02.11.2015, 15:17 Uhr

Von Schönheit verführt

Die schöne Verführerin und ihr nordischer Casanova: Peer Gynt (Samuel Francis Pereira) und die grüngekleidete Tochter des Trollkönigs (Anna Romanova). (Foto: Tiroler Landestheater)
Innsbruck: Tiroler Landestheater |

Mit seiner opulent angelegten Peer Gynt-Adaption im Großen Haus gelingt Enrique Gasa Valga erneut ein Publikumshit

Keine Frage: Dieser Mann weiß, was sein Publikum glücklich macht. Nichts weniger als das scheint Enrique Gasa Valgas Anspruch zu sein. Und auch mit seinem neuesten Tanzstück ‚Peer Gynt’ wird dies wieder vollauf gelingen. Standing Ovations bei der Premiere, eine Dame in der ersten Reihe, die ihm selig lächelnd eine Rose überreicht, was er mit galantem Handkuss quittiert, sind ziemlich eindeutige Belege. Tatsächlich schöpft der erklärte Publikumsliebling, dessen Erfolge fast schon wie Selbstläufer erscheinen, einmal mehr sprichwörtlich aus dem Vollen.

Mit Neuzugang Samuel Francis Pereira in der Titelrolle umweht Peer Gynt zwar eher das Flair eines modernen Casanova als das eines nordischen Antihelden, allerdings hat er als Tänzer sowohl in den Solos wie in den Pas de deux eine geradezu unwiderstehliche Strahlkraft. Die ihn umschwirrenden Frauenfiguren überzeugen dabei genauso wie die mythisch-archaischen Gestalten, die sich Peer Gynt auf seiner Lebensreise in den Weg stellen. Zudem gelingen Gasa Valga überaus dichte und berührende Sequenzen: etwa die Sterbeszene der Mutter mit der formidablen Marie Stockhausen und natürlich das bezaubernde Finale, wo Peer und seine Lebensliebe Solveig zur Musik von Johnny Cash fast ins Happy End hineinzufliegen scheinen.

Musikalisch setzt Gasa Valga dieses Mal auf die zeitweise atmosphärischen, dann wieder fast sperrigen Collagen des aus Innsbruck stammenden Sounddesigners Peter Kollreider, Peer Gynts romantische Bühnenmusik setzt er nur punktuell und zitathaft ein. Ausstattungsleiter Helfried Lauckner hat für die drehbare Bühne indes ein schwindelerregendes Gerüst konzipiert, das sich auf einer Seite als schroffe Haus- oder Felswand präsentiert, in welche das Videodesignteam Albert Serradó und Atzgerei Productions mittels 3D-Mapping immer wieder überaus real anmutende Szenerien projiziert. Dem nicht genug: Modedesignerin Dorothee Schumacher steckte die Tänzerinnen auf Initiative eines Innsbrucker Modegeschäfts auch noch in Kleidchen aus ihrer aktuellen Kollektion. Die sind zwar hübsch anzuschauen, aber für ein märchenhaftes Stück wie Peer Gynt vielleicht doch einen Tick zu kommerziell.

Keine Frage: Mit Peer Gynt hat Enrique Gasa Valgas erneut ein verführerisch schönes Gesamtwerk geschaffen. Mir war es stellenweise etwas zu glatt gebügelt. Denn letztlich ist Ibsens Peer Gynt eine sehr moderne Figur, in seiner Transformation vom manischen Selbstdarsteller, skrupellosen Karrieristen und beziehungsunfähigen Muttersohn hin zum verzweifelt Suchenden nach dem eigenen wahren Wesen. Von dieser seiner inneren Heldenreise, auch von dieser quälenden Leere, die er ja durch ständige Flucht nach vorne zu übertünchen versucht, hätte ich gern mehr gesehen und gespürt.
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