Menschen im Gespräch
"Es gibt mittlerweile mehr Gärtner als Totengräber"

Clemens Frauscher am grünen St. Barbara Friedhof.
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  • Clemens Frauscher am grünen St. Barbara Friedhof.
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Friedhofsverwalter Clemens Frauscher über seinen Traumjob, Zeitgeist, Feldhasen und Obdachlose.

LINZ. Clemens Frauscher ist gebürtiger Innviertler und verwaltet seit 2009 den St. Barbara Friedhof und die umliegenden Liegenschaften in Linz.

Sind Allerheiligen und Allerseelen der Höhepunkt im Arbeitsjahr eines Friedhofsverwalters?
Das kann man so sagen. Da kumulieren die Frequenz am Friedhof und die Veranstaltungen, sowohl die traditionellen, als auch Ausstellungen und Vorträge, mit denen wir Trauerkultur entwickeln wollen. Es sind auch viele Leute am Friedhof, die nicht so häufig kommen. Da treten am meisten Fragen auf.

War es immer schon Ihr Traum, auf einem Friedhof zu arbeiten?
Es war kein Traum. Aber bei Reisen in großen Städten haben Friedhöfe schon immer zum Pflichtprogramm gehört. Ansonsten hat mich vor elf Jahren ein Anruf erwischt, als ich grade jobmäßig im Umbruch und offen für Neues war. Ich habe sehr bald gesehen, dass mit den Möglichkeiten am Barbara Friedhof, der Natur, der gewissen Eigenständigkeit als Stiftung, sehr viel gemacht werden kann, was wirklich herausfordernd ist. Es ist ein Traumjob geworden.

"Lösungen für Jahrhunderte"

Was sind die Besonderheiten, wenn man einen Friedhof managt?
Mit Sicherheit die Balance zu finden zwischen Wirtschaftlichkeit und dem individuellen Eingehen auf persönliche Wünsche und Befindlichkeiten von Trauernden und Friedhofsbesuchern. Das ist auch eine Balance zwischen Schnelligkeit und Langsamkeit. Wir müssen eine vernünftige wirtschaftliche Gebarung schaffen und uns als Dienstleister im 21. Jahrhundert bewegen. Das erfordert Schnelligkeit und Flexibilität. Auf der anderen Seite gilt es Lösungen zu finden, die vielleicht wieder für Jahrhunderte Bestand haben – ob das jetzt neue Grabformen sind oder die Grünraumgestaltung.

Was unterscheidet einen kirchlichen von einem städtischen Friedhof?
Im Grunde sind beide heutzutage offen für alle Konfessionen. In einer Welt, wo es zwar noch viele Taufscheinkatholiken, aber nur wenige Kirchgänger gibt, würden wir den Friedhof mit Sicherheit nicht mehr wirtschaftlich führen können, wenn wir nur jene bestatten, die das Katholische in der ganzen Breite praktizieren. Wir bieten alle alles an. Bei uns gibt es muslimische Begräbnisse, Hindus und so weiter. Am ehesten unterscheidet uns vielleicht, dass wir nicht so zeitgeistig und trendig auftreten. Ein Mitbewerber hat darüber nachgedacht, einen eigenen I-Phone-Sarg zu entwickeln, der an der Oberfläche wie ein I-Phone aussieht. Das ist uns wirklich fremd. Wir wollen aber sehr wohl modern sein, so wie die Diözese Linz generell ist. Bei den Ritualen haben wir tendenziell noch einen höheren Anteil, die mit dem Priester durchgeführt werden. Auch der Erdbestattungsanteil ist bei uns noch eine Spur höher als bei anderen Friedhöfen, etwa zwei Drittel sind aber schon Einäscherungen.

Der hohe Grünanteil macht den St. Barbara Friedhof zu einer innerstädtischen Oase.
  • Der hohe Grünanteil macht den St. Barbara Friedhof zu einer innerstädtischen Oase.
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Welche Vorgaben gibt es bei der Grabgestaltung? Was ist alles erlaubt?
Bei uns wird sehr auf die grüne Gestaltung des Grabes geachtet. Man muss einen halben Quadratmeter pro Bestattungsfläche grün belassen oder grün gestalten. Auf dem Friedhof sieht man nicht nur die 1.200 Bäume und die Sträucher, die Fläche lebt auch von den vielen grünen Gräbern. Andere Friedhöfe haben den individuellen Wünschen der Kunden folgend sukzessive alle Bäume weggegeben, weil ein Baum halt Mist macht und Laub abwirft. Da wurde alles mit Kies oder Steinplatten belegt. Im Sommer kann man sich da gar nicht mehr darauf bewegen, weil sie sich so aufheizen und sie haben natürlich einen Teil von ihrem Charme verloren.

Gibt es bei den Grabsteinen Vorgaben?
Die christlichen Empfehlungen gehen dahin, dass zumindest der Name erkenntlich ist und nach Möglichkeit ein christliches Symbol dabei ist. Aber Vorschriften gibt es da keine.

Es gibt kein Gesamtbild, das gewahrt werden muss?
Nein, gibt es nicht. Der Grabstein muss der Standfestigkeit und den bautechnischen Erfordernissen entsprechen und auch von einer Baufirma oder einem Steinmetz abgenommen sein. Aber alles, was nicht wider die guten Sitten oder den guten Geschmack ist, ist erlaubt. Wir haben zum Beispiel ein Videograb mit Solarbetrieb, das vor zehn Jahren noch ein Aufreger war.


"Mehr Gärtner als Totengräber"

Gibt es eigentlich Platzprobleme auf dem Friedhof?
Eher das Gegenteil. Bis in die 1980er-Jahre war es bei uns praktisch unmöglich, einen freien Grabplatz zu finden, wenn man nicht wirklich im direkten Einzugsbereich gewohnt hat. Mittlerweile sind von 20.000 Grabplätzen 4.000 frei. Das hat mit der geringeren Behaltedauer von Gräbern und dem hohen Kremationsanteil zu tun. Wir haben auch weit über 1.000 spezielle Urnengrabstätten in Stelen und Wandnischen, die viel weniger Platz brauchen. Das alles macht den Friedhof ja nicht unattraktiver, aber es sind neue Herausforderungen. Unsere Mitarbeiter machen zunehmend weniger Erdbegräbnisse. Die Grünpflege wird immer mehr. Es gibt mittlerweile mehr Gärtner als Totengräber.


Alle Gräber werden fotografiert

Was passiert mit alten Grabsteinen von aufgelassenen Gräbern?
Ein großer Teil der aufgelassenen Gräber ist kunsthistorisch nicht von Wert. Wir haben aber Fotodatenbanken. Seit den 2000er-Jahren werden alle Gräber regelmäßig fotografiert. Wertvolle Gräber werden oft von den Angehörigen mitgenommen und ganz besondere werden auch von uns am Friedhof erhalten.

Wie viele Menschen liegen hier insgesamt begraben?
Wir reden hier von etwa 200.000 Bestatteten. Etwa 175.000 haben wir auch namentlich im System.

Was waren die größten Begräbnisse in jüngerer Zeit?
Schachermayer war ein großes Begräbnis mit vielen Hundert Menschen, dann diverse Priester, Anwälte, Primari.

Im Stifter-Jahr hat Frauscher den Schriftsteller für sich entdeckt.
  • Im Stifter-Jahr hat Frauscher den Schriftsteller für sich entdeckt.
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Welche Grabstätte ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen?
Im Stifterjahr hat Stifter natürlich sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, auch von meiner Seite. Dann das Grab von der Schriftstellerin Enrica von Handel-Mazzetti. Immer wieder berührend und auch traurig ist die große Kindergrabstätte der ehemaligen Landesfrauen- und Kinderklinik. Zweimal im Jahr haben wir eine große Feier, wo Hunderte Leute da sind, die im letzten halben Jahr ein Kind verloren haben. Dann gibt es einfach wunderschöne alte Gräber. Das jugendstilähnliche Grab im Westteil etwa oder das Grab von Andreas Reischek, ein Ehrengrab der Stadt Linz.

Wie viele Ehrengräber gibt es?
22 von der Stadt Linz und neun vom Land OÖ.

Was kostet eigentlich so eine imposante Gruft?
Das geht nur nach der Fläche. Die Drei-mal-drei-Meter-Gruft kostet 1.180 Euro Miete für zehn Jahre. Das Wandgrab ist gleich wie die Gruft. Es gibt zwar den Megatrend zu weniger Behaltedauer, aber auch wohltuende Ausnahmen. Gruften und Wandgräber werden nicht so oft gewechselt oder aufgelassen.

Wie ist die Beziehung zum jüdischen Friedhof?
Es ist ein freundschaftliches Miteinander. Bei der Grünschnittentsorgung und beim Baumschnitt unterstützen wir sie. Wir graben auch das Grab bei einem Begräbnis. Wir sind sehr froh, dass die Sanierung jetzt endlich kommt. Wir haben schon seit Jahren kleinere Ausbesserungen mitgemacht und immer wieder darauf hingewiesen, bevor die Mauer ganz verfällt, weil sie schon so offen war.


"Laden ein, zu verweilen"

Der Friedhof ist auch ein Freizeitraum geworden, eine grüne Oase mitten in der Stadt. Gibt es spezielle Verhaltensregeln?
Rad fahren ist nicht erlaubt, denn wir versuchen die rein sportlichen Aktivitäten draußen zu halten. Wir haben einen Herrn, der in der Früh zum Grab läuft und dann eine kurze Gedenkminute hält. Dem verbieten wir das nicht, aber wir wollen kein Joggingparadies werden. Wir laden die Menschen aber ein. Die Sitzbänke und alles ist dazu gedacht, dass man hier auch länger verweilt. Zur Trauerkultur gehört auch, dass ich gerne auf den Friedhof gehe, weil es hier auch schön ist und man das Thema Tod und Trauer nicht mehr so angsterfüllt und so negativ empfindet. Das ist natürlich auch ein bisschen Werbung.

Frauscher beim Grab der Schriftstellerin Enrica von Handel-Mazzetti.
  • Frauscher beim Grab der Schriftstellerin Enrica von Handel-Mazzetti.
  • Foto: BRS/Diabl
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Auf der Website ist etwas von Wildtiermanagement zu lesen.
Wir haben richtige Feldhasen, die keine natürlichen Feinde haben. Wir müssen die Population also halbwegs im Griff behalten. Das machen wir mit einem Wildbiologen vom Landesjagdverband.

Wie groß ist die Population?
Das wissen wir nicht. Einige Dutzend, aber das ist auch für den Jäger nicht wirklich einschätzbar.


Begegnungen mit Obdachlosen

Was war ein besonderes Erlebnis auf dem Friedhof?
Die auffälligsten Begegnungen waren mit Obdachlosen in der Nacht, die sich da teilweise einsperren haben lassen. Da schreckt man sich natürlich. Der Friedhof ist auch ein Eck in der Stadt, wo sich Menschen mit besonderen Bedürfnissen gerne hinbewegen. Wir haben lange Zeit eine Frau gehabt, die auch ziemlich verwahrlost war und ständig ihr imaginäres Baby geschaukelt und gestillt hat. Über die Jahre gibt es Dutzende, die da zeitweise ihr Refugium gefunden haben.

Wie geht man mit diesen Leuten um?
Mein Stil ist es, das – soweit es irgendwie tragbar ist – zu tolerieren und sie eben ein bisschen wegzuschieben vom Zentralgebäude, wo der Begräbniszug ist. Wenn sie irgendwo hinten auf einem Bankerl sitzen, nicht laut sind und nicht großartig Müll hinterlassen, dann wird das toleriert. Es gibt aber Leute, die schwer alkoholisch beeinträchtigt sind.

Worauf sind Sie gerade besonders stolz?
Wir haben es gemeinsam mit einer Gruppe von Studierenden von der Bruckneruni geschafft, ein neues Service für Bestatter und Angehörige zu bieten. Wir bringen mit einem Leihklavier, einem hochwertigen Konzertflügel, wieder Livemusik auf den Friedhof zurück, gemeinsam mit sechs oder sieben Pianisten und fünf Sängern von der Bruckneruni. Man kann entweder Klavier oder Klavier und Gesang buchen. Wir haben das über den Sommer getestet und sind schon gebucht worden. Auch da geht es wieder um Trauerkultur. Das schafft ganz eine andere Atmosphäre und Tiefgang beim Begräbnis.


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