Mythen-Check: Gesundheitsvorsorge auf dem Prüfstand

Petra Witzmann und Sonja Ebhart Pfeiffer. | Foto: Verband-Financial-Planners
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Trotz eines – im internationalen Vergleich – guten öffentlichen Gesundheitswesens in Österreich, war die steigende Nachfrage in der privaten Gesundheitsvorsorge bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie spürbar. Gründe sind vor allem die sinkende Zahl an Kassenärzten und lange Wartezeiten. Wie bei jedem Thema, das häufig in der öffentlichen Debatte steht, kursieren viele Gerüchte. Petra Witzmann und Sonja Ebhart-Pfeiffer, Finanzexpertinnen und Vorstandsmitglieder des Österreichischen Verbandes Financial Planners, überprüfen vier gängige Mythen auf ihren Wahrheitsgehalt.

Die Gesundheit als höchstes Gut ist angesichts der besonderen Umstände im vergangenen Jahr mehr als zeitgemäß. Der Österreichische Verband Financial Planners sieht das Thema Gesundheitsvorsorge als wesentlichen Baustein in der ganzheitlichen Finanzplanung. „Finanzplanung ist Lebensplanung. Wenn ein gesundheitliches Problem auftaucht, geht das sehr schnell ins Geld“, so Petra Witzmann, ehrenamtliches Vorstandsmitglied Leiterin des Private-Banking-Bereich der Waldviertler Sparkasse Bank AG. Zusammen mit Sonja Ebhart-Pfeiffer, Vorstandsmitglied und Senior Financial Consultant beim Finanzdienstleister FiNUM.Private Finance AG, greift sie vier Klischees zum Thema auf und verrät, was sich dahinter verbirgt.

Der Einstieg im Krankheitsfall ist früh genug: Falsch
Für Witzmann ist es verwunderlich, dass viele Personen ihr Haus und ihr Auto versichern, aber nicht an sich selbst denken. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Personen sich erst mit dem Thema beschäftigen, wenn es einen konkreten Anlassfall gibt, etwa im Falle einer plötzlichen chronischen Erkrankung, einem Krankheitsfall in der Familie oder einer Schwangerschaft“, sagt sie. Dann sei es aber häufig schon „zu spät“ sich noch schnell versichern zu wollen, da sich die Höhe der Prämie einer privaten Gesundheitsversicherung nicht nur nach dem Alter richtet, sondern auch nach dem aktuellen Gesundheitszustand. Auch Ebhart-Pfeiffer ist überzeugt, dass jene gewinnen, die so früh und so gesund wie möglich einsteigen: „Es gibt sehr interessante Einsteigertarife, bei denen man zwar noch nicht den vollen Versicherungsschutz genießt, aber jährlich die Möglichkeit eines Upgrades hat, ohne sich erneut einer Gesundheitsprüfung zu unterziehen. Bei einem Tarifwechsel ist normalerweise Letzteres notwendig und damit steigt auch das Risiko einer höheren Prämie.“ Was Witzmann zufolge viele nicht wissen, ist, dass ein Tarif der privaten Gesundheitsvorsorge nicht seitens des Versicherers gekündigt werden kann – was besonders wertvoll ist, falls beispielsweise eine chronische Krankheit diagnostiziert wird, die eine kostspielige Therapie erfordert.

Beitragszahlungen steigen durch das Niedrigzinsumfeld: Richtig
Ein weiterer häufiger Diskussionspunkt sind die steigenden Beitragszahlungen für Privatversicherungen. Ebhart-Pfeiffer erläutert: „Verbleibt jemand sein ganzes Leben lang im selben Tarif, ändert sich nichts an der Prämie und es erfolgen lediglich Anpassungen aufgrund der Inflation und des medizinischen Fortschritts.“ Wegen des anhaltenden Niedrigzinsumfeldes steigen allerdings für Neuabschlüsse ab 1. Juli 2021 die Prämien. Die Finanzberaterin empfiehlt also allen, die Interesse an einem Abschluss haben, dies vorher zu machen und günstige Einstiegstarife zu nutzen. Witzmann weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine Zusatzversicherung besonders im aktuellen Pandemie-Umfeld empfehlenswert ist, in dem etwa Operationen, die nicht lebensnotwendig sind, verschoben werden. „Viele Behandlungen sind zwar nicht überlebensnotwendig, aber bilden trotzdem eine Voraussetzung, um dem jeweiligen Beruf nachgehen zu können oder um ohne Schmerzen zu leben. Durch eine gute Vorsorge kann man der Krankheit nicht entkommen, aber zumindest besteht dann die Möglichkeit, sich so gut und so rasch wie möglich von Spezialisten mit den modernsten Methoden behandeln zu lassen“, ergänzt sie.

Nur Erwachsene sind zusatzversichert: Falsch
Einer der größten Irrtümer ist laut den Finanzexpertinnen, die beide auch Mütter sind, die Annahme, dass Gesundheitsvorsorge nur für erwachsene Personen Sinn macht. Ebhart-Pfeiffer erläutert: „Im Fachjargon spricht man von Baby-Zusatz. Ich würde allen Eltern ans Herz legen, ein Kind von Geburt an zu versichern, nicht erst ab Entlassung aus dem Krankenhaus. Damit wird eine Garantie geschaffen, dass das Baby zu einem normalen Tarif versichert werden kann, auch falls es mit einer chronischen Krankheit geboren wird. Ansonsten kann das sehr teuer oder gar unmöglich werden. Diese Option ist vor allem für angehende Mütter ab 35 Jahren, bei denen es bereits ein altersbedingtes Risiko gibt, empfehlenswert. Wichtig ist, dass man sich um diese Option bereits vor Eintritt der Schwangerschaft kümmert.“ Witzmann zufolge würde sich das bereits nur für die Basis-Impfungen, die für das Kind vorgesehen sind, sowie etwaige Medikamente oder Alternativmedizin, die vom Zahnen bis zum ersten Schnupfen benötigt werden, rentieren. „Mit 25 Euro pro Monat und Kind ist man hier schon gut dabei und es wird ermöglicht, im Falle des Falles Leistungen von ungefähr 2.500 Euro pro Jahr in Anspruch zu nehmen. Werden mehrere Kinder versichert, gibt es meist sogar einen Rabatt“, lässt die Finanzexpertin wissen. Was ihrer Erfahrung nach in aktuellen Zeiten besonders wertvoll ist: Eine private Krankenversicherung ermöglicht es auch im Lockdown, dass die Familie bei einer Geburt beisammen sein kann. In den ersten Tagen ist sogar ein Familienzimmer zulässig.

Fehlende Transparenz durch Angebotsüberschuss: Richtig
Eine der Hemmschwellen auf dem Weg zur Zusatzversicherung ist für viele Personen die Furcht vor der komplizierten Handhabung bei der Leistungsabwicklung. Die allermeisten Versicherungsanbieter wären Witzmann zufolge allerdings technologisch bereits gut aufgestellt – Zettelwirtschaft war gestern, heute erfolge die Abwicklung über mobile Apps. Ein noch größerer Schmerzpunkt sei der, teilweise unübersichtliche, Angebotsüberschuss. „Der Markt hat sich in den letzten Jahren enorm verbreitert und mittlerweile gibt es sehr viele Anbieter, die online mit günstigen Tarifen locken. Viele differenzieren jedoch in ihrem Leistungsumfang nicht wie üblich zwischen dem Ambulanz-, Stationär- und Zusatzbereich, was zulasten der Transparenz geht, und berücksichtigen individuelle Umstände des Versicherten nicht“, warnt Ebhart-Pfeiffer. Qualifizierte Finanzberater, die den Aspekt Gesundheitsvorsorge in einen gesamtheitlichen Finanzplan integrieren, wären an dieser Stelle daher besonders wertvoll. „Bei der Auswahl des passenden Beraters ist es empfehlenswert, sich an seinen Zertifizierungen wie etwa European Investment Practitioner EIP®, European Financial Advisor EFA® und Certified Financial Planner CFP® zu orientieren. Diese zeugen von Qualität, die bei einem so sensiblen Thema wie der eigenen Gesundheit umso wichtiger ist“, rät Witzmann abschließend.

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