Magischer Klang -
die neue Liebe zu Melodien und Rhythmen Alter Musik

01. René Clemencic, 91, in der Pause seines Konzertes in der Barnabitenkirche, 2019  | Foto: Cristina Silvano
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  • 01. René Clemencic, 91, in der Pause seines Konzertes in der Barnabitenkirche, 2019
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Alte Musik - was ist das eigentlich?  Ist man kein Musiker, könnte man vielleicht glauben, dies sei ein Musikgenre für ältere und vor allem konservative Semester. Womit man allerdings ziemlich falsch läge. Obwohl der Begriff  "Alte Musik"  die Musik sämtlicher Epochen von Antike bis zu Barock umfasst, war ihr etwa ab den 70ern beginnendes Hörbarwerden in europäischen Konzertsälen ein durchaus revolutionäres Unterfangen.

Als österreichische Pioniere der Wiedergabe Alter Musik möglichst im Originalklang, - am besten  auf historischen oder diesen nachgebauten Instrumenten - gelten besonders René Clemencic (1928-2022) und Nikolaus Harnoncourt (1929-2016).  Beide waren international berühmte Meister historischer Aufführungspraxis und beide berichteten über anfängliche Widerstände in ihren Konzertensembles gegen das Spielen mit Instrumenten historischer Bauart.  Damit war es jedoch nach den ersten Aufführungen vor begeisterten, oft beachtlich jungen Zuhörern rasch vorbei  (Abb.01)

In seinem Buch "Lebendige Alte Musik 1966 – 2005" hat René Clemencic die in diesen Jahren - im Rahmen des von ihm gegründeten MUSICA ANTIQUA-Zyklus der Gesellschaft der Musikfreunde - von ihm konzipierten und geleiteten 152 Konzerte mit Musik des 11. bis 18. Jahrhunderts wissenschaftlich und künstlerisch dokumentiert. In dieser, weltweit wohl ersten derartigen Konzertreihe, veranstaltet im Wiener Musikverein,  wurde somit eine fast vergessene abendländische Musik aus wenigstens acht Jahrhunderten so authentisch und lebendig wie möglich einem breiten Publikum präsentiert. Viele Werke wurden dabei unmittelbar aus alten Manuskripten übertragen und  somit erstmals in der heutigen Zeit zu Gehör gebracht. Als  Musikwissenschaftler, Dirigent, Komponist, Organist, Cembalist und Blockflötist. tätig, darf man René Clemencic ohne Zögern als Universalgenie bezeichnen.  Ließ er selbst in seinen Konzerten ein Instrument, z.B. eine seiner Flöten  erklingen, erreichte er damit mühelos nicht nur das Gehör, sondern auch die Herzen des Publikums. (Abb. 02 u. 03)

Musikalisch vielseitig tätig war auch Nikolaus Harnoncourt. Vor seiner Dirigentenkarriere Violgambist und von 1952 bis 1969 Cellist bei den Wiener Symphonikern, gründete er 1953 mit seiner Frau Alice Hoffelner das Ensemble für historische Instrumente Concentus Musicus in Wien . Dieses widmete sich der Aufführung von Stücken auf historischen Instrumenten. Harnoncourt nahm - beginnend mit der Gambenmusik von Henry Purcell  -  vor allem barockes Repertoire auf,  das er um Werke wie Claudio Monteverdis  "L’incoronazione di Poppea" oder  Jean-Philippe Rameaus  "Castor et Pollux"  erweiterte.

Kultstatus erreichte die 1978 an der Züricher Oper von Harnoncourt dirigierte und  von  Regisseur Jean-Pierre Ponnelle inszenierte erste Oper von Claudio Monteverdi ,  "L'Orfeo'".  Das edel-phantastische Bühnenbild Ponnelles lieferte dabei einen würdigen Hintergrund für Monteverdis wunderbare Musik. Die Aufnahme dieser legendären Aufführung ist  auf YouTube abrufbar (Abb. 04 u. 05).

Doch was ist  wirklich  das Besondere an der so genannten Alten Musik? So besonders, dass ihr  gar nicht so wenige Menschen regelrecht verfallen sind,  auch wenn sie Musik weder ausüben noch studiert haben,  und unbeschadet allfälliger Präferenzen für Barock-, Renaissance- oder gar Mittelaltermusik? Die Musik der Antike soll hier nicht unerwähnt bleiben, doch ist sie nicht in Noten, sondern nur in Abbildungen von Instrumenten und Textzitaten überliefert, was ihre Rekonstruktion schwieriger macht und womit sich bislang nur wenige Musiker*innen auseinandergesetzt haben. Eine beeindruckende Aufnahme hat allerdings der spanische Großmeister mittelalterlicher und Renaissancemusik,  Gregorio Paniagua,  mit seinem Ensemble "ATRIUM MUSICAE de Madrid"  bereits 1978 herausgebracht "MUSIQUE DE LA GRECE ANTIQUE" (Musik des antiken Griechenlands). Die so getreu als möglich an verfügbaren Quellen orientierte Einspielung lässt vermuten, dass in der antiken griechischen Musikwelt vor allem Klänge große Bedeutung hatten (Abb. 06)

Alte Musik, deren Wurzeln teilweise bis nach Asien und in den Orient reichen, ist jedenfalls kein EInheitsbrei. Die genannten Epochen unterscheiden sich deutlich in verwendeten Instrumenten und Tonalitäten, Ein- oder Mehrstimmigkeit,   und noch weiteren Merkmalen.  Doch es gibt, so hat es mir einmal ein angehender Musikpsychologe zu erklären versucht, einen gemeinsamen Nenner: Zumindest ab dem Mittelalter  verbindet sich in der Alten Musik  vielfach eine starke Melodik mit ebensolcher Rhythmik. Bestimmte Intervalle, Klänge und Rhythmen der Alten Musik wirken unmittelbar auf unseren Gemütszustand. Mit anderen Worten: Sie ist  imstande, in uns spontan und intensiv, befreiend und lösend, jedoch dennoch indivduell differenziert,  tiefe Gefühle freizusetzen. Das vermag  prinzipiell auch z.B. Rockmusik, nur, angesichts der Menschenmassen bei den meist Megaevents wesentlich kollektiver und unreflektierter, teilweise wohl auch eher als Stimmungsübertragung zu bezeichnen.   Besonders effektiv in der Alten Musik wirken Molltonalitäten in Verbindung mit starker Rhythmik. Sehr  gut lässt sich dies beobachten, wenn Publikum aller Altersstufen auf solche Passagen mit standing ovations reagiert. 

So auch bei einem der größten österreichischen Festivals für Alte Musik. Denn auch das Wiener Konzerthaus hat beizeiten das reiche Potential der europäischen Musikzeitalter zwischen Antike und Barock erkannt und veranstaltet seit 1993 alljährlich während der letzten 10 Jännertage die so genannten "Resonanzen" .  Ein wahres Fest der Alten Musik mit zahlreichen konzertbegleitenden Veranstaltungen wie Filmen, Instrumentenschau, und sogar einem kleinen 'Einsteigerkurs' für  Barocktanz.  Wobei eine frischgebackene Maturantin, die sich durch den Besuch des diesjährigen Festivals für das Bestehen ihrer Prüfung belohnte, den vorigen Absatz aufs Beste bestätigte: Mit glänzenden Augen und fast atemlos stieß die junge Dame nach einem der Konzerte aus "Das ist Gefühl pur!"  (Abb. 07)

Im großen Konzertkatalog der Resonanzen  des Jahres 2022 findet sich auf Seite 20 das Foto einer Metalltüre,  Es ist, wie aus dem zugehörigen Text hervorgeht, die Eingangstüre zu einem Lokal, das zum 30sten Geburtstag der Resonanzen freundlich-dankbare Erwähnung fand, da es in den Anfangsjahren des Festivals vom damaligen Organisationsteam oft und gerne als 'Club-Lounge genützt wurde, Das nicht von ungefähr.  Denn bereits ab seiner Gründung hat sich das "SANTO SPIRITO" nicht nur einer offenen und herzlichen Gastlichkeit, sondern ganz besonders der Alten Musik verschrieben, von der allabendlich ein reichhaltiges Repertoire als dezent-anregende  Begleitung zu gepflegter Kulinarik zu vernehmen ist. Womit des Lokal in Wien und möglicherweise in ganz Österreich Alleinstellungsmerkmal hat. Seinen Namen verdankt das SANTO SPIRITO dem "Cum Sancto Spiritu" im Gloria der H-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach (Abb. 08)

Zahlreiche Größen Alter Musik, von Jordi Savall bis Anna Netrebko weilten hier schon zu Gast. Unvergessen sei auch der Violgambist und Professor an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in WIen,  José Vazquez,  Der gebürtige Kubaner widmete sich außer seiner Lehrtätigkeit nicht nur mit Hingabe diversen Aufführungen und Einspielungen von Barockmusik, sondern ersteigerte nach und nach eine große Zahl historischer, enorm wertvoller Streichinstrumente aus dem 16. bis 18. Jhdt.  Und dies nicht, um sie im Tresor zu verschließen. Nach Vazquez Willen sollten junge Musiker*innen darauf spielen und so die kostbaren Instrumente fühlen und begreifen lernen. Dieser Wunsch  wurde auch zu seinem Vermächtnis, denn José Vazquez erlag 2021 70jährig einer Corona-Infektion. Nicht zuletzt in seinem Gedenken sind im "SANTO"  auch kleinere Auftritte meist junger Musiker gerne gehört und gesehen (Abb. 09 u. 10).   

Man muss sich allerdings, ob man nun von der Singer- oder Schulerstraße her kommt,  einige Meter weit in die schmale Kumpfgasse hineinbemühen, welche in RIchtung Ring auf die parallel zu ihr verlaufende Grünangergasse folgt. Bis zum Haus Nr.7, in dem sich das dank einiger Innenarchitekturakzente antik-pittoreske Souterrainlokal befindet. Ein lauschig-intimer Schanigarten vor dem Haus verspricht angenehme Kühle an heißen Tagen. Die durchaus appetitanregende Speisekarte mit südlichen Akzenten enthält viel Vegetarisches, einiges Veganes und für notorische 'Fleischtiger' ausschließlich Bio-Fleisch aus Österreich. Geöffnet ist täglich (kein Ruhetag) ab 17Uhr, warme Küche bis 23Uhr.  Auf der Theke liegt ein kleines Buch. "Glücksorte in Wien" ist sein Titel, denn nach solchen haben die Schwestern Jennifer und Rosemary Faulkner aus Wien gesucht und sie literarisch wie fotografisch vorgestellt. Eine Ehre, die auch dem SANTO SPIRITO mit seiner kunstvoll geschnitzten und vergoldeten, von Dompfarrer Toni Faber höchst persönlich eingeweihten  Schutztaube über dem Tresen zuteil geworden ist (Abb. 11 - 13) 

Am 25. April, so ist zu erfahren, wird hier ab 20h Besonderes zu hören sein. Marianna aus Danzig (Künstlername Mascha)  ist ein gerade einmal 16 Jahre junges musikalisches Ausnahmetalent.  Die bereits jetzt hochkarätige Violinvirtuosin besitzt nicht nur absolutes Gehör, sondern vermag Musik auch in Farbe zu sehen. Die junge Künstlerin spielt seit ihrem dritten Lebensjahr Geige, besucht in WIen das Musikgymnasium und studiert zusätzlich  in Graz.  Bernd Jaumann,  aus Deutschland gebürtiger Organisator der in Wien seit etlichen Jahren stattfindenden Festivals "Sichtweisen" und "Kulturperspektiven" mit jeweils hohem Anteil an Barockmusik,  hat hierzu eine bemerkenswerte Ansicht: "Wenn Alte Musik immer wieder von jungen Künstler*innen gespielt wird, dann altert sie  nicht, sondern bleibt lebendig und für immer jung."  (Abb. 14)

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