10.04.2016, 18:29 Uhr

Der "unechte" Deutschlandsberger klärt auf: Paul Pizzera im Interview

Vor seinem Auftritt in der Koralmhalle plauderte Paul Pizzera bei einer Jause in der Garderobe gemütlich mit der WOCHE.

Genau genommen kommt er aus dem LKH Deutschlandsberg, seine Erzählungen für die Bühne hat Paul Pizzera aber woanders her. Der Shootingstar des Kabaretts im Gespräch über seinen Hype und Stress, seinen Namen und die nächsten Pläne.

Hat es für Dich eine besondere Bedeutung in Deutschlandsberg aufzutreten?

Naja, eigentlich bin ich ja nur hier geboren, mehr nicht. Meine Mutter hat im LKH ihren Turnus gemacht und hat sich mit den Geburtenleuten so gut verstanden, dann hat sie gesagt, wenn sie ein Kind kriegt, dann im LKH Deutschlandsberg. Irgendwann haben sie dann alle geschrieben: „der Deutschlandsberger“. Es stimmt ja nicht nicht, aber aufgewachsen bin ich halt nicht da, sondern in Steinberg bei Hitzendorf und zur Schule bin ich immer in Graz gegangen. Vom Auftritt ist es hier ziemlich gleich. Lustig ist es, wenn hier die Leute immer fragen „Wo bistn du genau her von do?“. Dann muss ich immer diese Geschichte erzählen (lacht). Aufgewachsen bin ich ja nicht hier, ich hab hier keine Verwandten, ich bin wirklich nur hier geboren. Aber irgendwann haben sie alle geschrieben „der Deutschlandsberger“ und bevor ich sage „Nein, ich komm aber aus Hitzendorf“ - das ist ja voll peinlich (lacht). Nein, das passt schon so, sollen’s das Geburtshaus suchen. Ich bin dann auch nur hier in der Gegend wenn ich einen Auftritt habe oder zum Buschenschank geh.

Seit wann ist dein Auftritt in der Koralmhalle schon ausverkauft?
Ich glaub, als wir im September das letzte Mal hier waren, war der schon ausverkauft. Momentan ist das… ja keine Ahnung, irgendwann hat das so zum Schieben angefangen. Und wenn’s für etwas keine Karten gibt, dann wollen’s halt alle Karten. Keiner weiß warum, wenn wir’s wüssten, wären wir schon alle reich. Aber ich muss einfach dankbar sein, die Welle reiten, bis sie bricht.

War das in der Geschwindigkeit in deinem „Plan“ drinnen?
Das war wirklich Zufall. Es war ein bisserl so ein Schneeballprinzip. Am Anfang hab ich mir gedacht „probier mas holt amol“ und auf einmal ist das immer größer geworden. Keine Ahnung, ich versuch so wenig wie möglich darüber nachzudenken und das einfach so hinzunehmen, weil was anderes kannst eh net machen. So ist es halt und mit dem passt’s. Besser als umgekehrt.

Gibt es irgendetwas, das du an deinem Leben als Kabarettist hasst?
Ja klar, das ist wie bei jedem anderen Beruf. Wenn zum Beispiel irgendwas privates ist und es dir nicht gut geht, musst du auch am Abend umschalten und sagen „So, die Leut wollen an geilen Abend haben und des bist ihnen schuldig“. Es ist wie bei jedem anderen Beruf, wo du manchmal leichter hingehst und manchmal denkst du dir „Muss des heute sein?“. Aber du kriegst auch soviel zurück von den Leuten. Du machst anderen eine Freude und das gibt dir einfach was und das ist schön. Zu 90 Prozent macht’s auf alle Fälle Spaß. Aber durch die Menge an Auftritten und dadurch, dass ich mich bei jedem Auftritt voll verausgabe, ist es oft auch einfach anstrengend. Du fährst drei Stunden irgendwo hin, machst den Soundcheck, dann wartest du zwei Stunden deppat in einer Garderobe oder Umkleide. Es gibt halt auch solche Sachen. James Hetfield hat einmal gesagt: „90 Prozent des Rockstarlebens sind Warten“ (lacht). Da bin ich zwar weit entfernt, aber das Warten hab ich zumindest auch.

Betest du auf der Bühne eigentlich dein Programm von vorn bis hinten runter?
Dadurch, dass es schon so oft gespielt worden ist, brauch ich nicht mehr wirklich nachdenken, es kommt einfach raus. Aber es gibt dann halt so Sachen, wo du reagierst, wenn wer reinredet. Wie soll ich sagen, es ist schon so verinnerlicht, dass es einfach passiert. Du hast natürlich ab und zu Abweichungen, aber das große Fundament ist immer sehr ähnlich, das schon.

Aber manche Sachen, die dir beim Schreiben nicht einfallen und sich dann ergeben, nimmt du schon ins Programm auf.
Genau, wenn spontan was passiert auf der Bühne. Das ist natürlich auch praktisch. Und gewisse Sachen tauscht du dann halt mal aus. Dass du zum Beispiel ein Lied rausnimmst und ein neues rein, weil du dir einfach denkst „Na, des mag i echt nimma spüln“.

Würdest du dich eigentlich als klassischen Kabarettisten bezeichnen?
Natürlich versuch ich vor allem junge Leute anzusprechen. Weil das Problem ist oft, dass die Leute Kabarett als „aldfadrisch“ sehen. Ich würde mich jetzt nicht als den klassischen Kabarettisten bezeichnen, aber wenn ich mich mit einer Gitarre auf die Bühne stelle und lustige Lieder vertone, ist das sicherlich nix Neues. Das Radl hab ich sicher nicht neu erfunden. Aber ich glaube einfach, dass es viele junge Leute anspricht, weil einem 70-Jährigen werde ich nicht viel über sein Leben erzählen können, aber einem 25-Jährigen geht’s oft sehr gleich wie mir. Ich versuche, so authentisch wie möglich zu sein und erzähle einfach so, wie ich mein Leben sehe. Viel mehr ist es nicht. Eigentlich „watschenafoch“.

Dein Name klingt eigentlich wie ein perfekter Künstlername: er hat einen Stabreim und klingt nach einem Steirer mit italienischen Wurzeln.
Ja, vielleicht später einmal, wenn’s mit Kabarett nix mehr wird, dann sattele ich auf Schlager um (lacht). Da muss ich der Mama danken für den Namen. Es glauben eh viele, dass es ein Künstlername ist, aber das ist so geworden. Mein Urururgroßvater war Spanier, der hat Pizzaro geheißen, die sind dann nach Italien gegangen, da ist das „aro“ zu „era“ geworden. Der hat dann Pizzera geheißen, ist nach Voitsberg gegangen, hat dort eine Ziegelfabrik aufgemacht und in den kompletten Ruin getrieben. Das war’s von meinen Vorfahren (lacht).

Du hast einen Bachelor in Germanistik. Was wäre „Plan B“ gewesen - kann man ja mittlerweile bei dir sagen.

Zeitung hätte mir getaugt. Oder auch Werbetexter. Auf alle Fälle irgendwas Kreatives, also von 8 bis 5 vorm Kastl sitzen und „Es wurden 77 Euro auf Ihr Konto zurücküberwiesen“… puh, das würde ich glaub ich nicht lange durchhalten.

Als Künstler kann man so einen Beruf wahrscheinlich gar nicht ausüben.
Künstler ist so ein starkes Wort. Für so viele Leute, die nix können, muss das Wort Künstler herhalten. Ich hau mich auf die Bühne und sing lustige Lieder. Aber das Kreativ sein liegt mir im Blut, das auf alle Fälle.

Du wirst uns sicher nicht verraten, wie viel von deinen Texten und Erzählungen wahr ist und was erfunden.
Naja, fifty-fifty. Viel passiert natürlich, sonst kannst du das gar nicht schreiben, aber du übertreibst dann halt, damit die Leute lachen. Gerade wenn du am Land aufwächst, fällt dir sehr viel auf, wo du dir denkst: „Mhm. Ok“.

Das in der Stadt dann oft ganz anders ist.
Naja, in der Stadt gibt es genau so viele Dodln. Aber gerade das Landleben, weil ich in der Volksschule halt oft bei den Großeltern war, dieses alteingesessene „Kenn ma net, woll ma net, fang ma uns gar net an“ (lacht). Darüber kann ich einfach sehr viel lachen und das versuch ich dann humoristisch rüber zu bringen.

Muss man eigentlich ein bisserl selbstverliebt sein, damit man sich mit nacktem Oberkörper auf sein Programmheft druckt?
(lacht) Also ich hab bis jetzt noch keinen Menschen kennengelernt, der nicht selbstverliebt war. Aber ich glaube, das ist auch wichtig. Das hat eh Oscar Wilde gesagt: „Wenn man sich selber liebt, fängt man mit einer Leidenschaft an, die ein Leben lang hält.“ Ein cooler Satz. Nein, das war einfach eine Idee beim Shooting, da haben wir halt tausend Fotos gemacht und das hat dann irgendwie so einen coolen Touch gehabt. Ich hab mich da vorher zwei Monate nur von Ananas und Liegestützen ernährt, das mach ich nicht mehr.

Nur für das Shooting?
Ja… ja sicher. Aber… ja, ich bin schon eitel (lacht). Aber ich steh auch dazu, mein Gott, soll nix Schlimmeres passieren. Nein, auf alle Fälle selbstverliebt, aber warum man sich auf eine Bühne stellt, ist eigentlich, weil du nicht genug Liebe kriegst. Warum stellt man sich auf eine Bühne? „Schaut’s her, i bin guat. Bitte sogt’s ma, dass i guat bin.“ Das hat was mit Selbstdarstellung zu tun. Also ich kennen niemanden, der sich auf eine Bühne stellt und keinen Schaden hat. Die sind alle ein bisserl… huhu. Aber das passt schon so. Wer will schon normal sein.

Wo sind für dich die Grenzen des Kabaretts?
Also sprachlich Bayern. Ab Nürnberg versteht mich fast keiner mehr. Aber Grenzen auf der Bühne… ich finde nicht, dass man sagen sollte „Das darf man nicht machen auf der Bühne.“ Das ist Blödsinn, du kannst alles machen auf der Bühne, es wird halt wahrscheinlich nicht ankommen, also gewisse Sachen. Es muss einfach zusammenpassen. Wenn ich in meinem jetzigen Alter groß vom Leben und den Menschen von meiner Weisheit berichte, das würd ich mir nicht abkaufen, wenn ich im Publikum sitze. Aber ich finde, man sollte alles thematisieren dürfen, wofür ist Kabarett denn da? Es ist ein Exponieren und man sollte über alles schreiben dürfen. Wenn du jetzt heikle Themen wie, ich weiß nicht, Krebs oder Vergewaltigung angehst… es kommt halt auf die Verpackung drauf an, aber es wär mir zu brenzlig. Das kann auch nach hinten losgehen. Aber prinzipiell finde ich, sollte man alles thematisieren dürfen.

Wie wichtig ist dir in deinen Programmen die Message?
Die Message ist einfach, dass du dir nix scheissen sollst und einfach Gas geben und machen. Das denk ich mir privat so und diesen „Spirit“ versuch ich auf der Bühne zu vermitteln.

Deutschland ist wahrscheinlich nicht das große Ziel, wenn die dich schon nicht mehr verstehen.

Nein, das passt schon. Ich finde, Dialekt ist etwas ganz wichtiges. Da gibt’s den schönen Spruch: „Hässlich ist ein schönes Wort, aber schirch ist treffender.“ Es ist so, es ist ehrlicher. Aber ich strebe keine internationale Karriere an, ich bin sehr zufrieden, wie es ist. Natürlich möchte ich noch Gas geben und nach oben, aber… es ist auch weit zum Fahren nach Deutschland (lacht). Nein, das passt so und was noch kommt, das seh ich dann eh und deswegen mach ich mir nicht so viele Gedanken.

„Sex, Drugs & Klei’n’Kunst“ läuft seit 2013. Was kommt als nächstes von Paul Pizzera?
Im Herbst 2017 kommt ein Duo mit meinem Kabarettkollegen Otto Jaus. Vom Stil her wird das sehr ähnlich wie jetzt, viel Musik und zwischendurch ein paar Conférencen. Da freu ich mich schon voll drauf, weil es einfach was anderes ist, wenn man mit einem Zweiten auf der Bühne steht. Bis dorthin noch Vollstoff solo, viel schreiben nebenher und schauen was passiert. Die nächsten Lieder mit ihm zusammen sind eh schon aufgenommen, aber wir kommen nicht zum Video drehen. Im April sind es jetzt 20 Termine und ich bin froh, wenn ich einmal die Mama seh. Momentan ist es nur so, nur Vollgas, aber es passt. Es ist gut, dass es so läuft, ich bin auf alle Fälle dankbar, aber momentan komm ich nebenher zu echt wenig. Das ist ein bisserl zach.

Wie viel Auftritte hast du im Jahr?
Letztes Jahr waren es 180, in diesem Jahr 150. Aber halt größere Hütten, da haben wir die kleineren weggelassen. Bei 180 Terminen gehst du schon am Zahnfleisch zum Schluss. Und das waren nur Auftritte, also Pressesachen oder ähnliches noch nicht dabei. Da war ich echt froh, als die Pause gekommen ist.
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