01.07.2016, 00:30 Uhr

Urgestein der Versicherer Günter Geyer: "Interesse an privater Krankenversicherung steigt"

(Foto: Arnold Burghardt)

Laut Günter Geyer, Aufsichtsrat der Vienna Insurance Group und Präsident des Versicherungsverbandes, geht es den Versicherern nicht schlecht. In der Politik hofft er, dass die Vernunft in der Koalition siegt. Die ablehnende Haltung der Osteuropäer gegenüber Flüchtlingsquoten kann er nachvollziehen, wie er im Exklusiv-Interview mit den Regionalmedien erklärt.

Wie lautet Ihre Konjunkturprognose?
GÜNTER GEYER:
Leicht optimistisch. Die Steuerreform wirkt, wenn auch noch nicht im gewünschten Ausmaß. Die Zahl der Beschäftigten steigt, die Investitionsthematik steigt. Wenn das so bleibt, könnte man am Ende des Jahres rückblickend sagen: War nicht so schlecht.

Und Ihre Zinsprognose?
Der Leitzins ist noch immer zu niedrig. Für die Versicherungsbranche war nicht vorhersehbar, dass so eine lange Niedrigzinsphase kommen wird. Wenn aber die Investitionstätigkeit und die Beschäftigung anziehen, dann wird ein leichter Trend nach oben zu erwarten sein.

Wird Ex-Kanzler Werner Faymann Berater der VIG?
Wenn wir der Meinung sind, dass uns ein Ex-Politiker in der einen oder anderen Sache helfen kann, dann werden wir das in Anspruch nehmen, egal, ob das Werner Faymann oder jemand anderes ist.

Wie ist ihr Verhältnis zu Christian Kern?
Ich kenne Herrn Kern aus seiner früheren Tätigkeit. Wir hatten hin und wieder auch geschäftlich miteinander zu tun. Insgesamt ein gutes Verhältnis.

Glauben Sie, dass er seinen Job bewältigen wird?
Wir als großes Unternehmen hoffen, dass es durch ihn die Regierung als Ganzes schafft.

Was sind die dringendsten Aufgaben der neuen Regierung?
Wir brauchen eine Entrümpelung der Bürokratie, wir brauchen mehr Optimismus in der Wirtschaft und dafür brauchen wir auch die entsprechenden Rahmenbedingungen. Das Thema, das alles überlagert ist die Zuwanderung und hier brauchen wir klare Fortschritte in der Integration.

Wird es im Herbst Neuwahlen geben?
Wenn sich zwei Parteien etwas vorgenommen haben, dann erwarte ich, dass sie sich auf ein klares Programm einigen. Jeder Parteivertreter sollte darauf schauen, dass die Umsetzung dieses Programms im Vordergrund steht. Parteiintern abweichende Ansichten sind zurückzustellen.

Wird das funktionieren?
Aus Vernunftgründen müsste es funktionieren. Aber Emotionen und Ideologien werden oft überbetont.

Hat die Asylquote das Zeug, die Koalition zu sprengen?
Jemand, der Anspruch auf Asyl hat, dem soll es auch gewährt werden. Die Regierung hat die klare Verantwortung, dass Integration möglichst schnell erfolgt. Das bedeutet, dass Asylverfahren möglichst schnell erledigt werden und eine Arbeitsmöglichkeit gegeben ist, damit diese Leute die Chance bekommen, sich hier ein zweites Leben aufzubauen. Und Personen, die nicht asylberechtigt sind, sind nach dem Dublin-Abkommen zu behandeln.

Abschiebungen geben aber unschöne Bilder.
Wir haben Übereinkommen, an die wir uns halten müssen. Oder man ändert sie.

Ist Europa in der Flüchtlingsfrage in Ost und West gespalten?
Ich sehe weniger eine Spaltung als die Frage, wohin sich Europa entwickelt. Wenn sich Tschechien, die Slowakei und Polen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wehren, verurteilt man hier viel zu schnell. Die wirtschaftlichen Hintergründe dieser Länder werden dabei außer Acht gelassen. Wenn das Durchschnittseinkommen wie in der Slowakei weniger als die Mindestsicherung in Österreich beträgt, dann ist das Verständnis der Bürger und der Politik dort ein anderes als bei uns. Wobei es ja auch hier schon nicht leicht ist.

Wie geht es der Versicherungsbranche?
Insgesamt geht es uns nicht schlecht. Alle österreichischen Versicherungen entwickeln sich grundsätzlich gut. Die Niedrigzinslandschaft beschäftigt zwar die Lebensversicherungen, wird aber überbetont.

Wie sieht es in den einzelnen Versicherungsbereichen aus?
Schadens- und Unfallversicherungen haben deutlich zugenommen. Das wird auch heuer der Fall sein. Die Lebensversicherung entwickelt sich stabil. Obwohl die Politik gegen eine Zweiklassen-Medizin ist, steigt das Interesse bei den privaten Krankenversicherungen, vor allem in Ballungszentren. Die langen Wartezeiten in den öffentlichen Einrichtungen dürften hier die Ursache sein.

Wo veranlagen die österreichischen Versicherungen die insgesamt 108 Milliarden Euro Kundenkapital?
Die Versicherungswirtschaft ist ein wichtiger Geldgeber für die öffentliche Hand. Wir investieren viel in Staatsanleihen und in öffentliche Einrichtungen, die positive Effekte auf die Beschäftigung haben. Stichwort: Wohnen.

Wie geht es der Versicherungsbranche mit der Digitalisierung?
Hier gibt es zwischen den Ländern große Mentalitätsunterschiede. Wir machen in Ungarn riesige Fortschritte bei der Digitalisierung, die wir in Österreich aufgrund der Mentalität nicht haben.

Im Ernst?
In Ungarn liegt der Anteil der Kfz-Polizzen, die online bei den Konzerntöchtern der VIG abgeschlossen werden, bei rund 40 Prozent. In Österreich bieten wir den Online-Abschluss in diesem Bereich nicht an, weil das hierzulande nicht akzeptiert wird. In Polen können Kfz-Versicherungen sogar an Automaten, sogenannten Polizzomaten, abgeschlossen werden.

Welche Versicherungen haben Sie persönlich abgeschlossen?
Ich denke, ich habe alle wichtigen Versicherungen.

Das Interview führten: Linda Osusky und Wolfgang Unterhuber
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