Schimmel und Asbest-Verdacht
Bewohner des Gemeindebaus am Handelskai klagen für Sanierung
- Verdat Göksu (r.) mit weiteren Mitgliedern der Wiener Mieter Union. Links steht Kassier Selatin Qehaja, in der Mitte Suzana Gruochevski, die besonders von Schimmel betroffen ist.
- Foto: Luca Arztmann/MeinBezirk
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Bewohnerinnen und Bewohner des Gemeindebaus in der Leopoldstadt haben sich zu einem Verein zusammengeschlossen. Das Fass im Karlheinz-Hora-Hof ist voll, trotz Schimmel und Asbest-Verdacht fühlt man sich von Wiener Wohnen nicht ernst genommen. Ein Anwalt wurde bereits eingeschaltet, Wiener Wohnen kündigt eine Sanierung ohne Datum an.
Aktualisiert am Freitag, 7. August, 9:38.
WIEN/LEOPOLDSTADT. Mal wieder herrscht in einer Gemeindebau-Wohnung am Handelskai 214 dicke Luft. Ein Mitarbeiter von Wiener Wohnen steht mehreren Bewohnerinnen und Bewohnern gegenüber, die die Schnauze voll haben. Seit Monaten versuchen sie laut eigenen Angaben, sich Gehör zu verschaffen. Der schwarze Schimmel in ihren Wohnungen soll ernst genommen werden.
Die gut gemeinten Tipps des Mitarbeiters – wie korrektes Lüften oder der Einsatz von Hygrometer (Anm. d. Red.: Messgerät für die Luftfeuchtigkeit) – stoßen auf taube Ohren. Wortführer vonseiten der Mieter ist Vedat Göksu, der Anfang Juli den Verein Wiener Mieter Union (WMU) ins Leben gerufen hat. In den vergangenen Monaten ist er bei Begehungen von Wiener Wohnen in der Anlage regelmäßig dabei, "um die Bewohnerinnen und Bewohner zu unterstützen", erklärt er.
41 Prozent melden Schimmel
Wieso das nötig ist? Der Karlheinz-Hora-Hof mit insgesamt 1.043 Wohnungen wurde in den 1970ern errichtet. Eine längst notwendige Sanierung lässt auf sich warten, dabei finden sich schon im Jahr 2005 protokollierte Beschwerden eines Mieterbeirats zu Schimmel. Anfang des Jahres lief bei vielen Verträgen auch noch die Wohnbauförderung aus. Irgendwann war das Fass offenbar voll.
- Der Schimmel im Badezimmer von Grupchevski bedeckt beinahe die gesamte Decke.
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Die KPÖ nahm die Schimmelberichte zum Anlass, sich selbst ein Bild in der Anlage zu machen. Bei 428 Wohnungen öffnete jemand die Tür, 184 Bewohnerinnen und Bewohner gaben an, mit Schimmel zu kämpfen. Legt man den Schnitt auf die gesamte Anlage, kommt man auf 41 Prozent der Einheiten. "Und die sollen alle falsch gelüftet haben?", fragt sich Göksu. Das soll allen Betroffenen von Wiener Wohnen pauschal vorgeworfen werden, der städtische Vermieter dementiert dies.
Wiener Wohnen weiß von 41 Schimmelfällen
Um etwas Handfestes vorweisen zu können, beauftragte Göksu private Gutachten für seine eigene Wohnung. Dies liegt MeinBezirk vor: Ein Baumeister stellte "starke und massive Schimmelwucherung" fest, Grund dafür sind laut Gutachten Untertemperaturen und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Dies komme wiederum von einem mangelhaften Lüftungssystem in den fensterlosen Badezimmern und zügigen Fenstern in den Wohn- und Schlafräumen.
Ein "mögliches bauliches Gebrechen" wird von Wiener Wohnen in sieben Fällen eingeräumt, die Differenz zu den Zahlen der KPÖ ist immens. Generell gingen beim "Bauphysik-Beratungsdienst" 105 Meldungen ein, die 58 Wohnungen betrafen. Alle wurden bereits überprüft, in 41 Wohnungen wurde Schimmel festgestellt. Neben den sieben Fällen wurden in 34 Fällen "ungünstige Raumklimawerte als Ursache festgestellt", heißt es von Wiener Wohnen. Dies könne "unter anderem durch das Heiz- und Lüftungsverhalten beeinflusst werden", so eine Sprecherin weiter.
Zwei Beweissicherungsanträge
Woran es tatsächlich liegt, wird man bald herausfinden. Göksu und 17 weitere Bewohnerinnen und Bewohner haben sich über die WMU einen Anwalt genommen und führen derzeit Verfahren vor der MA 50 – Schlichtungsstelle gegen Wiener Wohnen. Insgesamt sind dort 22 Verfahren zum Karlheinz-Hora-Hof anhängig. Zum Vergleich: Wienweit sind es insgesamt 77 Stück, die sich ebenfalls mit der Durchführung notwendiger Erhaltungsarbeiten beschäftigen, auch wenn zum Teil mehrere Verfahren zu einer Wohnung laufen.
- Auch Göksu kämpft mit Schimmel in seiner Wohnung.
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Laut dem Anwalt wählte man die Schlichtungsstelle als "Arena", um finanzielle Belastungen für die Mieterinnen und Mieter zu reduzieren. In zwei Fällen brachte man "Beweissicherungsanträge" beim Bezirksgericht ein, dadurch sollen Präzedenzfälle geschaffen werden.
Keine Gesprächsbasis
Das Problem laut der Schlichtungsstelle: Zwar wurden für die Verfahren bereits Ortsaugenscheine vorgenommen, allerdings werden die Amtssachverständigen wiederholt nicht in die betroffenen Wohnungen gelassen. "Damit verunmöglichen sie bedauerlicherweise eine objektive Überprüfung ihres eigenen Antrages bei der Schlichtungsstelle", heißt es von der MA 50. Daher liegt bisher nur ein Gutachten für den Handelskai 214 vor, wobei kein Schimmelschaden festgestellt werden konnte.
Eine Gesprächsbasis mit Wiener Wohnen scheint auch hier in weiter Ferne, Schreiben des Anwalts würden regelmäßig unbeantwortet bleiben. "Um etwaigen Gesundheitsschädigungen der Mieter vorzubeugen, respektive einzudämmen, wäre es sinnvoller, die Mängel alsbald zu beheben, anstatt Gespräche zu führen", betont die Rechtskanzlei.
Labor bestätigt Asbest-Verdacht
Das Schimmelgutachten ist allerdings nicht das Einzige, das Göksu in Auftrag gab. Der Stahl in einem der Träger rostete, dehnte sich dadurch aus und verursachte einen großen Riss in der Fassade. Darin entdeckte er etwas, das für ihn nach Asbest aussah – ein Thema, das zuletzt österreichweit wieder aktuell wurde.
Ende Juni wurde seine Befürchtung bestätigt: Das erneut private Gutachten bei einem Labor in Deutschland stellte "Chrysotilasbest" fest, eine festgebundene und damit grundsätzlich weniger gefährliche Form. Für Plattenbauten wie den Gemeindebau am Handelskai nicht unüblich, gefährlich wird es aber, wenn dieser freigesetzt wird. Augenscheinliche Löcher und Risse lassen eben das vermuten.
- Im Riss in einem der Träger lässt sich Asbest vermuten.
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Wiener Wohnen kündigte vor Wochen an, ein eigenes Gutachten dazu erstellen zu wollen. Ein Ergebnis liegt bisher nicht vor, eine Sprecherin hält fest: "Sobald Gutachten vorliegen, werden erforderlichenfalls weitere Maßnahmen nach den geltenden gesetzlichen und technischen Vorgaben gesetzt".
Sanierung ist in Planung
Bevor das Ergebnis zum Asbest vorliegt, ist man sich bei der WMU schon einig: Ihr Zuhause muss so bald wie möglich saniert werden, Schimmel und Asbest sollten die Dringlichkeit unterstreichen. Auf eine Anfrage der KPÖ von Anfang des Jahres erklärte Wiener Wohnen noch, dass man keine Sanierungen vorab ankündigen wolle.
- Wann der Bau saniert wird, ist nach wie vor offen.
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Nun heißt es: " Ja, umfassende Instandsetzungsarbeiten der Anlage sind in Planung". Ein Datum könne man "seriöserweise" bislang nicht nennen. Die WMU plant im September einen umfassenden Protest, KPÖ-Sprecher Max Veulliet betont: "Die KPÖ steht immer an der Seite von Mietern, die gegen Missstände aktiv werden. Die Stadt Wien sollte bekannt sein als bester Vermieter der Stadt - nicht als schlechtester".
Zur Website der WMU geht es hier, derzeit wird ein jährlicher Mitgliedsbeitrag von 120 Euro verlangt. Dafür wird "dauerhafter Mieterschutz" versprochen, laut Göksu wird das Geld etwa für weitere Gutachten verwendet. Dabei muss erwähnt werden, dass es auch kostenlose Angebote für solche Fälle gibt, etwa die städtische Mieterhilfe oder die SPÖ-nahe Mietervereinigung.
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