Kolumne von Roul Starka
Schulbeginn in meinem St. Pölten
- Schriftsteller Roul Starka schreibt jede Woche über das Leben in St. Pölten
- Foto: zVg / privat
- hochgeladen von Lauren Fahrenberger
Roul Starka ist ein Schriftsteller aus St. Pölten. Für MeinBezirk schreibt er jede Woche eine Kolumne über das Leben in der Landeshauptstadt. Dieses Mal geht es um den Schulbeginn in St. Pölten.
ST. PÖLTEN. „So jetzt kommt der Ernst des Lebens“, hat meine Oma gesagt, als ich mit sieben Jahren begann, in die Schule zu gehen. Grillparzer Volksschule. „Knaben“ und „Mädchen“ stand oben am großen Haus. Der Geruch, die Mischung aus Bleistift, Füllfeder, das Leder der Schultasche, das Plastik des Federpennals. Die Aufregung von uns Kindern, vermischt mit Baumwolle. Das Dralon der Omaschürze und das zartbittere Dampfen der älteren Lehrer.
Frau und Mann
Gegendert wurde noch nicht, dies als wertfreie Anmerkung. Doch Frauen waren damals noch sehr „am Herd“ und „in der Küche“, bekamen Mixer und Kreuzweh, Blumen am Muttertag. Und Topflappenaufhängevorrichtungen. Langes Wort, aber für die Wörter waren eh die Männer zuständig. Na so ein Glück aber auch.
Respekt vor Menschen und Wörtern
Ich habe jetzt im handschriftlichen Erstentwurf das Wort ‚Lebensanschaffung‘ am Rand des Heftes so geteilt, abgeteilt: „Lebensanschaf = fung“. Beim Erlernen dieses Abteilens mussten wir in der Klasse aufstehen und sagen: „‘Lebensanschaf‘, ich teile ab, ‚fung‘“. Während der Teilung klatschten wir zweimal in die Hände: „Lebensanschaf (klatsch) fung (klatsch).“ Plus Begleittext, siehe oben. Jetzt rieche ich Radiergummi, Milch, Kakao, Salzstangerl und Semmerl. Geruch von Holz und Staub, Papier und Bücher, transparenter Plastikumschlag, rot, für das A5-Schulheft.
Hände und Blätter
Ich sehe die Hände meiner göttlichen Frau Lehrerin Weinauer und höre das Rascheln der Blätter des Buches und der Blätter der Kastanienbäume, Platanen, Buchen, Eichen. Wir konnten diese Bäume unterscheiden, wir hörten und spürten am Wandertag die kleinen Steine unter unseren kleinen Füßen.
Frei und verliebt
Letzte Stunde, es klingelt, Samstag 10 Uhr 30. Große, schwarze Zeiger auf weißem Ziffernblatt winken mir zum Abschied ins Wochenende. Indianer und Matchboxautos, Lamborghini Miura und Winnetou. Wie Federn und Metall, Reifen und Winnetous Schwester Nscho-tschi. Ich habe dank der Frau Lehrerin Weinauer alle Träume bekommen. Der Lamborghini ist ein Mazda, aber ich glaube an das Christkind wie damals 1969 und hoffentlich noch lange. ‚Nscho-tschi‘ heißt ‚schöner Tag‘ - und wir fahren jetzt nach Jesolo.
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