei einem gemeinsamen Pressegespräch zur aktuellen Versorgungslage im niedergelassenen Bereich mit Gemeindeverwaltungsverband-Bezirksvorsitzenden Johann Horst Scheed.

„Der Bezirk Tulln ist zwar mit Wahlärzten gut versorgt, bei denen man für jede Behandlung bezahlen muss, bei den Kassenärzten sieht die Lage aber anders aus. Über 100 Wahlärzte stehen rund 80 KassenärztInnen gegenüber. Jeweils 2.054 EinwohnerInnen kommen auf eine/n AllgemeinmedizinerIn mit Kassenvertrag", erörtert Hahn. „Viele Ärzte sind an ihrem Limit angekommen. Sie würden gerne neue Patienten aufnehmen, können aber nicht, weil es keine Kapazitäten mehr gibt“,

so Gemeindeverwaltungsverband-Bezirksvorsitzender Scheed.

„Die Landeshauptfrau hat vor vier Jahren den NiederösterreicherInnen die Garantie dafür gegeben, dass auch in Zukunft alle Landarztpraxen besetzt sind, um die Menschen wohnortnah und kompetent zu versorgen“, erinnerte Hahn: „Die Realität ist leider eine andere. Die wachsende Bevölkerungszahl, die kommende Pensionierungswelle bei den Hausärzten und der fehlende Ausbildungsschub werden es notwendig machen, dass die Kassenstellen bei den AllgemeinmedizinerInnen aufgestockt werden.“ Immer wieder würden ÄrztInnen an die Bezirksvorsitzende herantreten und von ihren Sorgen und Herausforderungen berichten. Dadurch dass es zu wenige Ärzte mit Kassenvertrag gibt, müsse verstärktes Augenmerk auf die Arbeitsbelastung der MedizinerInnen und auf die Bedürfnisse der PatientInnen gelegt werden, meinte Hahn.

So funktioniert's

"Als wir uns 2019 um die Kassenstelle beworben haben, war die Diskussion um fehlende Hausärzte und fehlende Spitalsärzte auf einem Höhepunkt", so Nicole Edhofer vom Hausarztteam Gemeinschaftspraxis ETW Tulln. "Daher haben wir uns mit einem „neuen Modell“ beworben. Wir wollten zeigen, dass es möglich ist, in beiden Systemen tätig zu sein. Wir sind zu dritt „1 Hausarzt“ und im Krankenhaus angestellt. In der Coronazeit konnten wir zeigen, dass unser System funktioniert. Durch Flexibilität und Einsatz konnten wir die Ordination offen halten und trotzdem den Krankenhaustätigkeiten nachgehen."

Kinderärztemangel am größten

Auch in Bezirk Tulln, wurden Kassenstellen erfolglos ausgeschrieben, wie die Stelle eines Kinderarztes: "Diese wurde in 42 Ausschreibungsrunden ohne Erfolg angeboten“, so Hahn.

"Auch in der Stadtgemeinde Tulln ist der Kassenärztemangel ein Thema. Besonders akut ist der Bedarf an einem Kinderarzt/einer Kinderärztin, hier ist die zweite Planstelle seit geraumer Zeit unbesetzt. Seitens der Gemeinde haben wir aber keine direkte Handhabe und können die zuständigen Stellen – Gesundheitskassen und Ärztekammer – nur immer wieder auf die Situation hinweisen und Verbesserungen fordern, was wir auch regelmäßig tun. Zudem sind wir im Austausch mit lokalen Ärzten, um neue Lösungsmodelle zu finden“,

erklärt die Tullner ÖVP-Gesundheitsstadträtin Paula Maringer. 
Grundsätzlich ist die Gesundheitskasse dafür verantwortlich ihre Stellen auch zu besetzen. "Alle Parteien auf allen Ebenen sind sich einig, dass der Personalmangel im Gesundheitsbereich besonders spürbar ist. Deshalb hat Niederösterreich auf allen Ebenen Maßnahmen gesetzt – man hat sich erfolgreich dafür eingesetzt, die Studienplätze im Bund von 1.740 auf 2.000 zu erhöhen. Man hat die Medizinstudienplätze in Niederösterreich von 560 auf 750 erhöht. Man unterstützt angehende Medizinstudentinnen und -studenten bei der Aufnahmeprüfung. Und man bietet allen Studentinnen und Studenten mit dem blau-gelben Landarztstipendium eine eigene Förderung an, wenn sie sich im Anschluss an ihre Ausbildung für eine Tätigkeit in Niederösterreich verpflichten – dafür bekommen sie monatlich 923 Euro bis zu 48 Monate lang. Gleichzeitig muss aber auch festgehalten werden, dass der Bezirk Tulln medizinisch mit zwei Spitälern, 47 niedergelassenen Allgemeinmedizinern mit Kassenvertrag, 16 Apotheken und vielen Fachärzten grundsätzlich gut versorgt ist. Aktuell entsteht zusätzlich ein neues Primärversorgungszentrum beim Bahnhof Tullnerfeld, um das Angebot weiter auszubauen“, so Landtagsabgeordneter Bernhard Heinreichsberger.

„Die SPÖ NÖ arbeitet an Lösungen, die sie – so wie das KinderPROgramm und das PflegePROgramm – mit allen politischen Fraktionen diskutieren wird, um das bestmögliche Angebot für die PatientInnen herauszuholen. Wir alle brauchen die Sicherheit, dass sowohl die Vorsorge- und Routineuntersuchungen als auch die Akutversorgung gewährleistet sind! Dazu gehören etwa die Wiedereinführung des Gemeindearztes, Verbesserung des Facharztangebots durch beispielsweise PVZ, Gruppenpraxen oder Anstellung von Medizinern in bestehenden Praxen und im Rahmen der medizinischen Ausbildung könnten Studienplätze für Niederösterreich reserviert werden“,

hielt die Bundesrätin Hahn fest.

Hahn: Studienplätze für Niederösterreich reservieren

„Es zeigt sich, dass die Landarztgarantie der ÖVP wertlos ist. Als Lehrerin würde ich der Landeshauptfrau hier ein deutliches ‚Mitarbeitsminus‘ geben“, so Hahn, selbst Pädagogin in einer Mittelschule. „In vielen Gemeinden in diesem Bundesland und auch in unserem Bezirk wurden Kassenstellen erfolglos ausgeschrieben. Wie etwa die Stelle für eine/n KinderärztIn in unserem Bezirk: Diese wurde bisher in 42 Ausschreibungsrunden ohne Erfolg angeboten“, erklärte Hahn. So gelte es, auch im Bereich der Ausbildung die Hebel anzusetzen, sagte sie. Eine neue Bestimmung im Universitätsgesetz hätte es bereits für dieses Jahr ermöglicht, Studienplätze im öffentlichen Interesse zu reservieren. Einzig das Bundesheer hat dies gemacht – jedoch kein Bundesland. „Hier gilt es anzusetzen und ehestmöglich Studienplätze für Niederösterreich zu reservieren. Studierende könnten damit etwa dazu verpflichtet werden, für einen befristeten Zeitraum für eine öffentliche Institution, ein bestimmtes Bundesland oder als KassenärztIn zu arbeiten. Als Anreiz winken auch Erleichterungen beim Medizinaufnahmetest. Spätestens im nächsten Jahr sollte Niederösterreich die Chance nützen“, betonte die Bundesrätin.

Rechenbeispiele

Rechenbeispiel 1 - Urologe:

Im Bezirk gibt es 3 Urologen. Wenn man nur die Männer über 60 Jahre heranzieht, so kommen auf einen Urologen 4.504 Patienten über 60. Hätte dieser alle 365 Tage des Jahres geöffnet, müsste er täglich rund 15 Männer untersuchen. Rechnet man die Samstage, Sonn- und Feiertage weg und geht von Öffnungszeiten von Montag-Freitag aus, wären das 21 Männer täglich. Und dabei reden wir noch nicht von jener Altersgruppe zwischen 45 und 60, für die ebenso die Empfehlung ausgesprochen ist, einmal im Jahr zur Vorsorgeuntersuchung zu kommen.

Rechenbeispiel 2 – Frauenärzte:

Im Bezirk gibt es 5 FrauenärztInnen mit Kassenvertrag. Insgesamt gibt es im Bezirk Tulln 54.710 Frauen. Hätten die fünf FrauenärztInnen 365 Tage im Jahr geöffnet, müssten sie täglich 30 Frauen untersuchen. Rechnet man die Samstage, Sonn- und Feiertage weg und geht von Öffnungszeiten von Montag bis Freitag aus, wären das etwa 44 Frauen. Empfohlen sind ein bis zwei Vorsorgeuntersuchungen pro Jahr, ab 45 Jahren ist jährlich eine Mammografie empfohlen.

Selbiges Beispiel anhand der Fachärzte für Kinder- und Jugendheilkunde:

Im Bezirk gibt es 3 KinderärztInnen mit Kassenvertrag. Allerdings 13 WahlärztInnen in dieser Fachrichtung! Wenn wir jetzt nur Kinder und Jugendliche unter 15 Jahre heranziehen, so kommen auf diese Kinderärztinnen mit Kassenvertrag 5.266 Kinder und Jugendliche. Geht man davon aus, dass einmal im Jahr durchschnittlich jedes Kind einmal behandelt werden muss – was bei manchen öfter der Fall ist, beim anderen vielleicht gar nicht – und treffen wir die weitere Annahme diese ÄrztInnen hätten 365 Tage im Jahr geöffnet, müsste er/sie täglich 15 Kinder und Jugendliche behandeln. Rechnet man die Samstage, Sonn- und Feiertage weg und geht von Öffnungszeiten von Montag-Freitag aus, wären das etwa 21 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren täglich.

EinwohnerInnen des Bezirks Tulln:

Gesamt: 106.827 (52.117 Männer; 54.710 Frauen)
Unter 15: 11.790 (8.015 m; 7.782 w)
15 – 60 Jahre: 49.028 (30.589 m; 31.046 w)
60 Jahre und älter: 25.681 (13.513 m; 15.882 w) 
(Quelle: www.noel.gv.at)

Mediziner der wichtigsten Fachrichtungen im Bezirk Tulln:

Allgemeinmedizin: 52 mit Kassenvertrag; 45 ohne Kassenvertrag (+ 15 Vorsorge-ÄrztInnen)
Innere Medizin: 5 mit Kassenvertrag; 14 ohne Kassenvertrag (+ 9 Vorsorge-ÄrztInnen)
Augenheilkunde und Optometrie: 3 mit Kassenvertrag; 4 ohne Kassenvertrag
Radiologie: 4 mit Kassenvertrag; 1 ohne Kassenvertrag
Kinder- und Jugendheilkunde: 3 mit Kassenvertrag; 13 ohne Kassenvertrag
Frauenheilkunde und Geburtshilfe: 5 mit Kassenvertrag; 11 ohne Kassenvertrag
HNO: 2 mit Kassenvertrag; 6 ohne Kassenvertrag
Neurologie: 0 mit Kassenvertrag; 4 ohne Kassenvertrag
Lungenkrankheiten: 2 mit Kassenvertrag; 0 ohne Kassenvertrag 
Haut- und Geschlechtskrankheiten: 2 mit Kassenvertrag; 7 ohne Kassenvertrag
Urologie: 3 mit Kassenvertrag; 3 ohne Kassenvertrag
(Quelle: www.arztnoe.at)

Bundesrätin der SPÖ Doris Hahn und Vizebürgermeister von Zwentendorf Johann Horst Scheed klären über den Ärztemangel auf. | Foto: Angelika Grabler
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