30.03.2017, 22:05 Uhr

Vielen Tourismusbetrieben fehlt Personal-Strategie

Schon vor Beginn des Symposiums wurde angeregt diskutiert.

Rund 195 Teilnehmer informierten sich an der FH Kufstein Tirol zu Strategien und Möglichkeiten der Attraktivierung des Tourismus als Arbeitgeber.

KUFSTEIN (nos). Um nichts geringeres als die Zukunft des heimischen Tourismus ging es am Donnerstag, dem 16. März, an der Fachhochschule Kufstein Tirol (FH Kufstein). Über der Branche hängt der Fachkräftemangel wie ein Damoklesschwert, zahlreiche Gastgeber (Hoteliers, Gastronomen, etc) klagen, dass ihnen Köche, Kellner und weiteres qualifiziertes Tourismuspersonal fehlt.

"Leitlinien bereitstellen und Unternehmer sensibilisieren", will Mario Situm (FH, Studiengangsleiter Unternehmensführung) mit dem Symposium. "Auch auf der Human Ressources-Seite sollte man sich strategische Überlegungen machen", riet der FH-Professor.
Er gab einen kurzen Überblick über die bisherigen Workshops im Juni des Vorjahres sowie im Februar. "Uns wurde dabei klar, es braucht Strategien und nicht nur Aktivitäten", meint Situm, "darum haben wir das Symposium dazwischen geschaltet, um uns mehr Input zu holen".

Wertschätzung & Respekt

Thomas Albrecht leitet seit 20 Jahren das Hotel zur Post im bayerischen Rohrdorf. Er machte den Auftakt zu den Keynote-Vorträgen und referierte zur Beziehung zwischen Arbeitgebern und -nehmern als Erfolgsfaktor.
"Arbeitnehmer zu suchen und zu finden ist eine Sache, sie zu halten aber nochmals eine ganz andere", erklärte der bayerische Hotelier. Die Ausbildung von Lehrlingen sei in seinem Haus "soziale Verantwortung", meinte Albrecht. "Es geht nicht um billige Arbeitskräfte, sondern um die Fachkräfte von morgen", so Albrecht. Unter den Mitarbeitern im Haus gehe es wiederum "nicht darum, mit Jedem gut Freund zu sein, aber respektieren muss man sich."
Um "die Mitarbeiter nicht zu verheizen", werden Arbeitsverträge bei Albrecht "auf maximal fünf Tage pro Woche" geschlossen. Zudem werden auch Beratungsgespräche angeboten oder an professionelle Externe weiter vermittelt: "Was nutzt mir ein Mitarbeiter, der seine Probleme nicht in den Griff bekommt? Hier zu helfen gebietet die Menschlichkeit."

Betreuung statt Verwaltung

Christiane Troicher (HR Best Alpine Western Hotels) "hätte gerne nur Häuptlinge" in ihrem Unternehmen. Die Personalmanagerin sieht einen negativen Imagekreislauf im Tourismus. Oft werde nur reagiert anstatt agiert, zudem fehlen zumeist Personalmanagement-Kompetenzen in den Betrieben.
Zu oft würde Personal besonders über "hard facts", wie Unterkunft, Bezahlung, Essen etc angeworben, "soft facts" würden dabei vernachlässigt, meint Troicher.
In vier Themenfeldern machte sie besondere Potenziale für Arbeitgeber im Tourimus aus: Löhne & Gehälter, Führung, Talentemanagement und Image.
"Seien sie schlau genug, jemanden anzustellen, der schlauer ist als Sie", empfahl die Personalmanagerin den Anwesenden. Die oft fehlende Angabe von Gehältern in Stellenanzeigen kritisierte sie ebenso wie intransparente Lohnsysteme, Probleme in der Aus- und Weiterbildung oder bei Sachbezügen.
"Ab 80 Mitarbeitern sollte man zumindest eine halbe Person haben, der sich nicht nur um die Personalverwaltung kümmert", meinte sie abschließend. Mitarbeiter sollten nicht verwaltet, sondern betreut werden.

"Beseelte" Mitarbeiter

Klaus-Dieter Graf von Moltke, Vorsitzender des Unternehmerverbandes Landkreis Miesbach e.V., meint "wir bekommen nicht die richtigen Mitarbeiter mit den richtigen Qualifikationen in unsere Unternehmen". Der "gelernte Stratege" und ehemalige Unternehmensberater betreibt zwei Hotels in Rottach-Egern und Reith im Winkl. "Ich kenne übrigens alle meine rund 200 Mitarbeiter in Oberbayern auch mit Namen", so Moltke.
"Wir haben massive Probleme bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter und Auszubildenden", erklärt Moltke. "Die Unzufriedenheit der Mitarbeiter wird nicht mehr ertragen, sondern geteilt, gehen sie doch mal auf eine solche Plattform und lesen sie sich durch, wie Sie von Ihren Mitarbeitern bewertet werden!" Das unzufriedene Image belaste die Branche dabei nachhaltig.
Molkte zählte auch die Folgen des Mitarbeitermangels auf: Investitionen sinken, Dienstleistungen werden reduziert, Unternehmer denken Entscheidungen nicht zu Ende und Vermittler kassieren Prämien für Arbeitskräfte zu teils "völlig überhöhten Gehältern". Moltke sieht diese Auswirkungen in den Betrieben schon lange: "Es werden immer mehr Systeme geschaffen, die Mitarbeiter einsparen", erklärte er mit Blick auf immer weiter verbreitete Buffett-Lösungen in Hotels.
Auch Gründe für den Facharbeiter- und Lehrlingsmangel zählte Moltke auf: Landflucht, Entlohnung, Wertewandel, Prestige, Sprachbarrieren, Arbeitszeiten und Freizeit tragen hierzu schwerwiegend bei. "Wir müssen unsere Arbeitszeit als Vorteil begreifen", meint Moltke, "sieben Tage sind doch eigentlich kein Thema mehr". Die Hotellerie und Gastronomie habe die Chance, "eine vernünftige Fünf-Tage-Woche hinzubekommen". Die Wertschätzung gegenüber ihren Angestellten sollten Unternehmer täglich spürbar machen, meinte Moltke. Die beste Motivation für Mitarbeiter sei die Inspiration. Von ihnen erwarte er sich im Gegenzug, dass auch positive Erfahrungen im Betrieb nach außen hin geteilt werden. "Wir müssen rausgehen und den Leuten draußen erklären, was wir für großartige Leute in unseren Unternehmen haben, die jeden Tag beseelt sind, Dienstleistungen zu bieten."
Moltke forderte die Hoteliers und Gastronomen auch auf, die Konsequenzen des Fachkräftemangels zu verdeutlichen: "Wir müssen das den Leuten klarmachen und sie fragen, ob sie in Zukunft wirklich ihr Schnitzel aus dem Automaten haben wollen!"

Roboter als Kofferträger?

Keynote-Speaker Andreas Reiter präsentierte, wie ArbeitnehmerInnen „Arbeit“ in Zukunft sehen und wie sich das Talentemarketing im Tourismus verändert. Der Zukunftsforscher ist er neuen Entwicklungen und Trends auf der Spur. „Wir leben in Zeiten einer großen Transformation. Zu den Treibern dieser Veränderung zählten der gesellschaftliche Wandel, die Vernetzung, Urbanisierung und viele weitere Faktoren. Alles was bisher fest war, wird flüssig“, so Reiter. Damit meint er das Aneinanderrücken und Verschwimmen von der physischen und virtuellen Realität, aber auch von Arbeit und Freizeit und den Rollen des Arbeitnehmers und -gebers. Auch die Geschäftsmodelle verändern sich. Plattformen wie Airbnb spielen eine immer größer werdende Rolle. Ebenso kommt laut dem Zukunftsforscher die Automatisierung immer stärker auf die Tourismusbranche zu. Nach einer Befragung würden Österreicher einen Roboter, der ihre Koffer auf das Zimmer trägt, als positiv empfinden. Aber in anderen Bereichen wie an der Rezeption oder im Restaurant wird auch in Zukunft der menschliche Kontakt gewünscht sein. „Was wir brauchen sind hybride Lebens- und Arbeitskonzepte für die junge Generation“, so Reiter. Die sogenannte Generation Y ist untereinander stark vernetzt, aber immer weniger an Raum und Zeit gebunden. Der Zukunftsforscher sieht auch Potenzial in der Orientierung an den jeweiligen Lebensphasen der MitarbeiterInnen. „Wer ein Haus baut, will im Job möglicherweise kürzer treten“, so Reiter. Die Werte der sogenannten Digital Natives haben sich im Gegensatz zur älteren Generation stark gewandelt. „In der Arbeit spielt die Selbstverwirklichung eine wichtige Rolle. Die Arbeitszeiten sollten möglichst flexibel sein. Junge Leute wollen Emotionen und Erlebnisse - auch im Beruf, eine selbstgebaute Karriere, und eine individuelle Anerkennung“, beschreibt Reiter. Im Tourismus herrscht laut ihm ein Kampf um die besten Köpfe. Obwohl die Branche stetig wächst und die junge Generation dort gut aufgehoben wäre, ist der Wettbewerbsdruck hoch. „Was wir brauchen, sind robuste Ganzjahresdestinationen und eine gute Netzwerkperformance. Die positiven Stärken der Branche müssen nach außen getragen werden. Wir dürfen nicht nur eine ‚Reise‘ für die Gäste kreieren, sondern auch eine attraktive ‚Reise‘ für mögliche Mitarbeiter“, so der Zukunftsforscher. Wertschöpfung wird laut ihm durch Wertschätzung ermöglicht. Viele große Hotels bieten ihrem Team tolle Freizeitangebote wie ein Fitnessstudio. Kleinere Betriebe haben hier Schwierigkeiten. Im Ötztal hat man mit „Navion – Der Mitarbeiter Club im Ötztal“ ein völlig neuartiges Programm für attraktive Arbeitsplätze gestartet. Allen MitarbeiterInnen aus der Region steht dadurch ein Freizeit- und Weiterbildungsprogramm zur Verfügung. „Dieses Projekt zeigt vorbildlich, wie man eine gesamte Destination für die MitarbeiterInnen attraktiv gestalten kann“, so Reiter.

Am 20. April wird ein weiterer Workshop an der Fachhochschule Kufstein Tirol stattfinden. Im Rahmen dieser Veranstaltung sollen sowohl auf Grund der bereits im ersten Workshop erarbeiteten Ergebnisse als auch der Informationen des Symposiums die finalen Grundsätze zur Förderung der Attraktivität der Tourismuswirtschaft als Arbeitgeber definiert werden. Interessierte sind eingeladen sich einzubringen.
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