16.11.2016, 10:32 Uhr

Uwe Mauch: "Runter geht es schnell und hinauf nur in ganz, ganz kleinen Schritten"

Uwe Mauch arbeitet seit 1995 als Journalist für die Tageszeitung Kurier und ist Autor mehrerer Bücher. (Foto: Michael Mazohl für den ÖGB-Verlag)

Der Journalist und Autor Uwe Mauch rückt in "Die Armen von Wien" jene Menschen in den Mittelpunkt, die in den Hochglanzbroschüren der Stadt nicht vorkommen.

WIEN. In "Die Armen von Wien" beschreibt Uwe Mauch in verschiedenen Reportagen, was es heißt, heute in Wien arm zu sein. Er trifft Obdachlose, Flüchtlinge und Alleinerziehende; Menschen die krank sind und nicht versichert und Kinder, die hungrig in die Schule gehen. Im Interview erzählt er, warum er diese Reportagen geschrieben hat und was seiner Meinung nach geschehen müsste, um die Armut in Wien zu bekämpfen.

Die erste Reportage im Buch beschreibt AmberMed, eine Einrichtung für Kranke ohne Versicherung. Dort erfährt man gleich: Armut ist ein ganz großer Stress, der sich auch körperlich auswirkt. Kannst du beschreiben, wie du das erlebt hast?
Ich war dort an mehreren Wintertagen, und was man im Wartesaal sieht, ist dass Menschen ihre Winterjacken anlassen und scheinbar mit der Kälte zu kämpfen haben. Und ja, Armut erzeugt Krankheit: Armut erzeugt Stress, und wenn man die E-Card nicht hat, dann kann es sein dass der Stress zu chronischen Krankheiten führt und letztendlich auch zum Tod.

Worum kreisen die Gedanken, wenn man arm ist? Womit beschäftigen sich die Menschen?
Wenn man am Abend noch nicht weiß, wo man schlafen wird, sind die wichtigsten Fragen: Wie komm ich über diesen Tag? Wo bekomme ich was zu essen und zu trinken? Wo kann ich mich gegen Kälte schützen? Aber natürlich kann man auch in einer Gemeindewohnung arm sein, etwa als Alleinerzieherin. Da lauten die Fragen dann: Was passiert wenn morgen die Waschmaschine kaputt ist? Wie kann ich die Stromrechnung bezahlen, bevor er mir abgedreht wird?

Das kommt im Buch auch heraus: Armut kann teuer sein, etwa wenn der Strom abgeschaltet wird und es mehrere Hundert Euro kostet, ihn wieder aufzudrehen. Oder wenn Mahnspesen sich auf ein Vielfaches des ursprünglich geschuldeten Betrags belaufen.
Es ist schon verwunderlich, dass eine Bank Menschen einen Kredit gibt, die ganz klar nicht kreditwürdig sind. Und noch verwunderlicher ist es, dass dieses Kreditinstitut dann über viele Jahre ein Schneeballsystem aufbaut, wo aus 20.000 Schillling Schulden am Ende bis zu 100.000 Euro Schulden zusammenkommen. Oder wenn jemand durch einmal Schwarzfahren mehrere Tausend Euro Schulden aufhäuft. Das ist lächerlich. Wie realistisch ist es, dass das jemand, der seit vielen Jahren prekär lebt, je zurückzahlen kann?

Im Buch beschreibt Augustin-Verkäufer und -Autor Hömal, dass er anders Fußball spielt als "normale Menschen", weil er misstrauischer ist. Gibt es wirklich Eigenschaften, die sich herausbilden, wenn man immer ums Überleben kämpft?
Unter der Armutsgrenze sind alle psychischen Stärken und Schwächen abgebildet, die es auch bei den Gutsituierten gibt. Arme Wiener tragen keinen Heiligenschein. Da gibt es Kleinkriminalität, Eifersucht und vor allem Egoismen, die sich im Leben auf der Straße stark ausprägen. Aber diese schlechten Eigenschaften belasten unser Stadtbudget oder unsere Volkswirtschaft sehr viel weniger als jene, die seit Jahren im großen Stil die Republik um unser Eigentum und unser Steuergeld gebracht haben. Die Diskussion rund um die Mindestsicherung halte ich für entbehrlich. Die Republik könnte anderswo sehr viel mehr Geld sparen als bei den Ärmsten. Da gibt's tatsächlich nicht viel zu holen.

Und gibt es auch Strategien und Zugänge von armen Menschen, von denen du gelernt hast?
Der Punkt ist: Runter geht's ganz, ganz schnell. Man kennt diese Phänomene: Arbeit verloren, den Partner verloren, möglicherweise gepaart mit Alkohol und irgendwann kann ich dann meine Miete auch nicht mehr zahlen. Man ist wirklich nach einem halben Jahr auf der Straße. Aber wenn man versucht, wieder nach oben zu kommen, geht das sehr viel langsamer. Und da gibt es welche, die wirklich darum kämpfen in ganz, ganz kleinen Schritten - zwei vor, einen zurück - wieder raufzukommen. Vor denen habe ich großen Respekt.

Hat Armut in Wien einen Ort, wo ist sie am ehesten zu finden?
Es gibt Menschen, die im Winter im Stadtpark übernachten, mitten in der Innenstadt. Aber es gibt auch Berechnungen, wonach die Menschen im 15. Bezirk im Schnitt fünf Jahre früher sterben als im 1. oder 19. Einmal nachts über die Donauinsel zu gehen öffnet einem die Augen dafür, wie viele Menschen unter der Brücke übernachten müssen. Es gibt also schon eine Verortung. Andererseits: Ich beschreibe in meinem Buch auch zwei Schwestern, die in sehr schlechten Verhältnissen leben aber gar nicht mehr aus der Wohnung können. Darum fallen sie niemandem auf. Armut kann auch hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Dass Armut oft versteckt ist, war das der Anstoß, die Reportagen zu schreiben?
Der Anstoß war, dass ich sieben Jahre lang Fußballer der Straßenzeitung Augustin trainiert habe. In diesen sieben Jahren habe einen intimen Einblick in ein Milieu bekommen, das ich vorher wenig kannte. Ich finde, als Journalisten haben wir die Aufgabe, auch diese Phänomene zu zeigen. Es ist in Ordnung oder sogar notwendig, die Vorteile dieser Stadt darzustellen - denn die Menschen vergessen oft, in welchem relativen Wohlstand sie noch immer leben - aber die andere Seite gehört auch dazu.

Du hast viele Einrichtungen besucht, die zwar Förderungen von der Stadt erhalten, die aber ohne kostenloses Material und ehrenamtliche Mitarbeit überhaupt nicht überleben könnten.
Ja. Wien hat in den letzten 100 Jahren ein einzigartiges Fürsorgesystem aufgebaut, das auch international renommiert ist. Das ist die eine Seite. Die andere: Diese Sozialdemokratie hat sich in den letzten 60 Jahren immer weiter von den Menschen entfernt. Das heißt, sie bekommt auch nicht mehr mit, dass ohne das ehrenamtliche Engagement von Tausenden die Lage kippen würde. Dann würden Menschen bei AmberMed nicht behandelt werden, dann würden Menschen Hunger leiden, weil es so Einrichtungen wie die Gruft ohne Ehrenamt nicht geben könnte. Es gibt Förderungen von der Stadt, aber die sind meines Erachtens nicht ausreichend.

Man müsste das ausbauen und mehr Geld hineinstecken?
Ja. Weniger Geld für Imagekampagnen, mehr in den Sozialtopf.

Buchtipp

Das Buch "Die Armen von Wien" (ISBN-13: 978-3-99046-158-7) ist im ÖGB-Verlag erschienen und unter anderem online erhältlich.
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