Vom Denkmal zum Mahnmal
Künstlerische Kontextualisierung der Lueger-Statue abgeschlossen
- Das um 3,5 Grad geneigte Lueger-Denkmal soll Debatten über Antisemitismus und Erinnerungskultur anstoßen.
- Foto: Sade Jerabek/MeinBezirk
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Während die Stadt Wien die Kontextualisierung des Karl-Lueger-Denkmals präsentierte, regte sich draußen Protest. Mit einem Pfeifkonzert machten die „Jüdischen österreichischen HochschülerInnen“ (JöH) ihrem Unmut über das wieder errichtete Denkmal Luft.
WIEN/INNERE STADT. Die Statue des umstrittenen ehemaligen Bürgermeisters, Karl-Lueger steht wieder an dem gleichnamigen Platz und blickt Richtung Wiener Ringstraße, nun scheint das Denkmal aber langsam zu kippen. Der Grund: Das Denkmal wurde nach dem Entwurf des Künstlers Klemens Wihlidal um 3,5 Grad nach rechts geneigt.
Was auf den ersten Blick nur eine kleine Veränderung ist, soll ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus und für eine aktive Erinnerungskultur im öffentlichen Raum setzen. Am Donnerstag, 11. Juni, präsentierte die Stadt Wien das fertiggestellte Projekt im Rahmen einer Pressekonferenz in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Mit der Umgestaltung soll aus dem bisherigen Denkmal ein Mahnmal werden. Ziel sei es, einen Lern- und Diskussionsort zu schaffen. „Die kritische Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit ist unverzichtbar. Ein Wegräumen oder gar Auslöschen der Vergangenheit widerspricht unserem Verständnis von Erinnerung und verunmöglicht kritische Reflexion", so Kultur- und Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ). Vermittlung dürfe nicht nur in Geschichtsbüchern und Museen stattfinden, sondern muss auch im öffentlichen Raum passieren.
Denkmal gerät in Schieflage
Karl Lueger war von 1897 bis 1910 Bürgermeister von Wien und gilt wegen seiner antisemitischen Rhetorik und Politik als historisch schwer belastete Figur. Die künstlerische Intervention soll die bisherige unkritische Würdigung brechen.
Künstler Klemens Wihlidal erklärt dazu: „Die Wirkung des Denkmals hat sich durch den Eingriff grundlegend verändert, Lueger ist durch den eingeleiteten Denkmalsturz dauerhaft aus dem Lot geraten. Diese Irritation schärft die Sinne, löst (Nach)Fragen aus, wird zum öffentlich sichtbaren Zeichen – gegen Antisemitismus, gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Hetze. Die Intervention als Ausgangs- und Anknüpfungspunkt für Auseinandersetzung und Vermittlungsangebote, das war in meinen Überlegungen ein wesentliches Moment.“
Neben der künstlerischen Veränderung umfasst die Kontextualisierung auch eine sprachliche Einordnung. Eine Stelle informiert auf Deutsch und Englisch über Karl Lueger und die künstlerische Intervention. Für die historische Einordnung wurde der Zeithistoriker Oliver Rathkolb eingebunden.
Kosten liegen bei rund 776.000 Euro
Begonnen wurde mit der baulichen Umsetzung bereits im Jänner. Im Zuge der Arbeiten wurden auch Restaurierungsmaßnahmen durchgeführt. Die Gesamtkosten für das Projekt belaufen sich laut Stadt im Zeitraum von 2022 bis 2026 auf rund 776.000 Euro. Ursprünglich waren 500.000 Euro für das Projekt kommuniziert worden. Die Mehrkosten sollen von Kunst im öffentlichen Raum Wien (KÖR) getragen werden.
- Kultur- und Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ), bezeichnete die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als unverzichtbar.
- Foto: Sade Jerabek/MeinBezirk
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Kritik an der Umgestaltung gibt es seit Langem. Die Jüdischen österreichischen Hochschülerinnen und Hochschüler (JöH) bezeichneten die Kontextualisierung als unzureichend und protestierten während der Besichtigung am Karl-Lueger-Platz mit einem Pfeifkonzert. Sie kritisieren, dass die Statue weiterhin stehe und durch die Neigung sich in ihrer Wirkung kaum etwas verändert habe.
Lia Guttmann, Co-Präsidentin der JöH, sagt: “Entgegen den jahrelangen Forderungen der Jüdischen Gemeinde steht die Lueger-Statue noch immer da – geputzt und restauriert. Durch die nichtssagende 3,5 Grad Neigung ist die Statue schlechter kontextualisiert, als durch die Beschmierungen." Mit dieser "feigen, denkmal politischen Lösung" sei über das Problem des Antisemitismus nichts gesagt.
Diskurs soll weitergehen
Auch seitens der Grünen kam Kritik auf: „Früher fanden wir die Idee gut. Da dieses Projekt aber mittlerweile € 700.000,- gekostet hat und weitere laufende Kosten absehbar sind, halten wir mittlerweile eine Übersiedlung in ein Museum oder einen Skulpturenpark für die vernünftigste Lösung", sagt Alexander Hirschenhauser, Klubvorsitzender von Grüne Innere Stadt. "Das würde auch den Vorteil bringen, dass Neonazis hier keinen Symbolort für Versammlungen haben.“
- Die Jüdischen österreichischen Hochschulen (JÖH) rief im Rahmen der Besichtigung zum Pfeifkonzert auf.
- Foto: Sade Jerabek/MeinBezirk
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Die Stadt Wien verweist hingegen auf die Bedeutung von Erinnerungskultur im öffentlichen Raum. Mit der Umgestaltung solle die Auseinandersetzung mit der belasteten Geschichte Luegers nicht abgeschlossen, sondern sichtbar gehalten werden.
Ergänzend sind Vermittlungsangebote geplant, darunter Workshops zur Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus in Wien sowie Führungen zu Gedenkorten der österreichischen Erinnerungskultur. Mehr Informationen unter: www.koer.or.at/vermittlung
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